{"id":17270,"date":"2006-11-20T07:37:03","date_gmt":"2006-11-20T07:37:03","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/11\/littell-hochgatterer-oder-das-kriminal-und-der-roman\/"},"modified":"2022-06-06T14:50:05","modified_gmt":"2022-06-06T12:50:05","slug":"littell-hochgatterer-oder-das-kriminal-und-der-roman","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/11\/littell-hochgatterer-oder-das-kriminal-und-der-roman\/","title":{"rendered":"Littell \/ Hochgatterer oder Das Kriminal und der Roman"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/hoch_litt.jpg\" alt=\"hoch_litt.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>(Eigentlich wollte ich, so gegen Ende des Jahres, am Beispiel des \u00fcberragenden Werkes der vergangenen 12 Monate ein paar Thesen zur artgerechten Exegese von Kriminalromanen formulieren. Das Werk ist nat\u00fcrlich Robert Littells \u201eDie kalte Legende\u201c; aber dann habe ich Paulus Hochgatterers \u201eDie S\u00fc\u00dfe des Lebens\u201cgelesen und erkannt, wie sch\u00f6n doch die Betrachtung dieses Buches zur Betrachtung von Littells Text passt. Deshalb jetzt sofort, mit noch frischen Leseeindr\u00fccken, die zwar pr\u00e4zisierten und praktisch untermauerten, aber immer noch skizzenhaften Thesen.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Vorspann<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Eingest\u00e4ndnis vorweg: Ich habe mich jahrelang dagegen gestr\u00e4ubt, Kriminalromane als Produkte eines \u201eGenres\u201c zu kennzeichnen. Inzwischen halte ich genau diese Begrenzung f\u00fcr sinnvoll, ja, f\u00fcr unbedingt notwendig, wenn man sich theoretisch \u00fcber Kriminalliteratur ausl\u00e4sst. Meine Ablehnung war, jetzt wei\u00df ich das, nichts weiter als ein Reflex auf das von vornherein Diminuitive, das auch Denunziatorische, dessen Mitschwingen in der Verwendung des Genrebegriffs jedem halbwegs beschlagenen Kenner der Kriminalliteraturgeschichte bekannt sein sollte. Dabei steckt in \u201eGenre\u201c urspr\u00fcnglich nichts Negatives. In der Literatur bezeichnet man damit solche Texte, die zumeist beschauliche Szenen aus dem Alltagsleben beschreiben. Sie sind einfach \u201etypisch\u201c, realistisch im Sinne von \u201enicht \u00fcberh\u00f6ht\u201c. Jean Pauls \u201eSiebenk\u00e4s\u201c etwa hat \u00fcber weite Strecken diesen Genrecharakter, da hier in einem bis dahin nicht gekannten Ausma\u00df Alltagsleben ausgebreitet wird, der literarische Realismus ist denn \u00fcberhaupt der Ort schlechthin f\u00fcr Genreliteratur.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass der Begriff selbst, der aus dem Franz\u00f6sischen kommt und schlicht \u201eGattung\u201c bedeutet, der Malerei entlehnt wurde, sei nur erw\u00e4hnt. Jedenfalls: Kein Mensch k\u00e4me auf die Idee, Genrekunst generell als minderwertig zu bezeichnen. Doch die Begriffslage hat sich ge\u00e4ndert. Was wir heute als \u201eGenre\u201c kennen, also vor allem Krimis, SF und Western, str\u00f6mt den Geruch des Trivialen und somit Minderwertigen aus. Ging es bei den \u201eguten\u201c Genrest\u00fccken um das Nachzeichnen von Musterhaftem, Unspektakul\u00e4rem, so verbindet man heute \u201eGenre\u201c mit dem Schablonenhaften, das daf\u00fcr herhalten muss, oberfl\u00e4chliche Spektakel zu inszenieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist es aber selbst der schl\u00e4frigsten Wissenschaft nicht entgangen, dass innerhalb dieser begrenzten \u201eGattung\u201c bisweilen so etwas wie h\u00f6here Literatur entsteht, deren Charakteristikum es ist, sich mit den akademischen Instrumentarien vermessen, sezieren, bewerten zu lassen. Diese Werke geh\u00f6ren also nicht ins \u201eGenre\u201c, sie