{"id":17230,"date":"2006-10-30T07:35:05","date_gmt":"2006-10-30T07:35:05","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/10\/ein-dicker-hund\/"},"modified":"2022-06-06T17:09:17","modified_gmt":"2022-06-06T15:09:17","slug":"ein-dicker-hund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/10\/ein-dicker-hund\/","title":{"rendered":"Ein dicker Hund"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/wickius.GIF\" alt=\"wickius.GIF\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>(Ex-Kommissar Wickius, nach einer Intrige denk- und kommentarfauler Blogleser seines Amtes enthoben und in den vorzeitigen Ruhestand geschickt, kennt die Verbrechens- und Kriminalliteratur der letzten ca. 2500 Jahre in- und auswendig, er l\u00f6st jeden Fall, indem er das literarische Muster daf\u00fcr sucht. Und Sie? Wissen auch Sie, welche klassischen F\u00e4lle den hier in loser Folge geschilderten Mordtaten zu Grunde liegen? Dann nichts wie ran an die Kommentarfunktion! F\u00fcr alle Unbelesenen gibt es die Aufl\u00f6sung immer ein paar Tage nach der Ver\u00f6ffentlichung der Geschichte.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Friedrich Karl Wickius passierte das Polizeipr\u00e4sidium mit einem akkurat in die milde Luft des Sp\u00e4therbstes gestreckten Mittelfinger. Er grinste, aber nicht lange. Der Tag war zu sch\u00f6n, das Leben war zu sch\u00f6n, die Vergangenheit hingegen nur noch Vergangenheit. Man hatte ihn in den vorl\u00e4ufigen Ruhestand geschickt, eine Intrige, er hatte darunter gelitten, war nach Ibiza geflogen, um sich am Strand zu entleiben, hatte jedoch genau dort eine Frau kennengelernt, es war gegenseitige Liebe auf den ersten Blick gewesen, sie heirateten drei Tage sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Die neue Frau Wickius war verm\u00f6gend. Sie lebte vom Erbe ihrer Eltern und Wickius verwaltete all die Aktien, festverzinslichen Wertpapiere und Immobilien. Man domizilierte im gro\u00dfz\u00fcgigen Herrenhaus auf dem Lande und nur zum Shopping zog es das Ehepaar samt entz\u00fcckendem H\u00fcndchen gelegentlich zur\u00fcck in die Stadt. Heute war so ein Tag. Frau Wickius weilte bei ihrer Schneiderin, Herr Wickius, der kein Kommissar mehr war und sich f\u00fcr weibliche Bekleidung nur interessierte, wenn sie akkurat gefaltet neben dem Bett lag, bummelte durch die Stra\u00dfen. Im Caf\u00e9 Hammer w\u00fcrde man sich treffen und z\u00fcnftig brunchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Caf\u00e9 Hammer war um diese Tageszeit \u2013 kurz vor elf \u2013 noch leer. Nein, ein Mann sa\u00df, das schwere, langhaarige Haupt in die Handfl\u00e4chen geworfen, am entlegensten Tisch, eine Tasse Kaffee dampfte ungetrunken vor sich hin. Wickius grinste zum zweiten Mal an diesem Morgen und steuerte den Tisch an. Dort n\u00e4mlich sa\u00df sein ehemaliger Assistent Oberschiller, den man zum Leiter der Mordkommission bef\u00f6rdert hatte, ein Umstand, der dem jungen und unerfahrenen Beamten nicht nur die Lohnt\u00fcte, sondern auch den Kopf zu f\u00fcllen schien, und das auf ungesunde Weise.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNa, Oberschiller, Sie gr\u00fcbeln? Im Caf\u00e9?\u201c Der Angesprochene schreckte auf und hob den Kopf. \u201eWickius!\u201c st\u00f6hnte er, \u201e\u00e4h&#8230;Herr Kommi&#8212;Herr Ex&#8212;\u201c Wickius setzte sich dem Verwirrten gegen\u00fcber. \u201eEs scheint Ihnen nicht gut zu gehen, Oberschiller, ich sehe das.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Oberschiller nickte bitter. \u201eIhnen entgeht nichts, Herr &#8212; Wickius &#8212; \u00e4h, Chef. Ich wei\u00df nicht mehr weiter. Mein erster eigener Fall, wissen Sie, und ich drehe mich im Kreis wie ein&#8212; ein&#8212;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBrummkreisel\u201c half Wickius vokabul\u00e4r aus.