{"id":17248,"date":"2006-11-03T06:44:21","date_gmt":"2006-11-03T06:44:21","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/11\/das-treffen-von-schwerte\/"},"modified":"2022-06-08T01:12:05","modified_gmt":"2022-06-07T23:12:05","slug":"das-treffen-von-schwerte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/11\/das-treffen-von-schwerte\/","title":{"rendered":"Das Treffen von Schwerte"},"content":{"rendered":"\n<p><em>( &#8222;Zur \u00c4sthetik der Kriminalliteratur&#8220; &#8211; so lautete der Titel einer Tagung, die vom 31. Oktober\u20131. November 2006 im Haus Villigst bei Schwerte \u00fcber die B\u00fchne ging. Unser Gesellschaftsreporter Joachim Feldmann hat sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen und erstattet nun exklusiv Bericht (bevor er sich wieder seinem anderen Steckenpferd, der verdienstvollen Zeitschrift \u2192<a href=\"http:\/\/www.am-erker.de\/\">&#8222;Am Erker&#8220;<\/a> widmet.) <\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dass die \u00e4sthetische Wertung von Kriminalromanen immer gut f\u00fcr eine z\u00fcnftige Kontroverse ist, wurde erst vor kurzem wieder an der Auseinandersetzung um das neue Werk von Friedrich Ani deutlich. Allein aus diesem Grund konnte man der Tagung, die einige Dutzend Freunde des Genres zu Allerheiligen in die evangelische Bildungsst\u00e4tte Villigst in Schwerte trieb, mit Spannung entgegensehen. Als Spiritus rector er\u00f6ffnete der Germanist Jochen Vogt von der Uni Duisburg-Essen die Veranstaltung mit dem Versuch, Elemente einer k\u00fcnftigen Theorie des Kriminalromans vorzustellen. Dabei sorgte die Frage, inwieweit die Beharrlichkeit, mit der das Krimigenre bis in die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein den Versuchungen der literarischen Moderne widerstand, als Defizit zu werten sei, f\u00fcr einigen Diskussionsstoff. Vogts These, im Kriminalroman spiele der erz\u00e4hlte Raum eine wichtigere Rolle als die erz\u00e4hlte Zeit und verdiene deshalb besondere interpretatorische Aufmerksamkeit, blieb ebenfalls nicht ohne Widerspruch.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit war die Grundlage f\u00fcr anregende weitere Gespr\u00e4che gelegt, die manche Teilnehmer, tats\u00e4chlich hatten sich zu diesem Zeitpunkt die Teilnehmerinnen bereits zur\u00fcckgezogen, bis weit nach Mitternacht wach hielten. Und immer wieder kam man auf das gro\u00dfe Dilemma der Krimi-Kritik zur\u00fcck, n\u00e4mlich dass sich nur ein Bruchteil der Lesermassen f\u00fcr eine Auseinandersetzung mit dem Genre interessiert, die \u00fcber den blo\u00dfen Austausch von Trivia hinausgeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen untersuchte Walter Delabar mit gro\u00dfer theoretischer Energie, wie der Krimi auf die immer komplexer werdende gesellschaftliche Realit\u00e4t reagiert. Dabei galt sein besonderes Augenmerk neueren Fernsehproduktionen (z B. CSI), die suggerieren, es sei anhand der Untersuchung winzigster Indizien m\u00f6glich, so etwas wie eine rational nachvollziehbare Beweiskette zu konstruieren, die letztendlich zur Aufkl\u00e4rung des Falles f\u00fchrt. Die Welt bleibt somit prinzipiell eine deutbare, man muss halt nur genau genug hinschauen. Eine andere Reaktionsvariante seien Krimis, in denen eben nicht mehr der Ermittler von der Vorstellung geleitet sei, er k\u00f6nne wieder Ordnung in die gest\u00f6rten Verh\u00e4ltnisse bringen, sondern der T\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Thomas W\u00f6rtche sparte im zweiten Referat des Vormittags nicht an Literaturtheorie, um die subversive Kraft des Komischen in der Kriminalliteratur zu analysieren. Romane von Joseph Wambaugh, Carl Hiaasen, Edmund Crispin und vielen anderen lieferten ihm dabei ausreichend Beweismaterial.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer Diskussion von m\u00f6glichen Kriterien bei der literarischen Wertung von Kriminalromanen klang die Tagung aus. Thomas Klingenmaier erl\u00e4uterte am Beispiel der B\u00fccher Uta-Maria Heims, inwieweit der R\u00fcckgriff auf regionale Dialektvarianten bereichernd f\u00fcr die sprachliche Gestaltung sein kann. Sein generelles Urteil \u00fcber die Sprachm\u00e4chtigkeit vieler deutscher Krimiautoren fiel \u00fcbrigens ziemlich vernichtend aus. Mit Intertextualit\u00e4t als Qualit\u00e4tsmerkmal hatte sich der Berichterstatter besch\u00e4ftigt, und zwar am Beispiel von Reginald Hills bemerkenswertem Roman \u201eRecalled to Life\u201c (Ins Leben zur\u00fcckgerufen). An Tobias Gohlis, der die Diskussion moderierte, war es zu fragen, ob denn die Kriterien zur Bewertung von Kriminalromanen grunds\u00e4tzlich andere seien als jene, welche bei \u201enormaler\u201c Literatur herangezogen werden. Zu einem Ergebnis kam man hier nicht. Womit unbedingt die Notwendigkeit erwiesen w\u00e4re, die Tagungsreihe im kommenden Jahr fortzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Joachim Feldmann<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>( &#8222;Zur \u00c4sthetik der Kriminalliteratur&#8220; &#8211; so lautete der Titel einer Tagung, die vom 31. Oktober\u20131. 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