{"id":17239,"date":"2006-11-02T06:38:11","date_gmt":"2006-11-02T06:38:11","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/11\/norbert-horst-blutskizzen\/"},"modified":"2022-06-11T03:58:11","modified_gmt":"2022-06-11T01:58:11","slug":"norbert-horst-blutskizzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/11\/norbert-horst-blutskizzen\/","title":{"rendered":"Norbert Horst: Blutskizzen"},"content":{"rendered":"\n<p>Leichensache \u2013 Todesmuster \u2013 Blutskizzen. Schon die Titel der Kriminalromane Norbert Horsts weisen den Weg; vom Konkreten \u00fcber das Abstrakte hin zum Vorl\u00e4ufigen. Es ist der umgekehrte Weg, auf dem Ermittler gemeinhin vorw\u00e4rts schreiten, Ermittler, die Polizisten oder Schriftsteller sein k\u00f6nnen oder, wie im Falle Norbert Horsts, beides Blutskizzen. Konstantin Kirchenberg und KollegInnen werden mit einem Serienm\u00f6rder konfrontiert, der \u00e4ltere M\u00e4nner t\u00f6tet und nackt in M\u00fcllcontainern entsorgt. Die Ermittlungen laufen an, erste Muster kristallisieren sich aus dem Faktengemenge, fr\u00fchere unaufgekl\u00e4rte Morde passen ins Raster und recht bald schon ger\u00e4t ein Tatverd\u00e4chtiger ins Visier der Beamten. Er, jetzt biederer Buchhalter, Familienvater und Mitglied einer christlichen Sekte, ist schon einmal wegen des Mordes an einem \u00e4lteren Mann verurteilt worden, und die Indizien, dass er weiterhin t\u00f6tet, verdichten sich bis zur Gewissheit.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Bis zur Gewissheit? Eben nicht. Es sind nur Skizzen, logische Bausteine. Einen schl\u00fcssigen Beweis gibt es nicht. Daf\u00fcr tauchen Fragen auf, die die T\u00e4terschaft des Verd\u00e4chtigen in Zweifel ziehen. Welches Motiv treibt ihn an? Ein sexuelles, blanke Habgier? Und wie vertr\u00e4gt sich das alles mit seinem neu gefundenen Christsein?<\/p>\n\n\n\n<p>Verlassen wir hier kurz die Handlungsebene und wenden uns der stilistischen zu.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDieses Schreien. Der Flur ist leer. Die T\u00fcr. Drei Schritte. Thorsten h\u00e4lt Kontakt, seine Schulter schabt am R\u00fccken, hei\u00df, feucht. Durchatmen, zweimal, schneller Blick ins Zimmer. Leer. N\u00e4chster Raum, stopp, Konzentration. Na denn.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Kein Zweifel: Das ist der Polizist Norbert Horst als Autor Norbert Horst. Skizzen, Faktensammlung, Stichw\u00f6rter, Eckpunkte f\u00fcr eine konventionelle Sprache. Die aber nicht entsteht. Das Primat der vollst\u00e4ndigen S\u00e4tze, der wie auch immer zu definierenden flie\u00dfenden und poetisch eingelegten W\u00f6rter hat ausgedient. Das Skizzenhafte steht nicht am Anfang der Arbeit, ist nicht Grundlage jener sprachlichen Ermittlung, die mit der polizeilichen die Eindeutigkeit des Resultats gemein hat. Das Skizzenhafte ist das Ziel, sowohl sprachlich als auch inhaltlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Das \u00dcberf\u00fchren von T\u00e4tern und das Beschreiben des \u00dcberf\u00fchrens von T\u00e4tern sind identische kommunikative Akte. Dritte wollen \u00fcberzeugt werden: Staatsanwalt, Richter, Medien, Zuh\u00f6rer, Leser, Kritiker. \u00dcberzeugt durch Schl\u00fcssigkeit, Eindeutigkeit, durch eine Kommunikation in einem allgemeinen Regelwerk und unter Bedingungen, die jedermann versteht und akzeptiert. Was an Skizzen gezeichnet worden ist, wird zu Tat- und Sprachmustern, die wiederum zu juristisch oder sprachlich einwandfreien, unangreifbaren Beweisketten und Sprachgebilden, konkreten Gem\u00e4lden also, die sich vom Skizzenhaften emanzipiert haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Norbert Horsts Stilprojekt hingegen erhebt nicht den Anspruch, solche ausgemalten Sprachgem\u00e4lde zu pr\u00e4sentieren. Die Gedankenskizzen selbst werden zu Literatur geformt. Das Medium, mit dessen Hilfe dies bewerkstelligt wird, ist eben dieser Protagonist Kirchenberg, der niemals \u201eich\u201c sagt, sondern die Dinge auf Abstand h\u00e4lt, objektiviert.