{"id":17219,"date":"2006-10-26T08:04:55","date_gmt":"2006-10-26T08:04:55","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/10\/michael-connelly-vergessene-stimmen\/"},"modified":"2022-06-15T00:16:24","modified_gmt":"2022-06-14T22:16:24","slug":"michael-connelly-vergessene-stimmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/10\/michael-connelly-vergessene-stimmen\/","title":{"rendered":"Michael Connelly: Vergessene Stimmen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Es gibt diese Krimis: Sie sind nicht \u201esubjektiv\u201c erz\u00e4hlt, sondern pr\u00e4sentieren ihre Geschichte distanziert; so distanziert, dass man die Stimme des Autors zwischen denen seiner Personen und manchmal auch \u00fcber ihnen zu h\u00f6ren glaubt. Halbdokumentarisch k\u00f6nnte man das nennen, analog zur klassischen \u201eDragnet\u201c-Serie und ihrem deutschen Pendant \u201eStahlnetz\u201c. Die Taktik ist durchsichtig. Authentizit\u00e4t soll suggeriert werden, beinahe aktenm\u00e4\u00dfiges Ausbreiten der Geschehnisse, Wahrhaftigkeit eben oder doch wenigstens ihr banaler Ableger, \u201edie Wahrheit\u201c. Michael Connellys \u201eVergessene Stimmen\u201c ist so ein Versuch, und er gelingt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Harry Bosch ist zur\u00fcck. Vor drei Jahren desillusioniert aus dem Polizeidienst ausgeschieden, nimmt er seinen Dienst beim Los Angeles Police Department wieder auf. Er wird einer neuen Abteilung zugewiesen, die sich mit \u201ekalten F\u00e4llen\u201c, ungekl\u00e4rten Morden also, besch\u00e4ftigt, den \u201evergessenen Stimmen\u201c des Titels. Gemeinsam mit seiner alten Partnerin Kiz Rider widmet er sich dem Fall einer 1988 ermordeten Sechzehnj\u00e4hrigen. Immerhin: Es gibt eine neue Spur, eine DNA-Analyse, die auf einen der Tat Verd\u00e4chtigen verweist. Bosch und Rider tragen nun ihr Material zusammen und geraten immer tiefer ins Milieu amerikanischer Neo-Nazis, aber auch das der polizeiinternen Intrigen und Vers\u00e4umnisse. Freunde machen sie sich damit nicht; den Tatverd\u00e4chtigen wirklich festnageln k\u00f6nnen sie damit auch nicht. Zumal ihn die Ermittler selbst lediglich f\u00fcr einen unfreiwilligen Helfershelfer des eigentlichen T\u00e4ters halten. Um den endg\u00fcltigen Beweis in die Hand zu bekommen, muss in einer aufwendigen und raffinierten Aktion getrickst werden. Und das geht f\u00fcrchterlich schief&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine fast bed\u00e4chtig anrollende Geschichte ist das. Man befragt die Beteiligten und Zeugen von damals, liest die alten Akten wieder und wieder, spekuliert, verwirft, spekuliert erneut. Die Protagonisten bleiben au\u00dferhalb ihrer Berufsarbeit schemenhaft, was zu Connellys Strategie geh\u00f6rt, die eben auf den Fall an sich fixiert ist und ihn mit beinahe wissenschaftlicher Akribie ausbreitet. Das klingt nun arg nach Rei\u00dfbrettkrimi, genauem Abzirkeln der Handlungskreise, und so ist es, technisch gesehen, durchaus. Das Elend der Eltern des ermordeten M\u00e4dchens, die Neonaziszene und ihre Verharmlosung durch die Beh\u00f6rden, all das wird \u201eaufgearbeitet\u201c. Aber nicht schlecht, das muss man Connelly lassen, er wird auch hier nicht zum Schw\u00e4tzer oder Moralisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende verl\u00e4sst die Story ihr auf Authentizit\u00e4t getrimmtes Umfeld und mutiert, wie kaum anders zu erwarten, denn doch noch zum schulm\u00e4\u00dfigen Thriller mit allen bekannten Zutaten. Ein dramatischer Showdown, in dem s\u00e4mtliche Unw\u00e4gbarkeiten und Mehrdeutigkeiten des Falles im sicheren Hafen der Gewissheit vor Anker gehen, die Schuldigen bestraft und die Wackeren belohnt werden. F\u00fcr eine kurze Zeit hatte man w\u00e4hrend des Lesens die Hoffnung, Connelly betreibe sein Spiel mit dem Dokumentarischen konsequent und lasse den Fall wenigstens auf dem Papier unaufgekl\u00e4rt und die Leser mit dem erlangten Wissen alleine. Aber das w\u00e4re zuviel verlangt und, ehrlich, die meisten Leser verlangen nat\u00fcrlich genau das, was Connelly ihnen bietet: einen spannenden und logisch aufgebauten Kriminalroman ohne erkennbare Schw\u00e4chen in der Ausf\u00fchrung.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Michael Connelly: Vergessene Stimmen. \nHeyne 2006. 478 Seiten. 19,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt diese Krimis: Sie sind nicht \u201esubjektiv\u201c erz\u00e4hlt, sondern pr\u00e4sentieren ihre Geschichte distanziert; so distanziert, dass man die Stimme des Autors zwischen denen seiner Personen und manchmal auch \u00fcber ihnen zu h\u00f6ren glaubt. Halbdokumentarisch k\u00f6nnte man das nennen, analog zur klassischen \u201eDragnet\u201c-Serie und ihrem deutschen Pendant \u201eStahlnetz\u201c. Die Taktik ist durchsichtig. 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