{"id":17332,"date":"2006-12-12T08:23:06","date_gmt":"2006-12-12T08:23:06","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/12\/jess-walter-citizen-vince\/"},"modified":"2022-06-15T02:14:36","modified_gmt":"2022-06-15T00:14:36","slug":"jess-walter-citizen-vince","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/12\/jess-walter-citizen-vince\/","title":{"rendered":"Jess Walter: Citizen Vince"},"content":{"rendered":"\n<p>Zwei B\u00fcrgerrechte sind es, so Vince Camden in Jess Walters Buch \u201eCitizen Vince\u201c, auf die verurteilte Straft\u00e4ter in den USA verzichten m\u00fcssen. Das Recht eine Waffe erwerben und tragen zu d\u00fcrfen und das Recht zu w\u00e4hlen. Als er eine Woche vor der US-Pr\u00e4sidentenwahl 1980 die erste Wahlkarte seinen Lebens erh\u00e4lt, geht durch den 36 j\u00e4hrigen ein Ruck &#8230; vielleicht, so ahnt er in diesem Moment, hat er doch eine Chance, in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft anzukommen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Einst war Vince Camden Marty Hagen, ein kleinerer Krimineller, der in New York lebte und vor vier Jahren in eine Zeugenschutzprogramm aufgenommen worden war. Jetzt lebt er unter neuem Namen am anderen Ende der USA in Spokane, Washington und verdient sein Geld als Donut-B\u00e4cker &#8230; zumindest teilweise, denn er hat ein gutes Gesch\u00e4ft mit gestohlenen Kreditkarten am Laufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis eines Tages dieser Killer auftaucht, der es auf sein Gesch\u00e4ft und so glaubt Vince, auch auf ihn abgesehen hat. Sein Versteck, so scheint es, ist aufgeflogen und die New Yorker Mafia hat den Killer auf ihn angesetzt. Als man dann noch eine Leiche in Spokane findet und die dortige Polizei sich f\u00fcr ihn zu interessieren beginnt, sieht sich <i>Vince<\/i> gezwungen zu reagieren. So macht er sich auf nach New York, um zu sehen, ob sich die Sache nicht kl\u00e4ren lie\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Vince also unterwegs ist nach New York, wird die anstehende Wahl zwischen Reagan und Carter f\u00fcr ihn immer wichtiger. Er wird nicht m\u00fcde, seine Gegen\u00fcber Fragen zur Wahl zu stellen. Und w\u00e4hrend er vordergr\u00fcndig an der M\u00f6glichkeit eine richtige Auswahl zu treffen zweifelt, wird ihm die symbolische Bedeutung der Karte immer klarer.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eCitizen Vince\u201c ist ebenso ein Buch \u00fcber Vince Camden wie es ein gelungener Krimi ist. Die \u201einnerlichen Phasen\u201c des Buches werden immer wieder von Action und \u00fcberraschenden Wendungen abgel\u00f6st. Keiner dieser Krimis also, nach deren Lekt\u00fcre der Krimileser das Buch leicht seufzend aus der Hand legt und seine literarischen Qualit\u00e4ten lobt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es lebt aber auch von den Dialogen seiner eigenwilligen, starken, zum Teil untersch\u00e4tzten Charaktere, seinem immer wieder aufblitzenden Witz und von der ausgepr\u00e4gten atmosph\u00e4rischen Intensit\u00e4t, mit der Jess Walter Szenen und Beschreibungen zeichnet. So wirkt dann auch die Stimmung des Jahres 1980 glaubw\u00fcrdig, ohne dass sie allerdings das Buch dominieren will.<\/p>\n\n\n\n<p>Alleine am Ende des Buches mag der Leser \u201etougher\u201c Krimis etwas auszusetzen haben. Auch wenn es aus der inneren Entwicklung heraus stimmig wirkt, ist es, im Vergleich zu einem <em>noir<\/em>, etwas zu pathetisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Art der Vermarktung in Deutschland kann man dem Buch dagegen nicht anlasten. Im Titel \u201eDie Agenda\u201c der deutschen \u00dcbersetzung, soll wohl die gleiche \u201erei\u00dferische Stimmung\u201c mitschwingen, wie bei der Feststellung des Verlags, dass der Edgar, den \u201eCitizen Vince\u201c gewonnen hat, ein \u201eThriller-Preis\u201c sei. Der gekonnten Mischung zwischen literarischer Qualit\u00e4t und knackiger Spannung des Buches wird diese Vermarktung nicht gerecht.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Betrachtet man die diesj\u00e4hrigen Kandidaten der Kategorie \u201eBestes Buch\u201c im \u00dcberblick, kann festgestellt werden, dass die Juoren gute Arbeit geleistet haben. Die ausgew\u00e4hlten B\u00fccher bewegen sich auf hohem Niveau und decken eine gro\u00dfe Bandbreite ab. Einzig Tess Gerritsens \u201eVanish\u201c, welches sich etwas sehr auf reine Spannungsliteratur reduzieren l\u00e4sst, f\u00e4llt ein wenig ab. Ansonsten f\u00e4llt die Wahl jedoch seht schwer. George P. Pelecanos \u201eDrama City\u201c fasziniert als \u00e4u\u00dferst gelungene Analyse des amerikanischen Gesellschaftsdilemmas, \u201eRed Leaves\u201c von Thomas H. Cook tritt betont literarisch auf und \u00fcberzeugt als Analyse eines Mannes, dessen Bild der eigenen Familie mit der Realit\u00e4t kollidiert, \u201eThe Lincoln Lawyer\u201c von Michael Connelly liest sich auch als bitterb\u00f6ses Zerrbild des amerikanischen Rechtssystems, ist aber vor allen Dingen ein extrem spannender und \u201ehakenschlagender\u201c Roman. \u201eCitizen Vince\u201c scheint ein gelungenen \u201eKompromiss\u201c zwischen den beiden zuletzt genannten darzustellen. Nicht so betont hakenschlagend und nicht so demonstrativ literarisch ist es vielleicht sogar zurecht der (\u00fcberraschende) Gewinner. <\/em><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jess Walter: Citizen Vince. <br \/>Hodder &amp; Stoughton Paperbacks 2005. 9,90 \u20ac <br \/>(deutsch: \"Die Agenda\", Heyne 2006, \u00fcbersetzt von Uschi Gnade. 397 Seiten. 8,95 \u20ac)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei B\u00fcrgerrechte sind es, so Vince Camden in Jess Walters Buch \u201eCitizen Vince\u201c, auf die verurteilte Straft\u00e4ter in den USA verzichten m\u00fcssen. Das Recht eine Waffe erwerben und tragen zu d\u00fcrfen und das Recht zu w\u00e4hlen. 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