m\u00fcssen aussortiert oder doch wenigstens besonders gekennzeichnet werden, ob als \u201eliterarische Krimis\u201c oder als \u201eeigentlich gar kein Krimi\u201c, obliegt der Strategie des jeweiligen Exegeten. Das Genre, das von Natur aus ein in die Vertikale wirkendes Ordnungsmittel sein muss, weil es sich qua definitionem nicht darum schert, ob ein St\u00fcck anspruchsvoll oder anspruchslos, ge- oder misslungen ist, solange es die Genrebedingungen erf\u00fcllt, wird so zum Sammelbecken des literarisch zu Vernachl\u00e4ssigenden, dem der Makel der Trivialit\u00e4t, bestenfalls des Kunsthandwerks anhaftet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das im deutschen Sprachraum bekannteste, weil eklatanteste Beispiel sind die Kriminalromane des Friedrich D\u00fcrrenmatt. Sie SIND Kriminalromane, stehen also irgendwie in Verbindung zu den Jerry-Cotton-Heftchen am unteren Ende der Werteskala des Genres. Dennoch k\u00e4me kein vern\u00fcnftiger Mensch auf die Idee, sie mit einem Jerry-Cotton-Heftchen zu vergleichen. Ja&#8212;warum eigentlich nicht? T\u00e4te man es n\u00e4mlich, der Begriff des Genres w\u00e4re nicht mehr be-, sondern entgrenzend. Einerseits. Andererseits w\u00fcrde er uns die Beschr\u00e4nktheit der wissenschaftlichen Instrumente zeigen, mit denen man in den Eingeweiden literarischer Texte zu Werke geht. Diese Instrumente reichen v\u00f6llig aus, den literarischen Wert seiner Romane zu bestimmen. Es sind aber KRIMINALromane, will sagen: in die Strukturen des Trivialen eingebundene, von ihnen formal, dramaturgisch und hinsichtlich ihrer intendierten Wirkung beeinflusste Texte. Oder ganz einfach: Da es in der Natur des Trivialen liegt, kurzweilig zu unterhalten \u2013 und NUR kurzweilig zu unterhalten, ganz gleich auf welchem Niveau, das zu bestimmen eine Frage des angepeilten Marktes ist -, sollte ein Kriminalroman auch das k\u00f6nnen. Ungeachtet seiner literarisch messbaren Werte. Kann er es nicht, ist er ein misslungener Kriminalroman. Vielleicht ein literarisches Meisterwerk, aber nicht nach den Gesetzen des Genres.<\/p>\n\n\n\n<p>D\u00fcrrenmatts Texte nun sind, sauber literaturwissenschaftlich auseinandergenommen, durchaus \u201egelungen\u201c. Sie besitzen philosophische und psychologische Tiefe, sind wohl nicht unbedingt Meisterwerke, erf\u00fcllen jedoch alle Anforderungen, die man an \u201egute Literatur\u201c stellt. Auch als KRIMINALromane k\u00f6nnen Sie \u00fcberzeugen. Teilweise. Was nun nicht darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, dass D\u00fcrrenmatt \u201edas Genre\u201c ernstgenommen h\u00e4tte. Hat er nicht; f\u00fcr ihn bedeutete das Schreiben von Kriminalromanen den Zugang zu einer garantiert sprudelnden Einkommensquelle in schwerer wirtschaftlicher Zeit. Er war eben ein \u00fcberdurchschnittlich guter und gewiefter Autor, der mit den Genrevorgaben zu spielen verstand. Der Schluss von \u201eDas Versprechen\u201c etwa ist hervorragend, weil es ein Krimischluss ist. Ein unkonventioneller, gewiss, aber ein Krimischluss, der mit der literarischen Aussage korrespondiert (warum D\u00fcrrenmatts Ausflug ins Krimifach nur teilweise gelungen ist, wie hier neckisch angedeutet, kann an diesem Ort nicht ausgef\u00fchrt werden. Ich habe momentan auch keine Lust dazu.)