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMeinetwegen. Jedenfalls&#8212;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wickius bestellte einen Kaffee. \u201eNa, dann erz\u00e4hlen Sie mal, Oberschiller. Wer hat denn wen ermordet und warum?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn ich das nur w\u00fcsste, Chef! Also es war so: Dieser Typ, dieser komische Erfinder oder was der war &#8212;- pl\u00f6tzlich verschwunden, verstehen Sie? Ich gehe von einem Gewaltverbrechen aus, denn die Familie des Vermissten, mei, mei, Wickius, das glauben Sie nicht! Der Sohn schlicht bescheuert; die Tochter neurotisch; die geschiedene Frau treibt es mit einem zwielichtigen D\u00e4nen. Gut, sage ich mir. Oberschiller, sage ich mir, das riecht nach Beziehungstat. Und dann &#8212; dann kommen diese Briefe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDiese Briefe?\u201c fragte Wickius interessiert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBriefe, ja. Vom Vermissten. An seinen Rechtsanwalt. Alles sei in Ordnung. Keine Aufregung. Er m\u00fcsse halt nur einmal eine Zeitlang untertauchen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNa, Fall gel\u00f6st!\u201c kombinierte Wickius, doch Oberschillers Gesicht verzog sich bedrohlich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEben nicht, Chef! Jetzt ist die Sekret\u00e4rin des Vermissten ermordet worden und alle Indizien sprechen daf\u00fcr, dass eben dieser Vermisste&#8230;. Aber ich krieg ihn nicht zu fassen! Ich wei\u00df gar-nichts!!!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHm, hm\u201c, sagte Wickius, \u201edas ist d\u00fcnn, sehr d\u00fcnn. Wurde die Sekret\u00e4rin zuf\u00e4llig mit einer schwarzen Statue erschlagen, die einen Vogel darstellt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eStatue? Vogel? Nein, nein, sie wurde erschossen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wickius trank seinen Kaffee auf ex und begann pl\u00f6tzlich zu lachen. \u201eNa, dann ist doch alles klar, Oberschiller! Lesen Sie Ihre Klassiker und verhaften Sie dann &#8212; \u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er unterbrach sich abrupt und schaute aus dem Fenster, vor dem seine sch\u00f6ne junge Frau mitsamt dem wirklich reizenden H\u00fcndchen aufgetaucht war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch muss leider gehen, lieber Oberschiller, aber Sie wissen ja jetzt, wie Sie den Fall l\u00f6sen k\u00f6nnen. \u00dcber Weihnachten und Sylvester sind wir wieder in der Stadt, berichten Sie mir dann doch bitte alles Weitere.\u201c Sprachs, warf ein paar M\u00fcnzen auf den Tisch und verlie\u00df das Caf\u00e9.<\/p>\n\n\n\n<p>Oberschiller weinte. Er sah durch die Scheibe, wie dieser alte Bock seine bet\u00f6rende Frau leidenschaftlich begr\u00fc\u00dfte, wie das unheimlich liebe H\u00fcndchen erfreut mit dem Schwanz wedelte. Oberschiller wollte sterben. Sofort. Er hatte keine Ahnung. Welcher Klassiker? Welche Verhaftung? Er weinte weiter in seinen Kaffee, der schon lange nicht mehr dampfte.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Ex-Kommissar Wickius, nach einer Intrige denk- und kommentarfauler Blogleser seines Amtes enthoben und in den vorzeitigen Ruhestand geschickt, kennt die Verbrechens- und Kriminalliteratur der letzten ca. 2500 Jahre in- und auswendig, er l\u00f6st jeden Fall, indem er das literarische Muster daf\u00fcr sucht. Und Sie? 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