{"id":17316,"date":"2006-12-05T07:50:54","date_gmt":"2006-12-05T07:50:54","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/12\/jeffrey-ford-the-girl-in-the-glass\/"},"modified":"2022-06-15T00:57:23","modified_gmt":"2022-06-14T22:57:23","slug":"jeffrey-ford-the-girl-in-the-glass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/12\/jeffrey-ford-the-girl-in-the-glass\/","title":{"rendered":"Jeffrey Ford: The Girl in the Glass"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Dieses ist die f\u00fcnfte und letzte Besprechung eines der diesj\u00e4hrigen Kandidaten f\u00fcr den Edgar, Kategorie \u201eBestes Taschenbuch&#8220;.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Thomas Schell ist ein \u201eCon Man\u201c, ein fingerfertiger und technisch versierter Betr\u00fcger, der, zusammen mit Diego, seinem mexikanischen \u201eSohn\u201c, den er einst von den Strassen New Yorks auflas, f\u00fcr reiche M\u00e4nner New Yorks in aufw\u00e4ndig inszenierten S\u00e9ancen deren verstorbene Anverwandte erscheinen l\u00e4sst. W\u00e4hrend Amerika 1932 in der gro\u00dfen Depression versinkt, die Prohibition in den letzten Z\u00fcgen liegt und die erste Wahl Franklin D. Roosevelts ansteht, gelingt es Schell so ein gedeihliches Auskommen zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages jedoch, w\u00e4hrend eines \u201eEinsatzes\u201c, sieht er das Gesicht eines kleinen M\u00e4dchens in einer Fensterscheibe. Als er am n\u00e4chsten Tag aus der Zeitung erf\u00e4hrt, dass dieses M\u00e4dchen entf\u00fchrt worden ist, bietet er den Eltern seine Dienste als \u201eMedium\u201c an, um es aufzufinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Suche wird von dem 17 j\u00e4hrigen Diego geschildert. Er ist ein junger Mann von gro\u00dfem Talent, der w\u00e4hrend der gro\u00dfen mexikanischen Einwandererstr\u00f6me der 20er Jahre in die USA gekommen ist. In seiner begabten, zur\u00fcckhaltenden Art erinnert er an T. Jefferson Parkers &#8222;Joe&#8220; oder an Jonathan Lethems &#8222;Lionel Essrog&#8220;. In den drei Tagen, die es dauert das R\u00e4tsel zu l\u00f6sen, lernt und erduldet er mehr, als er vorab erahnte. Und als Schell entf\u00fchrt wird, ist er dann pl\u00f6tzlich der Boss, der seinen Mentor retten muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Schell selber ist ein interessanter Mann, der als gebildet, erfahren und intelligent geschildert wird. Seine F\u00e4higkeiten und die Bekannten aus dem Zirkusmilieu geben dem Buch eine angenehme Leichtigkeit. Es ist die Hilfe dieser eigenwilligen und skurrilen Menschen, die \u00fcber au\u00dfergew\u00f6hnliche k\u00f6rperliche Eigenschaften und Fertigkeiten verf\u00fcgen, die Diego im Show-down in Anspruch nimmt, um seinen Vater zu befreien.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte wird von Ford in einer geradezu \u00fcppigen Prosa erz\u00e4hlt. Nicht dass er Geschehnisse auswalzt, aber seine Sprache hat Fleisch und Substanz und enth\u00e4lt Metaphern und Anspielungen, die zu manchem Zwiegespr\u00e4ch der Gegenwart mit den Altvorderen f\u00fchren. Wer sein alleiniges Heil in der sprachlichen Reduktion eines James Ellroy, George P. Pelecanos, Dashiell Hammett oder Norbert Horst sucht, wird bei Ford \u201eleiden\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eThe Girl in the Glass\u201c ist aber nicht nur voller \u201esch\u00f6ngeistiger\u201c Anspielungen, sondern l\u00e4sst sich auch als soziopolitische Parabel lesen. Sei es, z.B. die (damals wie heute schwierige) Situation der Mexikaner, der wei\u00dfe Rassismus (der mit ersterer ja verkn\u00fcpft ist) oder die unreflektierte Pseudowissenschaftsgl\u00e4ubigkeit, von der viele Scharlatane noch heute profitieren. Manches Thema, so scheint es, bleibt lange aktuell.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eThe Girl in the Glass\u201c ist also unbedingt empfehlenswert. Es ist ein vielschichtiges, facettenreiches und kultiviertes Buch, welches ein Repertoire von beeindruckenden Personen bereith\u00e4lt und, was ja nicht ganz selbstverst\u00e4ndlich ist, auch als spannender Krimi \u00fcberzeugt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wenn man die f\u00fcnf B\u00fcchern, die 2006 f\u00fcr die Kategorie \u201eBestes Taschenbuch\u201c des Edgar nominiert waren, abschlie\u00dfend beurteilt, dann kann man feststellen, dass keines dieser B\u00fccher den Leser entt\u00e4uscht. Dennoch, zwei B\u00fccher ragten aus der Menge heraus. W\u00e4hrend Charlie Hustons \u201eSixBadThings\u201c als unterhaltsame Road-Burleske daher kommt, Allen Guthries \u201eKiss her Goodbye\u201c als inniger \u201eTartan noir\u201c unterh\u00e4lt und Anne Argulas \u201eHomicide my Own\u201c das T\u00e4nzchen mit dem \u00dcbersinnlichen wagt, allesamt also Unterhaltung auf hohen Niveau bieten, k\u00f6nnen Reed Farrel Colemans \u201eThe James Deans\u201c und eben \u201eThe Girl in the Glass\u201c mit dem entscheidenden Mehrwert aufwarten. \u201eThe James Deans\u201c werden insbesondere Leser klassischer US-Krimi als moderne Variante sch\u00e4tzen, w\u00e4hrend \u201eThe Girl in the Glass\u201c ein Buch f\u00fcr den krimilesenden Freund gediegener Literatur ist. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>So \u00fcberrascht es dann auch nicht, dass \u201eThe James Deans\u201c bei mehreren anderen amerikanischen Preisen in der \u201eTaschenbuch-Kategorie\u201c gewann, w\u00e4hrend \u201eThe Girl in the Glass\u201c, so weit ich wei\u00df, keine weitere Nominierung vorweisen kann. So scheint es dann auch gerecht, dass Jeffrey Ford \u201ewenigstens\u201c den Edgar gewann.<\/em><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jeffrey Ford: The Girl in the Glass. <br \/>Dark Alley 2005. 286 Seiten. \u20ac 12,50 <br \/>(noch keine deutsche \u00dcbersetzung)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Dieses ist die f\u00fcnfte und letzte Besprechung eines der diesj\u00e4hrigen Kandidaten f\u00fcr den Edgar, Kategorie \u201eBestes Taschenbuch&#8220;.)<\/p>\n","protected":false},"author":42,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[397,474],"class_list":["post-17316","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives","tag-buchkritik","tag-krimi"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Bernd Kochanowski","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/bernd-kochanowski\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17316","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/42"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17316"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17316\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17316"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17316"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17316"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}