{"id":17284,"date":"2006-11-27T07:52:32","date_gmt":"2006-11-27T07:52:32","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/11\/ein-handgemachter-mord\/"},"modified":"2022-06-06T05:24:55","modified_gmt":"2022-06-06T03:24:55","slug":"ein-handgemachter-mord","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/11\/ein-handgemachter-mord\/","title":{"rendered":"Ein handgemachter Mord"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/wickius.GIF\" alt=\"wickius.GIF\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>(Ex-Kommissar Wickius, nach einer Intrige denk- und kommentarfauler Blogleser seines Amtes enthoben und in den vorzeitigen Ruhestand geschickt, kennt die Verbrechens- und Kriminalliteratur der letzten ca. 2500 Jahre in- und auswendig, er l\u00f6st jeden Fall, indem er das literarische Muster daf\u00fcr sucht. Und Sie? Wissen auch Sie, welche klassischen F\u00e4lle den hier in loser Folge geschilderten Mordtaten zu Grunde liegen? Dann nichts wie ran an die Kommentarfunktion! F\u00fcr alle Unbelesenen gibt es die Aufl\u00f6sung immer ein paar Tage nach der Ver\u00f6ffentlichung der Geschichte.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Er h\u00e4tte ablehnen sollen. Aber f\u00fcr einen Moment war er sentimental geworden, sehnte sich nach seinem alten Arbeitsplatz im Polizeipr\u00e4sidium, nach dem \u00e4chzenden Stuhl hinter dem wurmstichigen Schreibtisch, nach Oberschiller, der ihm immer gegen\u00fcber gesessen hatte, jetzt aber nach \u00fcberstandener Schussverletzung eine REHA-Ma\u00dfnahme in Bad Wildungen absolvierte und pausenlos Ansichtskarten schickte. Auf seinem Platz sa\u00df nun SIE: auch nicht mehr die J\u00fcngste, aber burschikos, nicht unknackig, wie ihm der Chef zugefl\u00fcstert hatte, als endlich feststand, dass Wickius Oberschiller bis zu seiner endg\u00fcltigen Genesung vertreten w\u00fcrde. SIE: KHK Lisa Kant; paffte einen Zigarillo Marke Josef Ackermann und schaute lustlos in den roten Himmel \u00fcber der Stadt. \u201eSieht aus, als wenn&#8212;\u201c, sinnierte sie, dr\u00fcckte dann aber ihren elastischen K\u00f6rper durch und winkte ab: \u201eAch was, ich hab auch so schon Migr\u00e4ne.\u201c Wickius, der kein Wort begriffen hatte, nickte mechanisch. In diesem Moment klingelte das Telefon.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAuch nicht gerade die beste Gegend\u201c, stellte die Kant \u00fcberfl\u00fcssigerweise fest und nahm die Damen auf dem Trottoir ins Visier. \u201eStra\u00dfenstrich\u201c, sagte Wickius n\u00fcchtern und winkte den Damen zu, die jauchzend zur\u00fcckwinkten. Die Kant schaute pikiert. \u201eKennen Sie die?\u201c \u201eNicht alle. Die Kleine ganz vorne ist eindeutig nach meiner Zeit. Aber die anderen kennt man nat\u00fcrlich. Alles Spitzenkr\u00e4fte und wie es sich f\u00fcr unsere Stadt geh\u00f6rt seit mindestens 30 Jahren SPD-Parteimitgliederinnen.\u201c \u201eSo, so.\u201c Und steckte sich wieder einen dieser stinkenden Zigarillos ins Mundloch. \u201eDann gehen wir mal hoch zum Tatort.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der lag im 3. Stock des Hauses. Billige Gegend, klar, in den Hinterh\u00f6fen stanken die M\u00fclltonnen. Die Leiche lag auf dem Bett, Dr. Willkomm beugte sich gerade \u00fcber sie, als Wickius und Kant hereinkamen. \u201eNa, Doc, wei\u00df man schon wie und warum und wer und wann?\u201c Die Kant gab sich jovial, was ihr nicht so gut stand. Dumme Kuh, dachte Wickius und bereute seinen inneren Gef\u00fchlsausbruch sofort. Der Doktor nahm es gelassen. \u201eTja. Komischer Fall. Keine \u00e4u\u00dferen Verletzungen. Ich w\u00fcrde mal auf Handkantenschlag tippen.