{"id":17258,"date":"2006-11-09T08:00:19","date_gmt":"2006-11-09T08:00:19","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/11\/pentti-kirstilae-schwarzer-fruehling\/"},"modified":"2022-06-16T03:01:50","modified_gmt":"2022-06-16T01:01:50","slug":"pentti-kirstilae-schwarzer-fruehling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/11\/pentti-kirstilae-schwarzer-fruehling\/","title":{"rendered":"Pentti Kirstil\u00e4: Schwarzer Fr\u00fchling"},"content":{"rendered":"\n<p>Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger, als viele deutsche Krimiautoren noch auf B\u00e4umen lebten und ihre Leser mit soziologischen Wortbrocken bewarfen, da \u00fcbte Pentti Kirstil\u00e4 schon den aufrechten Gang. Kaurism\u00e4ki hatte den Finnen-an-sich noch nicht filmisch entworfen, diese Mischung aus Sentimentalit\u00e4t und Suff, Schweigsamkeit und Selbstmordanf\u00e4lligkeit, aber wer wollte, der konnte in Kirstil\u00e4s Romanen bereits einen Prototyp dessen erkennen. Wer wollte \u2013 und konnte. In Deutschland konnte man nicht, auch der Skandinavien-Boom der Neunziger brachte die Krimis Kirstil\u00e4s nicht zu uns, erst jetzt unternimmt Grafit das lobenswerte Projekt, Hanhivaaras F\u00e4lle einen nach dem andern hierzulande zu ver\u00f6ffentlichen. \u201eSchwarzer Fr\u00fchling\u201c hei\u00dft das aktuelle St\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Eine Kellnerin ist in ihrer Wohnung ermordet worden. Eine zweite Kellnerin, mit dem ersten Opfer befreundet, wird wenig sp\u00e4ter auf offener Stra\u00dfe erschossen. H\u00e4ngen die beiden Morde zusammen? Ja \u2013 und nein. Aber das wei\u00df nur der Leser. Den Sch\u00fctzen n\u00e4mlich kennt er, ein Berufskollege der ungl\u00fccklichen Damen und seine Tat war doch nur \u00dcbung, das Opfer, seine Geliebte, Ergebnis ungl\u00fccklicher Umst\u00e4nde. Es geht ihm n\u00e4mlich um mehr. Den finnischen Ministerpr\u00e4sidenten, der nach Tampere kommt, um die Fabrik eines Freundes einzuweihen, will er abschie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das wissen Polizist Hanhivaara und Kollegen noch nicht. Sie ermitteln bevorzugt im Fall des ersten Opfers, ein Whodunit, wenn man so will, und doch nur dramaturgische Kr\u00fccke f\u00fcr den eigentlichen Plot. Der schlie\u00dflich seinen H\u00f6hepunkt in einer wunderbaren Pointe erreicht, die gleichzeitig H\u00f6hepunkt einer durchg\u00e4ngigen Taktik des Autors ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn was er uns da erz\u00e4hlt, wie er es uns erz\u00e4hlt und mit welchen Personen, das tippelt elegant auf der schmalen Linie zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn, Hierundheute und Humor. Der Attent\u00e4ter etwa, ein besserwisserischer Dummkopf, ein Moralist von eigenen beschr\u00e4nkten Gnaden. Der finnische Ministerpr\u00e4sident, eine Karikatur, von der man allm\u00e4hlich ahnt, dass sie keine ist, sondern exakt umrissene Abbildung real existierender Personen. Und nat\u00fcrlich Hanhivaara selbst, der Gr\u00fcbler, der seinen Schmerz \u00fcber den gewaltsamen Verlust der Lebensgef\u00e4hrtin nicht plakativ herausbr\u00fcllt, sonden irgendwo in seinem grauen Charakter verstaut hat. Von seinen Kollegen gar nicht zu reden, Randfiguren eigentlich, aber eine jede genau und \u00f6konomisch gezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf diesem Grat also wandern wir mit Hanhivaara zu jenem k\u00f6stlichen Schlussakkord, der wiederum die Pr\u00e4zision des Autors spiegelt. Es geht um Sekunden, um die Winzigkeit eines Z\u00f6gerns, um Ma\u00dfarbeit, die aus einem herk\u00f6mmlichen Thrillerende ein besonderes macht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchwarzer Fr\u00fchling\u201c ist nicht nur jedem Leser ans Herz zu legen. Auch jene AutorInnen, die glauben, man m\u00fcsse nur gen\u00fcgend Witzchen \u00fcber den Text streuen, um ihn \u201ewitzig\u201c zu machen, sollten das Buch genau studieren und, so ist zu hoffen, erkennen, dass Humor im Kriminalroman nur dort eine Funktion hat, wo er sich an der Wirklichkeit reibt. Wo das Lachen ins Erkennen kippt und das Erkennen ins Lachen, der Wahnsinn in den Alltag und dieser \u2013<\/p>\n\n\n\n<p>Kirstil\u00e4 also. Sofort zugreifen. Wer inzwischen allergisch auf Skandinaviakrimis reagiert, findet bei ihm Heilung.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Pentti Kirstil\u00e4: Schwarzer Fr\u00fchling. <br \/>Grafit 2006 <br \/>(Original: \u201eJ\u00e4\u00e4hyv\u00e4iset presidentille\u201c, 1979; deutsch von Gabriele Schrey-Vasara). <br \/>283 Seiten. 17,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger, als viele deutsche Krimiautoren noch auf B\u00e4umen lebten und ihre Leser mit soziologischen Wortbrocken bewarfen, da \u00fcbte Pentti Kirstil\u00e4 schon den aufrechten Gang. 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