{"id":17211,"date":"2006-10-23T09:03:31","date_gmt":"2006-10-23T09:03:31","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/10\/fernando-molica-krieg-in-mirandao\/"},"modified":"2022-06-07T19:53:58","modified_gmt":"2022-06-07T17:53:58","slug":"fernando-molica-krieg-in-mirandao","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/10\/fernando-molica-krieg-in-mirandao\/","title":{"rendered":"Fernando Molica: Krieg in Mirand\u00e3o"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer oder was bestimmt eigentlich dar\u00fcber, wie Kriminalliteratur auszusehen, zu funktionieren hat? Genre-Theoretiker? Kritiker? \u00dcber \u00e4sthetische und poetologische Fragen r\u00e4sonnierende AutorInnen? Das lesende Publikum? Ja, sicher, die machen das. Die schwadronieren, experimentieren oder transportieren einfach die ewigen Gesetze von Spannung und Dramaturgie durch die Zeitl\u00e4ufte. Aber eine Instanz, die gewichtigste, haben wir vergessen: die Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u201eKrimi aus Rio\u201c nennt Fernando Molica seinen Roman \u201eKrieg in Mirand\u00e3o\u201c. Krimi? Der Leser wundert sich. Nein, das kann nicht Krimi sein, und dass Krimi draufsteht, ist eine Unversch\u00e4mtheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n, klar, gut. Wir begeben uns in die Slums von Rio de Janeiro, die Favelas, wo die Drogenbarone regieren und Mord zu den t\u00e4glichen Verrichtungen geh\u00f6rt. Eine Gruppe radikaler Linker versucht nun, mit dem Chef der Favela von Mirand\u00e3o zu kooperieren, im gegenseitigen Interesse: Schutzgeld von den Gesch\u00e4ftsleuten des \u201ebesseren\u201c Viertels kassieren, daf\u00fcr im Gegenzug keine Verbrechen mehr, die Mittel werden f\u00fcr die Verbesserung der Lebens- und Bildungsverh\u00e4ltnisse eingesetzt, alles stabilisiert sich, der Drogenk\u00f6nig kann in Ruhe dealen und expandieren und die Linke fr\u00f6hlich politisieren und die Stadtguerilla f\u00fcr die unausweichlich nahende Revolution aufbauen. Und, oh Wunder, es scheint tats\u00e4chlich zu funktionieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Kosten des konditionierten Krimilesers, hm? Er \/ sie qu\u00e4lt sich durch seitenlange theoretische Diskurse, die an manchen revolution\u00e4ren Gymnasiasten erinnern, der einstmals \u2013 lang ist\u2019s her \u2013 die sozialistische Weltgerechtigkeit theoretisch ausarbeitete, bevor es ihm d\u00e4mmerte, Geschlechtsverkehr und Bausparen seien vielleicht doch einfacher in die Tat umzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich wird munter gemordet in Mirand\u00e3o. Nat\u00fcrlich gibt es korrupte Polizisten, zynische Journalisten und gr\u00fcbelnde Idealisten. Aber ein Krimi nach unseren Vorstellungen will sich partout nicht entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das liegt an den Verh\u00e4ltnissen. Die in all ihrer Trost- und Perspektivlosigkeit zu beschreiben, das konstituiert wie selbstverst\u00e4ndlich kriminelle Strukturen abseits jener k\u00fcnstlich erzeugten \u201eNormabweichungen\u201c, deren Spannung uns gew\u00f6hnlicherweise entspannt. Nicht die Taten von \u201eVerbrechern\u201c machen also den Krimi und schreiben seine Dramaturgie nach den bekannten Regeln. Eine Ordnung wird in Frage gestellt, die Ordnung des Elends, des Rassismus, der Geld- und Machtgier, und am Ende wird im blutigen Showdown diese Ordnung wieder hergestellt. Das ist ja gute alte Krimitradition, sicher, aber eben die andere, die dunklere Variante.<\/p>\n\n\n\n<p>Erinnert uns das an Hammetts \u201eRote Ernte\u201c? Sollte es, und zwar stark. Molicas Roman ist die moderne brasilianische Adaption der klassischen Story des Noir, die ja nicht nur inhaltlich neue Ma\u00dfst\u00e4be setzte, sondern auch formal-dramaturgische. Die Verh\u00e4ltnisse selbst sind das Verbrechen, die biedere Whodunit-Frage und ihre noch biedereren Implikationen wuchern zur Analyse von Macht und ihren Helfershelfern, m\u00fcnden in die Frage nach \u201eNormalit\u00e4t\u201c und der Natur ihrer B\u00fcttel Recht &amp; Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Der \u201eKrieg in Mirand\u00e3o\u201c wird gewonnen. Von den Falschen, aber wahrscheinlich kann es nur Falsche auf beiden Seiten geben. Alles geht wieder seinen Gang, normal halt. Der Krimi bleibt Krimi \u00fcber sein Ende hinaus, denn die Verh\u00e4ltnisse haben sich nicht ge\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Fernando Molica: Krieg in Mirand\u00e3o. <br \/>Edition Nautilus 2006. 188 Seiten. 13,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer oder was bestimmt eigentlich dar\u00fcber, wie Kriminalliteratur auszusehen, zu funktionieren hat? Genre-Theoretiker? 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