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Flimmernde Bilder<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aber genug der einleitenden Worte. Sie waren notwendig, um ein Er\u00f6ffnungsszenario zu erm\u00f6glichen, in dem wir Kriminalromane dezidiert als einem Genre zugeh\u00f6rig markieren wollen, einem Genre, dessen Spitzenprodukte gleicherma\u00dfen als Romane und triviale Spannungstexte \u00fcberzeugen. Und da will es nun der Zufall, dass uns in den letzten Monaten zwei Werke erreichten, die sich in vielem \u00e4hneln, die beide literarisch durchaus gelungen sind, von denen aber nur eines wirklich \u201eKrimi\u201c, wirklich Meisterwerk ist. Ich spreche von Robert Littells \u201eDie kalte Legende\u201c (im folgenden immer mit dem Originaltitel \u201eLegends\u201c angesprochen, weil es EBEN NICHT um EINE Legende geht, sondern um mehrere) und Paulus Hochgatterers \u201eDie S\u00fc\u00dfe des Lebens\u201c. Beide standen respektive stehen zum gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt an der Spitze der KrimiWelt-Bestenliste, auch das bezeichnend.<\/p>\n\n\n\n<p>Beginnen wir mit dem literarischen Wert der beiden Texte. Hier fasse ich mich bei Littell kurz, da meine Beurteilung schon \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/08\/robert-littell-die-kalte-legende.php\">an anderer Stelle<\/a> vorliegt, und res\u00fcmiere lapidar: \u201eLegends\u201c zeigt uns eindrucksvoll, dass man mit mehreren ineinander verschlungenen, durchaus k\u00fcnstlichen Identit\u00e4ten leben kann, ja, dass wahrscheinlich jeder Mensch damit lebt, dass DIE Identit\u00e4t nichts weiter ist als eine Hilfskonstruktion, mit der man das Disparate der Existenz verschleiert, aber angesichts der Weltlage nicht mehr l\u00e4nger verschleiern kann.<\/p>\n\n\n\n<p>In Paulus Hochgatterers Roman \u201eDie S\u00fc\u00dfe des Lebens\u201c geht es im Grunde ebenfalls um Identit\u00e4t, hier jedoch um die Zw\u00e4nge, die Identit\u00e4t vorgeben und zerst\u00f6ren. Am Beispiel einer \u00f6sterreichischen Kleinstadt werden uns Beispiele beschrieben. Wir lernen Menschen kennen, die mit sich nicht im Reinen sind, um es euphemistisch auszudr\u00fccken. Sie sind psychisch erkrankt, halten ihre Neugeborenen f\u00fcr Teufelsb\u00e4lger, kommen mit den Anforderungen des Z\u00f6libats nicht zurecht, werden als Kinder windelweich gepr\u00fcgelt, sind unzufrieden im Beruf oder einfach fremd in der Kultur, in der sie leben m\u00fcssen. Mittelpunkt der Romans ist die Psychiatrieabteilung eines Krankenhauses, Protagonist ein Psychiater. Er bekommt es mit einem kleinen M\u00e4dchen zu tun, das seinen Gro\u00dfvater tot aufgefunden hat, nachdem ihm irgendjemand den Kopf zertr\u00fcmmerte und zwar auf so schreckliche Weise, dass man zun\u00e4chst vermutet, ein Fahrzeug habe ihn \u00fcberrollt. Das Kind ist traumatisiert und spricht kein Wort mehr, es hat seine Identit\u00e4t, seine Sprache verloren, der Fall ist nun der rote Faden, an dem uns Hochgatterer durch eine Welt f\u00fchrt, deren Bewohner allesamt entfremdet und identit\u00e4tslos sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nicht schlecht gemacht. Ein Beispiel: Auf der psychiatrischen Klinik gibt es eine Mutter, die ihr Neugeborenes ablehnt, nicht als ihr Kind anerkennt, es als Satansbrut bezeichnet. Eine Mitpatientin, mit einem \u00d6sterreicher verheiratete Koreanerin, behauptet nun in einer Szene, dieses Kind sei ihr eigenes und hei\u00dfe auch wie sie. Wir ahnen sofort, dass diese durch die Kultur von sich selbst entfremdete Koreanerin das Baby nur deshalb als das ihre beansprucht, um der Identit\u00e4tslosigkeit zu entkommen, indem sie das orientierungslose Ich an einem ihr geh\u00f6renden Objekt neu ausrichten kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir ahnen das, wir wissen das, obwohl uns Hochgatterer \u2013 daf\u00fcr sei ihm herzlich gedankt \u2013 diesen Zusammenhang nicht aufwendig und wortreich erkl\u00e4rt. Manchmal l\u00e4sst er seinen Protagonisten etwas arg analysieren, das wohl; da es sich jedoch um die Berufskrankheit eines Psychiaters handelt, sei es akzeptiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Str\u00e4nge sind nun aber nichts weiter als Illustrationen, Verst\u00e4rkungen und Abwandlungen des eigentlichen Erz\u00e4hlfadens, wo uns in einer Kriminalhandlung das Thema des Textes personalisiert und dramatisiert werden soll. Das entspricht exakt dem Littellschen Verfahren. Sein \u201eHeld\u201c, dessen Legenden in ihrer Verschr\u00e4nktheit aufgezeichnet werden, ist ebenfalls in einen Kriminalfall verwickelt, alle anderen Besitzer mehrerer Legenden (der Text wimmelt nur so von ihnen) sind dazu da, das Exemplarische auf eine allgemeine Ebene zu heben. An dieser Stelle verkneife ich mir einen Exkurs zu Induktion und Deduktion in der Literatur und belasse es bei der Feststellung, dass Littells Text ein Paradebeispiel f\u00fcr die Technik ist, vom Besonderen auf das Allgemeine und vom Allgemeinen auf das Besondere zu schlie\u00dfen. Hochgatterers Roman ist immerhin auch ein GUTES Beispiel daf\u00fcr, wie ein solches st\u00e4ndiges Verallgemeinern und Spezifizieren Literatur lebendig werden l\u00e4sst und den Leser dazu bringen kann, ebenfalls zu deduzieren und zu induzieren. Aber darum soll es hier nicht gehen; kommen wir zur entscheidenden Frage: Wie halten es Littell und Hochgatterer mit dem KRIMINAL?<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz lapidarer erster Eindruck: Littells Roman ist hochspannend, Hochgatterers nicht. W\u00fcrde man beide Texte einem lediglich auf ihren Unterhaltungswert erpichten Menschen zur Lekt\u00fcre \u00fcberlassen, bek\u00e4me man beide mit exakt diesem Kommentar zur\u00fcck: Littell zu lesen befriedigt die Thrillbed\u00fcrfnisse, Hochgatterer zu lesen ist eine Tortur, wenn man an Action, Suspense, Nervenkitzel gew\u00f6hnt ist und sich um andere Qualit\u00e4ten nicht k\u00fcmmert.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, spricht das gegen Hochgatterer? Von unserer Anfangsthese, die Genres betreffend, ausgehend: aber sicher. Einwand: Nein, \u00fcberhaupt nicht! Man darf Hochgatterer nicht an den Erwartungen eines Lesers messen, dessen Augenmerk auf das KRIMINAL- gerichtet ist und dort lediglich auf die Versatzst\u00fccke, aus denen man auch Kolportageschund basteln kann. Hochgatterers Einsatz der Krimi-Elemente ist eben subtiler. Hier wird nicht geschossen und gemordet wie bei Littell, hier gibt es keine vordergr\u00fcndige Action, keine Russenmafia, keinen kalten Krieg, keine Intrigen im Hintergrund. Es ist eben alles viel psychologischer.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n; dieser Einwand ist berechtigt. Aber jetzt ein kleiner Versuch: K\u00f6nnte man das, was Littell \/ Hochgatterer uns zeigen wollen, auch in einem seines KRIMINALs v\u00f6llig entkleideten ROMAN zeigen? Bei Littell eindeutig: nein. Er ben\u00f6tigt die Verwerfungen, die dieses KRIMINAL bietet, um seine Geschichte zu erz\u00e4hlen. Bes\u00e4\u00dfe er sie nicht, verl\u00f6re sein Text sofort seinen literarischen Rang, da es nicht besonders interessant ist, Menschen mit diversen Identit\u00e4ten abzubilden und aufzuzeigen, dies sei nun einmal so. Das Kriminelle wird bei Littell zum Welterhaltenden, das Welterhaltende zwingt zur T\u00e4uschung der nicht teilbaren Identit\u00e4t, eine T\u00e4uschung, die wiederum durch das Subversive des Kriminellen entlarvt wird, womit sich der Kreis zum Teufelskreis schlie\u00dft, der doch seinerseits ein logischer, den Realien des Lebens geschuldeter Kreis ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Hochgatterer hingegen k\u00f6nnte man \u201eden Fall\u201c getrost herausschneiden. Er besitzt f\u00fcr die Illustrierung des \u201eLiterarischen\u201c keinerlei Relevanz, da sich das Kriminelle von dem Nichtkriminellen nur