{"id":17236,"date":"2006-11-01T08:04:42","date_gmt":"2006-11-01T08:04:42","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/11\/thomas-maeder-die-unglaublichen-verbrechen-des-dr-petiot\/"},"modified":"2022-06-06T14:46:03","modified_gmt":"2022-06-06T12:46:03","slug":"thomas-maeder-die-unglaublichen-verbrechen-des-dr-petiot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/11\/thomas-maeder-die-unglaublichen-verbrechen-des-dr-petiot\/","title":{"rendered":"Thomas Maeder: Die unglaublichen Verbrechen des Dr. Petiot"},"content":{"rendered":"\n<p>W\u00e4ren \u201eDie unglaublichen Verbrechen des Dr. Petiot\u201c das Produkt einer Autorenphantasie, man w\u00fcrde das Buch mit spitzen Fingern anfassen \u2013 um es in den n\u00e4chsten Papierkorb zu expedieren. Nichts ist eindeutig. Hat Dr. Petiot im von den Deutschen besetzten Paris der vierziger Jahre 20, 60 oder \u00fcber 100 Menschen vom Leben in den Tod bef\u00f6rdert? Wie hat er das \u00fcberhaupt angestellt? Wer war Mitwisser?  Warum verhalten sich Polizei und sonstige Staatsgewalt derart t\u00f6lpelhaft? Warum widersprechen sich Zeugen so offensichtlich und \u00e4ndern ihre Meinung so h\u00e4ufig und unbegr\u00fcndet? Ist ein Prozess, gegen den die Grotesken des \u201eK\u00f6niglich-Bayrischen Amtsgerichts\u201c wie Bilder aus dem Leben wirken, tats\u00e4chlich in der n\u00fcchternen Wirklichkeit vorstellbar?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber nein, dieses Buch des Amerikaners Thomas Maeder, bereits 1980 im Original erschienen, ist kein Phantasieprodukt. Das Leben selbst hat diese schauerliche Geschichte geschrieben und sich damit f\u00fcr alle Zeiten als Autor \u201eder besten Geschichten\u201c disqualifiziert. Doch seien wir nicht ungerecht: Entstanden ist daf\u00fcr ein absolut faszinierendes Buch menschlicher Unlogik und Konfusion.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Arzt Marcel Petiot ist verr\u00fcckt. Das bescheinigt man dem Soldaten des 1. Weltkriegs gerne, er durchl\u00e4uft diverse Irrenanstalten, studiert erfolgreich Medizin und bringt es zum B\u00fcrgermeister seiner Heimatgemeinde. Dort schon treibt er es bunt. Diebst\u00e4hle werden ihm angelastet, Morde sogar, bewiesen werden kann nichts, f\u00fcr eine Amtsenthebung reicht es aber doch. Petiot geht nach Paris und er\u00f6ffnet dort seine Praxis. Die Deutschen haben die Stadt besetzt, Petiot gibt sich als Mitglied der R\u00e9sistance aus, ist bei den meisten seiner Patienten beliebt, weil aufopferungsvoll diensteifrig, Chef eines Schleuserrings sei er zudem, der bedr\u00e4ngten Emigranten, zumeist Juden, zur Flucht ins sichere Ausland verhelfe. Merkw\u00fcrdig nur, dass man von diesen Menschen so gar nichts mehr h\u00f6rt. Daf\u00fcr findet man im Haus des Doktors eines Tages die \u00dcberreste der Vermissten, nebst Bergen von Kleidungsst\u00fccken. Und jetzt beginnt das eigentlich Unglaubliche an diesen Verbrechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind von Anfang an surreal, weil ihr Hintergrund das Unglaublichste \u00fcberhaupt ist, der gr\u00f6\u00dfte Massenmord der Geschichte, auch in Frankreich, wo deutsche Nazis mit Hilfe willf\u00e4hriger Beh\u00f6rden Hunderttausende von Juden fangen und deportieren. Petiot wirkt vor diese Kulisse wie ein kleiner Fisch, und genauso glitschig ist er auch. Er habe nur Verr\u00e4ter ermordet, behauptet er w\u00e4hrend des Prozesses, wobei nie gekl\u00e4rt wird, wie genau er das bewerkstelligt hat. Zeugen gibt es viele, aber die meisten sind v\u00f6llig unglaubw\u00fcrdig und gewaltige L\u00fcgner vor dem Herrn. Kaum etwas Faktisches kommt ans Tageslicht, die ermittelnden Beh\u00f6rden legen eine nicht zu fassende Unf\u00e4higkeit an den Tag. Pikant ist der Fall. Denn wenn Petiot wirklich Mitglied der R\u00e9sistance gewesen sein sollte (es wird nat\u00fcrlich nie ganz gekl\u00e4rt), dann waren seine Taten patriotisch. Ansonsten ist er ein Monster, auf jeden Fall aber ist er verr\u00fcckt, ein schlagfertiger, witziger Verr\u00fcckter allerdings, wie sich bei der Verhandlung zeigt, die nun dem Ganzen die Krone aufsetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Petiot ma\u00dfregelt den Richter, der Verteidiger h\u00e4lt bevorzugt Nickerchen, die Anklage ist schlecht vorbereitet. Kom\u00f6dienstadel. Der psychologische Gutachter wird von der Verteidigung ins Kreuzverh\u00f6r genommen und klassisch humoristisch vorgef\u00fchrt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>FLORIOT [Petiots Verteidiger]: Sie scheinen viele Dinge anzudeuten, f\u00fcr die Sie keinen Beweis haben. Sagen Sie mir, Sie haben auch Petriots Familie examiniert. Wie fanden Sie seine Schwester?<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Gouriou [der Gutachter] z\u00f6gerte. \u201eSie ist ziemlich normal.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>FLORIOT: Sind Sie sicher?<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>GOURIOU: So sicher, wie ich nach einer kurzen psychiatrischen Pr\u00fcfung sein kann.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>FLORIOT: Ja, die Psychiatrie ist schon eine Welt f\u00fcr sich. Petiot hat keine Schwester.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Am Ende wird Petiot von den Geschworenen zum Tode verurteilt, die Indizienlast ist zu erdr\u00fcckend, sein Kopf f\u00e4llt in den Korb bei der Guillotine. Der letzte Satz lautet: \u201ePetiot l\u00e4chelte\u201c. Und wir Leser haben unseren Spa\u00df gehabt und uns an den Unzul\u00e4nglichkeiten des Authentischen gelabt, so schlimm das auch alles im Detail gewesen sein mag. Ein am\u00fcsant schreckliches Buch, eine erhellende Lekt\u00fcre.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Thomas Maeder: Die unglaublichen Verbrechen des Dr. Petiot. <br \/>Semele Verlag 2006 <br \/>(Original: \u201eThe Unspeakable Crimes of Dr. Petiot\u201d, Atlantic Monthly Press 1980, \u00dcbersetzung: Martin Burckhardt). <br \/>336 Seiten. 21,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4ren \u201eDie unglaublichen Verbrechen des Dr. Petiot\u201c das Produkt einer Autorenphantasie, man w\u00fcrde das Buch mit spitzen Fingern anfassen \u2013 um es in den n\u00e4chsten Papierkorb zu expedieren. Nichts ist eindeutig. 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