{"id":17216,"date":"2006-10-24T07:42:13","date_gmt":"2006-10-24T07:42:13","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/10\/don-winslow-the-power-of-the-dog\/"},"modified":"2022-06-15T01:05:47","modified_gmt":"2022-06-14T23:05:47","slug":"don-winslow-the-power-of-the-dog","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/10\/don-winslow-the-power-of-the-dog\/","title":{"rendered":"Don Winslow: The power of the dog"},"content":{"rendered":"\n<p>Mexikanische Drogenbosse, die Lieferungen ihrer Waren nach America im gro\u00dfen Ma\u00dfstab organisieren, ein Mitarbeiter der amerikanischen Drogenpolizei von der Obsession getrieben, eben jenen Drogenbosse das Handwerk zu legen, eine kalifornische Edelnutte, welche die Liebe ihres Lebens verliert, New Yorker Mafia Mitglieder und die Geheimen Dienste Amerikas mit ihren (un)heimlichen Missionen in Mittelamerika.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Don Winslow verwebt in \u201eThe Power of the Dog\u201c viele Geschichten zu einem komplexen Gespinst. \u00dcber den Zeitraum von knapp 20 Jahren verfolgt der Leser, wie die Akteure miteinander und gegeneinander agieren, wie Allianzen geschmiedet und gebrochen werden, wie private Beziehungen zu Bruch gehen und wie neue entstehen und wie ambivalent Beziehungen zwischen \u201eGuten\u201c und \u201eB\u00f6sen\u201c, aber auch von Personen der \u201egleichen Seite\u201c sein k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Don Winslow ist ein au\u00dfergew\u00f6hnliches, ja herausragendes Buch gelungen. Ein Epos geradezu, welches den Aufstieg und Fall der Sippe der Barreras, Onkel und zwei Neffen protokolliert. Ausgehend von der Zeit als der Onkel noch als Polizist arbeitet, entwickeln sich die Barreras mit \u201eSilber oder Blei\u201c (Bestechung oder Tod) und aufgrund der guten Verbindungen zu den geheimen amerikanischen Diensten mehr und mehr zu einem m\u00e4chtigen Kartell. Gegenspieler ist Art Keller, ein US-amerikanischer Drogenfahnder, den der Onkel anfangs benutzte um sich seiner Widersacher zu entledigen. Es ist also eine Sache der Ehre &#8230; fanatisch setzt Keller alles daran die Sippe auszuschalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist, nat\u00fcrlich, dem Thema angemessen, ein brutales Buch, ein H\u00f6llenritt, eine Tour de Force. Es scheint kaum m\u00f6glich, die vielen Toten und Entstellten zu z\u00e4hlen, die beide Parteien in Kauf nehmen. Und dennoch, ist es viel mehr als ein brutaler mit Action vollgepumpter Thriller. Die Personen Winslows sind sehr gut gezeichnet, die handelnden Charaktere vielschichtig. Von ihren Emotionen getrieben, sind Konflikte und Schl\u00fcsselstellen der Geschichte glaubw\u00fcrdig in die Handlung eingebunden und leiten sich logisch aus den Handlungen ab. Diese Personen, mit ihren mitunter sich auch \u00e4ndernden Pl\u00e4nen und ihre vielf\u00e4ltigen Beziehungen, bilden die Grundlage f\u00fcr einen hochkomplexen Plot.<\/p>\n\n\n\n<p>Wunderbar variiert Winslow das Tempo. Nach hochrasanten und -dramatischen Phasen folgen ruhigere, in denen nicht nur das Nervenkost\u00fcm der Leser geschont wird, sondern Winslow sich auch Zeit l\u00e4sst, seine Personen zu entwickeln. Es gibt sicher Leser, die ihm hier mitunter den Vorwurf der Selbstverliebtheit machen w\u00fcrden. So beschreibt er zum Beispiel wie die Drogenlieferanten sich zur \u201evertically integrated polydrug operation\u201c weiter entwickeln. Er schildert wie die Hierarchien abgeflacht wurden, g\u00fcnstige Bedingungen f\u00fcr Neueinsteiger geschaffen wurden, Finanzdienstleitungen (wie Geldw\u00e4sche oder Versicherungsm\u00f6glichkeiten von Drogentransporten) f\u00fcr die selbstst\u00e4ndig Gewerbetreibenden des Kartells eingef\u00fchrt wurden und beschreibt den Aufwand den es bedurfte, um den sicheren Grenz\u00fcbertritt in die USA zu gew\u00e4hrleisten. Man meint als Leser hier richtig zu sehen, wie viel Spa\u00df es Winslow machte, sich seine Drogenwelt zusammenzuschreiben (und doch ist er wohl recht nahe an der Wahrheit). Kein Buch also f\u00fcr zwanghafte 200 Seiten-pro-Buch-Leser, viel zu komplex auch, zu politisch sowieso.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn letztlich w\u00e4re es ja ein eminentes Thema, weswegen es einem Land wie den USA nicht gelingen will, das Drogenproblem nicht wenigstes zu mildern. Winslow f\u00fchrt den Lesern ein in die Gebiete der Produzenten, die K\u00f6pfe der Lieferanten und die Strategien der US-Geheimdienste. Letztlich, so erfahren wir und sind es auch gerne bereit zu glauben, ist es eine Frage der Priorit\u00e4ten und hier lasse sich bei der US-amerikanischen Politik (sp\u00e4testens) seit Vietnam eine Kontinuit\u00e4t der ideologiebetonten Analyse und L\u00f6sung von au\u00dfenpolitischen Themen beobachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein pralles und volles Buch also. Nie aber wirkt es zergliedert oder zerfasert. Die zahlreichen Wechsel der Perspektive erfolgen ruhig und geben Winslow die Gelegenheit Atmosph\u00e4re zu schaffen und sich auszulassen \u00fcber das Drumherum des jeweiligen Objektes. Er schreibt mit einer Sprache, die sich dezent im Hintergrund h\u00e4lt und dann ansatzlos K\u00f6rper zerfetzt und K\u00f6pfe zerschmettert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass dieses Buch den deutschen Lesern vorenthalten wird, werden nur die notorischen N\u00f6rgler, die hinter jeder Darstellung in einem Buch den Alumnus eines \u201ecreative writing\u201c Seminar vermuten, nicht bedauern. Den anderen Lesern entgeht ein Buch, welches mit seiner gnadenlosen Konsequenz, seiner lakonischen Gewaltdarstellung und seiner protagonisteneinbeziehenden Komplexit\u00e4t tats\u00e4chlich [ja, ich wei\u00df, es ist ein Klischee] an James Ellroy erinnert.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Don Winslow: The power of the dog. <br \/>Vintage Crime 2006. 542 Seiten. 13, 50 \u20ac <br \/>(noch keine deutsche \u00dcbersetzung)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mexikanische Drogenbosse, die Lieferungen ihrer Waren nach America im gro\u00dfen Ma\u00dfstab organisieren, ein Mitarbeiter der amerikanischen Drogenpolizei von der Obsession getrieben, eben jenen Drogenbosse das Handwerk zu legen, eine kalifornische Edelnutte, welche die Liebe ihres Lebens verliert, New Yorker Mafia Mitglieder und die Geheimen Dienste Amerikas mit ihren (un)heimlichen Missionen in Mittelamerika.<\/p>\n","protected":false},"author":42,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[397,474],"class_list":["post-17216","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives","tag-buchkritik","tag-krimi"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Bernd Kochanowski","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/bernd-kochanowski\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17216","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/42"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17216"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17216\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17216"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17216"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17216"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}