{"id":17256,"date":"2006-11-07T10:00:52","date_gmt":"2006-11-07T10:00:52","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/11\/ja-mei-die-wahrheit\/"},"modified":"2022-06-07T14:58:33","modified_gmt":"2022-06-07T12:58:33","slug":"ja-mei-die-wahrheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/11\/ja-mei-die-wahrheit\/","title":{"rendered":"Ja mei, die Wahrheit&#8230;"},"content":{"rendered":"\n<p>Den ersten \u201emodernen Krimalroman\u201c m\u00f6chte \u2192<a href=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/548\/fragen-und-antworten.html\">Kollege Ludger Menke<\/a> im Auftrag wissbegieriger Leser eruieren \u2013 und der Haken ist nat\u00fcrlich dieses \u201emodern\u201c. Wie bestimmt man nun diese Zeitenwende, diesen Punkt, an dem etwas Etabliertes obsolet, etwas Neues aktuell wurde? Geht das \u00fcberhaupt? Na, versuchen wir\u2019s mal mit einer geistigen Stampede \u00fcber die Steppen der Literaturgeschichte \u2013 und traben am Ende ersch\u00f6pft auf die Weide zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Modern also. Was k\u00f6nnte der \u201eneue Kriminalroman\u201c abgel\u00f6st haben? Nehmen wir an, es habe sich um die \u201eVerbrechensliteratur\u201c gehandelt, von Pitavalia (die true crimes der Altvorderen) bis Schiller, St\u00fccke also, denen wir einen aufkl\u00e4rischen, moralischen Impetus unterschieben wollen. An die Stelle dieses Genres trat ein anderes, auf Psychologie fixiertes, das unter dem Einfluss der Romantik stand. ETA Hoffmann als Stichwort. Dann kam Poe, der Liebhaber der deutschen Romantik und brachte den Positivismus mit: Die Psyche als Bet\u00e4tigungsfeld von Induktion und Deduktion, Logik also, das dunkle Land in uns l\u00e4sst sich verstandesm\u00e4\u00dfig erhellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Poe\u2019schen Ans\u00e4tze wurden nun von zwei Str\u00f6mungen aufgenommen: einer trivial-kommerziellen (wichtig: das Aufkommen von Zeitschriften) und einer weiterhin auf die Psyche konzentrierten. Letztere hatte \u00fcbrigens durchaus eine Tradition in Deutschland, siehe Holteis \u201eSchwarzwaldau\u201c, siehe, zum Ende des Jahrhunderts, Wildenbruchs \u201eDas wandernde Licht\u201c, aber, sch\u00f6n, eine l\u00f6chrige, obskure, nicht wirklich wahrgenommene Tradition. Eine andere, noch obskurere, war die, das Triviale mit dem Politisch-Gesellschaftlichen zu verbinden, Stichwort: Temme, Steckfu\u00df, B\u00e4uerle et al, Opfer der Reaktion auf die 48er Erhebungen. Auch hier: Verl\u00e4uft im Sande.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn das Triviale setzt sich durch: Garboriau, sp\u00e4ter, viel einflussreicher: Conan Doyle. Er stellt die Weichen f\u00fcr das Triviale, f\u00fcr das \u201eGolden Age\u201c der englischen Ladies, er herrscht bis heute im gro\u00dfen Reich des Whodunit und der allwissenden Ermittler.<\/p>\n\n\n\n<p>Paradigmenwechsel in \/ aus den USA: Hammett, \u201eRote Ernte\u201c, Aufhebung der Dichotomie von Gut und B\u00f6se.<\/p>\n\n\n\n<p>Also: Der moderne Roman beginnt mit Doyles \u201eStudie in Scharlachrot\u201c oder \/ und Hammetts \u201eRote Ernte\u201c, vielleicht aber auch schon fr\u00fcher \u2013 aber jetzt wird\u2019s verwirrend und \u00fcberhaupt: Wenn wir dieses Stichwortartige ausarbeiten, mit Fleisch beh\u00e4ngen w\u00fcrden, unsere ganze sch\u00f6ne Chrono-Logik geriete ins Wanken. Auch hier nur Stichworte: Die Psychologie ist keine Erfindung der Romantik. Man nehme sich etwa Karl Philipp Moritz\u2019 \u201eMagazin zur Seelenerfahrungskunde\u201c vor, wo der Zusammenhang Verbrechen \/ psychische St\u00f6rung evident ist, sp\u00e4tes 18. Jahrhundert also, man kann noch weiter zur\u00fcckgehen, durchaus. Au\u00dferdem: Schon Friedrich \u201eMarketing\u201c Schiller verstand sich aufs Triviale. Das wiederum in den R\u00e4uber- und Schauergeschichten des sp\u00e4ten 18. Jahrhunderts h\u00f6chst pr\u00e4sent war, Stichwort \u201eRinaldo Rinaldi\u201c, aber auch in der Hochliteratur von Jean Paul \u201eUnsichtbarer Loge\u201c \u00fcber Goethes \u201eErlk\u00f6nig\u201c bis Schillers \u201eGeisterseher\u201c. Und das Aufkl\u00e4rerisch \/ Moralische ist ja keineswegs aus der Kriminalliteratur verschwunden, ganz im Gegenteil. Es wird heutzutage moralisiert, bis die Schwarte kracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ja, schon gut. Also punktum: Vielleicht gibt es keinen modernen Kriminalroman. Soll ich fies sein und hinzuf\u00fcgen: &#8230;keinen modernen Kriminalroman MEHR? Vielleicht gibt es aber auch viele, vielleicht gibt es \u00fcberhaupt keine Moderne im Krimi, weil, bei genauerem Hinsehen, alles schon mal da war? Vielleicht hei\u00dft &#8222;modern&#8220;: Es kommt auf den Leser an. Je avancierter dessen Besch\u00e4ftigung mit Kriminalliteratur, desto \u00fcberraschender die Funde auch dort, wo das dezidiert Unmoderne zu walten scheint (Ich denke jetzt, um das Chaos komplett zu machen, wieder an Poe, aber nicht an die \u00fcblich verd\u00e4chtigen St\u00fcckchen von ihm). W\u00e4re nun ein ganz anderer Ansatz, k\u00f6nnte aber auch eine Sackgasse sein. Ich wei\u00df es nicht. Ich will es auch gar nicht wissen. Aber es macht Spa\u00df, sich dar\u00fcber Gedanken gemacht zu haben. Und jetz is abba gutt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den ersten \u201emodernen Krimalroman\u201c m\u00f6chte \u2192Kollege Ludger Menke im Auftrag wissbegieriger Leser eruieren \u2013 und der Haken ist nat\u00fcrlich dieses \u201emodern\u201c. Wie bestimmt man nun diese Zeitenwende, diesen Punkt, an dem etwas Etabliertes obsolet, etwas Neues aktuell wurde? Geht das \u00fcberhaupt? 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