\u201c<br \/>KHK Kant pfiff durch die Zahnreihen. \u201eHandkante? Jo, da legst di nieder!\u201c \u2013 \u201eDialekteln Sie nicht\u201c, zischte Wickius, der drei Dinge im Leben nicht ausstehen konnte: Zwiebelkuchen, Serienm\u00f6rder und Menschen, die kein Hochdeutsch konnten. Dialeck mich doch, fauchte die Kant still in sich hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWer hat die Leiche gefunden?\u201c wandte sich Wickius an einen Uniformierten, der gr\u00fcnlichen Antlitzes neben der T\u00fcr stand. \u201eHausmeister\u201c, antwortete der nur kurz und erbrach sich daf\u00fcr umso l\u00e4nger auf seine Schuhspitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hausmeister sa\u00df am K\u00fcchentisch seiner Wohnung und schmeichelte der Katze, einem r\u00f6tlichen fetten Monster, das erhobenen Schwanzes \u00fcber das Wachstuch stolzierte. \u201eNa, K\u00e4tzel, bist meine Beste, ja, ja, ja&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie haben den Toten gefunden? Wohnt der hier?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hausmeister sah zuerst Kant an, dann \u2013 musste wohl der Vorgesetzte sein \u2013 Wickius. \u201eKlar. Der Herr Dingens halt. Wohnt hier mit seiner Frau, die ist aber wohl noch auf Arbeit. Netter Mann, das. Bisschen Halodri, wenn Sie wissen, was ich meine.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kant hustete, schon wieder eine Josef Ackermann zwischen den Lippen. \u201eUnd wieso haben Sie den&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNa, Frolleinchen, ich bin der Hausmeister. Und nat\u00fcrlich neugierig. Nachdem diese flotte Biene zu dem Dingens in die Wohnung gegangen ist &#8212; also ich kann Ihnen sagen &#8212; SO ein Feger! Aber, denk ich mir: Zwei Stunden? \u00dcbertrieben, n\u00fcch? Wollt ich halt mal gucken, ob alles in Ordnung&#8230;.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie haben also\u201c, kombinierte Wickius, \u201eeine h\u00fcbsche Frau gesehen, die zu diesem &#8212; \u00e4h, Dingens in die Wohnung gegangen ist und haben vermutet, dies sei zum Zwecke des Vollziehens des Geschlechtsverkehrs&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kant prustete. \u201e\u00c4h&#8230; nun ja, weil die ein Sch\u00e4ferst\u00fcndchen&#8230;Kannten Sie die Frau? Wie sah sie aus?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hausmeister streichelte die Katze und tat so, als w\u00fcrde er \u00fcberlegen. \u201eNa, wie so eine eben aussieht. Kommt unsereiner ja nich ran, muss unsereiner da vorn zu den Bordsteinschwalben, n\u00fcch. Also \u2013 tolle Figur, tolles Gesicht, tolle Haare. Ganz in so ner Art Blau gekleidet. Und hatte nen Fotoapparat dabei.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder drau\u00dfen auf der Stra\u00dfe. Der Himmel war noch immer blutrot, ein Mann mit Pferdeschwanz f\u00fchrte seinen Fiffi aus. \u201eOctavio, let us go!\u201c Die Kant schaute dem P\u00e4rchen versonnen nach. \u201cAlso wenn Sie mich fragen, Kollege \u2013 typische Beziehungstat. Der Mann treibt es mit der Jungen, seine Frau kommt unerwartet heim und zack, haut ihm die Handkante gegen die Halsschlagader.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wickius sagte nichts. Er seufzte unh\u00f6rbar. Wieder eine Kollegin, die ihre Klassiker nicht gelesen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Ex-Kommissar Wickius, nach einer Intrige denk- und kommentarfauler Blogleser seines Amtes enthoben und in den vorzeitigen Ruhestand geschickt, kennt die Verbrechens- und Kriminalliteratur der letzten ca. 2500 Jahre in- und auswendig, er l\u00f6st jeden Fall, indem er das literarische Muster daf\u00fcr sucht. Und Sie? 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