dadurch unterscheidet, dass es eben einen Toten gegeben hat und ein M\u00f6rder gefasst werden muss. \u00dcbrig bliebe ein durchaus als gelungen zu bezeichnendes St\u00fcck Literatur, das aber um einiges davon entfernt w\u00e4re, ein Meisterwerk genannt zu werden. Littells \u201eLegends\u201c aber IST ein Meisterwerk, gerade weil es nicht nur literarisch gelungen ist, sondern die Trivialit\u00e4ten des Genres ernst genug nimmt. T\u00e4te es dies nicht, w\u00e4re Littells Text nicht Littells Text. Er ist untrennbar mit dem Trivialen verbunden, ja, das Triviale macht ihn erst zum Meisterwerk, ohne die Beachtung der Genreregeln w\u00e4re es weit weniger wert als Hochgatterers Roman, der seinerseits das Genre nicht braucht und genau aus diesem Grund als KRIMINALroman kein Meisterwerk sein kann. Um uns nicht misszuverstehen: Hochgatterer arbeitet durchaus gut mit dem KRIMINAL, die Aufl\u00f6sung des Falles ist \u00fcberraschend und logisch zugleich. Man kann \u201eDie S\u00fc\u00dfe des Lebens\u201c auch Krimifreunden ans Herz legen, nicht aber als Beispiel f\u00fcr jene Emanzipation des trivialen KRIMINAL in seiner untrennbaren Vereinigung mit dem ROMAN. Und das \u00c4rgerlichste ist eh die Bauchbinde, auf der eine sichere Christine Westermann fantert: \u201eDas Buch ist nicht einfach nur ein Krimi, es ist eine Geschichte \u00fcber das Leben&#8230;\u201c, doch, schwupps, ist die Bauchbinde schon im Abfalleimer angekommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nachspann<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bis hierhin. Etwas noch: Ich neige zu der Ansicht, dass die literaturwissenschaftliche Besch\u00e4ftigung mit Kriminalromanen so lange ins letzlich Leere l\u00e4uft, wie man das Triviale eines Genres nicht endlich als qualit\u00e4tsbestimmend akzeptiert. Das kriminelle Element in Hochgatterers Text ist in seiner Qualit\u00e4t immer von der Qualit\u00e4t des &#8222;Literarischen&#8220; abh\u00e4ngig, w\u00e4hrend es bei Littell quasi autonom agieren k\u00f6nnte, als Nur-Krimi, nicht jedoch als Nur-Literatur, was einen Deutungsraum schafft, dessen Betreten in den Schuhen herk\u00f6mmlicher Exegese untersagt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich besch\u00e4ftigt sich Literaturwissenschaft inzwischen auch mit dem Trivialen. Allerdings und selbstverst\u00e4ndlich literaturwissenschaftlich. Und genau hier d\u00fcrfte das Problem liegen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Paulus Hochgatterer: Die S\u00fc\u00dfe des Lebens. <br \/>Deuticke 2006 (Original: \"Legends\", 2005, deutsch von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel). <br \/>294 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Robert Littell: Die kalte Legende. <br \/>Scherz 2006. 447 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Eigentlich wollte ich, so gegen Ende des Jahres, am Beispiel des \u00fcberragenden Werkes der vergangenen 12 Monate ein paar Thesen zur artgerechten Exegese von Kriminalromanen formulieren. Das Werk ist nat\u00fcrlich Robert Littells \u201eDie kalte Legende\u201c; aber dann habe ich Paulus Hochgatterers \u201eDie S\u00fc\u00dfe des Lebens\u201cgelesen und erkannt, wie sch\u00f6n doch die Betrachtung dieses Buches zur [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17270","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17270","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17270"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17270\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17270"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17270"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17270"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}