{"id":17333,"date":"2006-12-12T09:52:04","date_gmt":"2006-12-12T09:52:04","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/12\/okay-streiten-wir-uns\/"},"modified":"2022-06-05T02:01:09","modified_gmt":"2022-06-05T00:01:09","slug":"okay-streiten-wir-uns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/12\/okay-streiten-wir-uns\/","title":{"rendered":"Okay, streiten wir uns"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">KrimiWelt-Bestenliste \u2013 pro und contra. So lautete der Arbeitstitel eines f\u00fcr das neue Krimijahrbuch geplanten Beitrags, in dem sich Tobias Gohlis, Initiator der Liste, und N.N. \u00fcber Sinn und Unsinn des Projektes austauschen sollten. Den Beitrag aber wird es nicht geben; zwei potentielle Contra-Autoren haben, aus durchaus nachvollziehbaren Gr\u00fcnden, abgesagt. Und selbst die Rolle des teuflischen Advokaten zu \u00fcbernehmen, dazu bin ich nicht der richtige Mann. Ich mag die Liste n\u00e4mlich. Aber.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Eine Liste ist eine Liste. Ein Kompromiss, 17 Meinungen zu einer zusammengefasst und die 17 individuellen Listen d\u00fcrften wohl mitunter dramatisch anders best\u00fcckt sein als die eine, die publik gemachte. Das ist Statistik, das ist in Ordnung, das ist eben Hitparade.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich gef\u00e4llt mir nicht alles, was Monat f\u00fcr Monat auf die Liste kommt. Muss auch nicht. Die siebzehn Juroren machen sie kaum, um mir den Tag zu retten. Dass mich manches \u00e4rgert, versteht sich also von selbst. Spitzenplatz f\u00fcr Ani? Wo ist Laura Lippman mit ihrem famosen \u201eGef\u00e4hrliche Engel\u201c? Wo Pentti Kirstil\u00e4? Und so weiter. Und erst die Dezember-Liste. Auf Rang 1 Richard Rayners \u201eDas dunkle Herz der W\u00fcste\u201c: ganz passabel, aber so versatzst\u00fcckartig wie vorhersehbar. Profiarbeit, darf mal an den unteren R\u00e4ngen schnuppern, aber Rang 1? \u2013 Rang 2: Thomas Kastura, \u201eDer vierte M\u00f6rder\u201c. Gewiss auch Profiarbeit, man darf aber nicht so genau hingucken. Versatzst\u00fcckartig, vorhersehbar auch hier alles, die Kunst des perspektivischen Erz\u00e4hlens ist noch nicht bis nach K\u00f6ln gekommen, wird aber angewandt, erzeugt au\u00dfer G\u00e4hnen nichts, sorry.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe zu: H\u00e4tten es beide Titel nicht auf die Spitzenpl\u00e4tze der Liste geschafft, ich h\u00e4tte kein Wort dar\u00fcber verloren, sie vielleicht noch nicht einmal gelesen. Und das ist mit das Beste an der Liste: Man liest B\u00fccher und streitet sich \u00fcber sie, die man ansonsten nicht gelesen, \u00fcber die man nicht gestritten h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das k\u00f6nnte das Beste sein, denn man muss es sofort relativieren und darauf hinweisen, aus welchen Gr\u00fcnden die Liste ins Leben gerufen wurde. Ein Wegweiser durch den Krimidschungel soll sie sein, Spreu vom Weizen trennen, zeigen: Guck, es gibt den seri\u00f6sen Kriminalroman als Teil der Literatur, man kann ihn bewerten, er ist nicht blo\u00df Geschmackssache, billiges Zeug. Man will kleinere Verlage, von Conte \u00fcber Shayol bis Zebu, aus dem Nichtvorhandensein in die Buchl\u00e4den holen, denn dort h\u00e4ngt die Bestenliste als ein memento und wispert \u201eProbiers doch mal mit uns\u201c, w\u00e4hrend es von den W\u00fchltischen \u201eKauf mich!