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eKaum Leute auf den B\u00fcrgersteigen, gleiten vorbei, vereinzelt. Der dritte wird ein Mann sein. Frau, Frau mit Hund, Frau. Verloren. Noch mal. Mann, Frau, Frau. Null zu zwei. Wenigstens einen Punkt, los. Frau, Frau, Mann. Eins zu&#8230; Das war Ernst. Wie sah der denn aus? Furchtbar. Hat der getorkelt. Die Bahn h\u00e4lt, aussteigen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dazu viel w\u00f6rtliche Rede. So entsteht Kommunikation, die keine Einbahnstra\u00dfe ist, vom Empf\u00e4nger, den LeserInnen, Mitarbeit verlangt, eine Re-Subjektivierung, die Kirchenbergs Welt der Faktenaufnahme zur Welt des Lesers macht, der Fakten aufnimmt, wertet, also ermittelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zum Inhalt von \u201eBlutskizzen\u201c. Auch hier kann keine Rede von Eindeutigkeit sein, so sehr uns dies auch suggeriert werden mag. Wohl wird der T\u00e4ter schlie\u00dflich \u00fcberf\u00fchrt, doch die Fragen bleiben unbeantwortet. Wie schon in \u201eTodesmuster\u201c ist der M\u00f6rder am Ende fl\u00fcchtig, es gibt keine Gelegenheit, jene Eindeutigkeit durch ein Gest\u00e4ndnis etwa herzustellen, die die gest\u00f6rte Welt des Verbrechens zur heilen der Verbrechensaufkl\u00e4rung macht. Alles verbleibt im Skizzenhaften: die Frage nach dem Motiv, die Frage nach dem christlichen Einfluss. Einer der Morde gar passt nicht ins Schema, vielleicht hat ihn jemand anderes begangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist ein Kunstst\u00fcck und nicht etwa ein Manifest des Unfertigen, gar k\u00fcnstlerisch Un\u00fcberlegten. Norbert Horst holt das weit \u00fcberstrapazierte, mit allerhand K\u00fcchenpsychologie und blutigen Versatzst\u00fccken vollgepfropfte Thema \u201eSerienmord\u201c auf den Boden des Unerkl\u00e4rlichen, des letztlich Banalen zur\u00fcck. Der Text ist pr\u00e4zise gearbeitet, weil nichts mehr Pr\u00e4zision verlangt als dieses im krimiliterarischen Sinne Unvollendete, das sprachlich und inhaltlich au\u00dferhalb der Norm Angesiedelte, irgendwo zwischen Authentizit\u00e4t und Fiktion, zwischen nicht zu b\u00e4ndigender Wirklichkeit und b\u00e4ndigender Phantasie.<\/p>\n\n\n\n<p>Blutskizzen. Der dritte Teil eines faszinierenden literarischen Projekts; nicht nur sprachlich originell, nein, das w\u00e4re zu wenig und auch die \u201eAuthentizit\u00e4t\u201c der Dienstverrichtung, wie sie der Polizeipraktiker Horst nat\u00fcrlich aus dem FF beherrscht und wiedergibt, ist eine zu vernachl\u00e4ssigende Gr\u00f6\u00dfe. Wichtiger, viel wichtiger ist es, wie die Bearbeitung von Sprache als Herzst\u00fcck der \u00c4sthetik mit der Bearbeitung des Inhalts korrespondiert, wie die Arbeit des Autors zur Arbeit des Ermittlers wird. Und umgekehrt. Beides T\u00e4tigkeiten, die Wirklichkeit konstituieren, Wirklichkeit allerdings, die sich als fragiles Gebilde erweist, als subjektive Aneignung von Fakten und Wahrnehmungen. Das herk\u00f6mmliche Kommunikationsmuster von Kriminalromanen, dieses ledigliche Ver- und \u00dcbermitteln von L\u00f6sungen und den Wegen zu diesen L\u00f6sungen, wird bei Horst au\u00dfer Kraft gesetzt. Es gibt weiterhin Wege, es gibt weiterhin L\u00f6sungen so wie es weiterhin Sprache und Form gibt, aber sie sind vorl\u00e4ufig, sie sind Konstrukte, sie werden an die Leser weitergereicht als diese Provisorien. Krimi ist Sprache und Sprache ist Krimi.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist f\u00fcr die deutsche Krimiszene revolution\u00e4r, nicht nur, aber vor allem, weil es die vielfach als blo\u00dfes Transportmittel missbrauchte Sprache in ihr eigentliches Recht zur\u00fcckversetzt, sich mit dem Inhalt st\u00e4ndig auszutauschen, ihn zu ver\u00e4ndern, durch ihn ver\u00e4ndert zu werden. Die Kriminalromane Norbert Horsts markieren einen H\u00f6hepunkt des Genres hierzulande, und wir besitzen zu wenige davon, um sie nicht geb\u00fchrend zu feiern.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Norbert Horst: Blutskizzen. <br \/>Goldmann 2006. 383 Seiten. 7,95 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leichensache \u2013 Todesmuster \u2013 Blutskizzen. 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