{"id":17221,"date":"2006-04-05T05:13:18","date_gmt":"2006-04-05T05:13:18","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/04\/cannabis-mythen-cannabis-fakten\/"},"modified":"2022-06-16T02:57:18","modified_gmt":"2022-06-16T00:57:18","slug":"cannabis-mythen-cannabis-fakten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/04\/cannabis-mythen-cannabis-fakten\/","title":{"rendered":"Cannabis Mythen &#8211; Cannabis Fakten"},"content":{"rendered":"\n<p>Das 1997 in den USA erschienene wissenschaftliche Standardwerk &#8222;Marijuhana Myths, Marijuhana Facts&#8220; ist seit neuestem in einer deutschsprachigen Ausgabe erh\u00e4ltlich. Der in Kreisen Hanf-Interessierter recht popul\u00e4re Br\u00f6ckers fungiert als Herausgeber, und gl\u00fccklicherweise auch nur als das: Sowohl seine quasireligi\u00f6sen Lobpreisungen aller denkbaren Verwendungsarten der Pflanze wie seine neuesten wilden Verschw\u00f6rungstheorien tauchen im Buch nicht auf.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das ist aber noch der kleinste Pluspunkt dieses Werkes. 20 Mythen \u00fcber Cannabis als Einstiegsdroge, Kriminalisierer, Gehirnverdampfer etc. werden unter die Lupe genommen. Egal ob es sich um Fahrt\u00fcchtigkeit oder Zeugungsf\u00e4higkeit handelt, Zimmer und Morgan haben sich durch einen Berg von Studien und Statements des 20. Jahrhunderts gegraben. Herausgekommen ist, dass die Gef\u00e4hrlichkeit von Cannabis, egal in welchem Zusammenhang, immer wieder mit nicht reproduzierbaren oder unseri\u00f6sen Studien extrem \u00fcberdramatisiert worden ist. Statistische H\u00fctchenspiele und politische Ignoranz waren die Regel, ganz zu schweigen davon, Cannabis als Verursacher von individuellen Problemen hinzustellen, die schon vor dem Konsum bestanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch f\u00fcr Laien verst\u00e4ndlich referieren Zimmer und Morgan zu Beginn jedes Kapitels den jeweiligen Mythos, erg\u00e4nzt um mehrere belegende Zitate, um daraufhin die zusammengefasste Widerlegung dagegen zu stellen. Anschlie\u00dfend werden ausf\u00fchrlich verschiedene Studien referiert, analysiert und gegeneinander interpretiert, bis gesicherte Erkenntnisse und offene Fragen einigerma\u00dfen klar sind. Das Eingest\u00e4ndnis dieser offenen Fragen spricht f\u00fcr die Redlichkeit der AutorInnen: So wird z.B. weitere Forschung zur im Vergleich zu Tabak geringen Lungensch\u00e4dlichkeit im Spezialfall immunsystemgeschw\u00e4chter AIDS-Infizierter geraten, ebenso wie genauere Erforschung des Einflusses von Cannabis auf die Fahrt\u00fcchtigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl es sich um ein wissenschaftliches Buch voller Fu\u00dfnoten mit empirischen Belegverweisen handelt, ist es sehr unterhaltsam zu lesen und steckt voller Anekdoten. So zum Beispiel die von dem Leistungsmotivationstest, der die Arbeitsmotivation von Gelegenheitskonsumenten mit Dauerbekifften vergleichen sollte. Unter Laborbedingungen wurde harte stupide Arbeit mit Wertmarken verg\u00fctet, die w\u00e4hrend des 31-t\u00e4gigen Tests gegen Joints eingetauscht, aber auch gespart und am Ende zu Bargeld gemacht werden konnten. W\u00e4hrend der ersten zwangsweise rauschfreien Tage arbeiteten die starken Cannabiskonsumenten dabei so viel, dass sie anschlie\u00dfend in ihrer weniger produktiven Phase jede Menge Joints rauchen konnten und zum Schlu\u00df trotzdem noch ebensoviele Wertmarken zum Bargeldtausch wie die Gelegenheitskonsumenten vorweisen konnten. Ergo: Dauerkiffer haben mehr vom b\u00fcrgerlichen Leben?<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia M\u00fcller-Ebeling hat gute \u00dcbersetzungsarbeit geleistet: Amerikanische Institutionen werden strikt mit Originalnamen genannt und sogleich in Kommentarklammern \u00fcbersetzt. Wo neuere europ\u00e4ische Forschungsergebnisse der letzten Jahre bekannt sind, werden auch diese kurz erw\u00e4hnt, wodurch die deutsche Ausgabe auf einem geringf\u00fcgig aktuelleren Stand ist als das Original. Der seit 2003 in eine neue Runde gegangene bundesdeutsche Gerichtsstreit um dem F\u00fchrerscheinentzug taucht allerdings noch nicht auf.<\/p>\n\n\n\n<p>An manchen Stellen scheinen drogenpolitische Einschr\u00e4nkungen durch, die in der wissenschaftlichen Diskussion so schon nicht mehr Konsens sind, n\u00e4mlich die Fokussierung auf Cannabis als besonders legalisierenswerte Droge Abgrenzung zu den auch nur repressiven Mythen, die sich um andere illegalisierte Substanzen ranken. Aber vielleicht ist das ja nur eine Taktik der kleinen Schritte.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Kapitel (wie z.B. Cannabisgesetze und Justiz) beziehen sich so stark auf die USA, dass sie im deutschsprachigen Raum eher von kulturwissenschaftlichem als von aufkl\u00e4rerischem Interesse sind. Erg\u00e4nzend zur Buchlekt\u00fcre m\u00f6chte ich darum noch eine leicht zug\u00e4ngliche Empfehlung geben: Prof. Dr. Stephan Quensel, Birgitta Kolte, Frank Nolte: Zur Cannabis-Situation in der Bundesrepublik Deutschland, Bremer Institut f\u00fcr Drogenforschung 1995. \u2192&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.bisdro.uni-bremen.de\/quenselnl\/brd.pdf\">http:\/\/www.bisdro.uni-bremen.de\/quenselnl\/brd.pdf<\/a> oder \u2192&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.bisdro.uni-bremen.de\/quenselnl\/brd.html\">http:\/\/www.bisdro.uni-bremen.de\/quenselnl\/brd.html<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Lynn Zimmer, John P. Morgan, Mathias Br\u00f6ckers:<br \/>Cannabis Mythen - Cannabis Fakten. Eine Analyse der wissenschaftlichen Diskussion.<br \/>24 \u20ac, Nachtschatten Verlag Solothurn, 2004<br \/>ISBN: 3037881208<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das 1997 in den USA erschienene wissenschaftliche Standardwerk &#8222;Marijuhana Myths, Marijuhana Facts&#8220; ist seit neuestem in einer deutschsprachigen Ausgabe erh\u00e4ltlich. 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