\u201c schreit. Sie ist also: Werbemittel, PR-Instrument, durchaus wichtiges Indiz f\u00fcr die Emanzipation eines lange genug der Ignoranz preisgegebenen Genres. Das ist sch\u00f6n, das ist ehrenwert. \u2013 Und nicht genug.<\/p>\n\n\n\n<p>Besucht man die Internetseite der Bestenliste, gelangt man per Klick auch zu den Begr\u00fcndungen der jeweiligen Wahl. Man liest lauter Lobpreisungen, versteht sich, denn der gute Eindruck darf nicht getr\u00fcbt, das Publikum, hat man es erst einmal in den F\u00e4ngen, durch Diskurs nicht verst\u00f6rt werden. Der allerdings w\u00e4re notwendig, um zu zeigen, dass der Kriminalroman Objekt einer Streitkultur ist (ich mag das Wort eigentlich nicht; Esskultur, neulich gar H\u00e4kelkultur; nu, lassen wir es trotzdem dabei) und die Liste eben nur statistischer common sense. Es gibt keine \u201ezehn besten Krimis\u201c, es gibt aber unterschiedliche Meinungen zu Ani, zu Horst, zu Kastura, zu fast allen. Warum also nicht auch \u201eGegenstimmen\u201c zu Wort kommen lassen? Warum nicht zeigen, dass Literaturkritik nicht Bestandteil einer exakten Wissenschaft ist (nicht sein kann), dass aber Kriterien der Kritik durchaus existieren und nur im Diskurs wirklich in all ihrer Widerspr\u00fcchlichkeit dingfest zu machen sind?<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n; man kann sich die ganze gro\u00dfe Welt der gegens\u00e4tzlichen Ansichten ergoogeln. Sich, als normaler Krimileser, dem die Besprechungsexemplare nicht kostenlos ins Haus wehen, fragen, wie es denn m\u00f6glich sei, dass A und B in ihren Meinungen so weit auseinanderdriften. Nur: Wer tut das, wer hat die Zeit, es zu tun?<\/p>\n\n\n\n<p>Die KrimiWelt-Bestenliste nicht als ein jeden letzten Samstag im Monat zu bestaunendes Produkt, ecken- und kantenlos, sondern als ein durchaus labiles, als Kompromiss erkennbares Konstrukt: das w\u00e4re, vielleicht, der erste Schritt weg vom reinen Image- und Werbeinstrument, hinein in die Wirklichkeit der widerstreitenden Erkl\u00e4rmodelle, die, h\u00e4tte man sie auch r\u00e4umlich ganz dicht beieinander, eine Diskussion \u00fcber das Grunds\u00e4tzliche von Kritik anregen k\u00f6nnten. Nicht nur die Begr\u00fcndungen, warum dieser oder jener Roman es verdient hat, auf die Liste zu kommen. Auch die Begr\u00fcndungen, die dagegen sprechen. Ich gebe zu, dass ich mir selbst, da ich das schreibe, eine gewisse Blau\u00e4ugigkeit vorwerfen muss. W\u00fcrde ein solches Vorzeigen der Gegenstimmen die Liste nicht diskreditieren? Allzu viel Wirklichkeit schadet bekanntlich dem guten Zweck, irritiert &#8212; ja, genau: irritiert. Vielleicht ist es genau das, was mich am Ende doch \u00fcberzeugt: Um jemanden aufzuwecken, muss man ihn irritieren, und aufwecken sollte man so manche, die sich notorisch in den Federn wohlfeiler Klischees und Ansichten r\u00e4keln.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bestenliste gibt es nun seit fast zwei Jahren. Sie hat sich, trotz allem, bew\u00e4hrt, ist eine Institution geworden, doch wie jede andere Institution schwebt sie in der latenten Gefahr, tr\u00e4ge zu werden, zu erstarren. Und trotzdem: EINE Bestenliste ist mir immer noch lieber als KEINE Bestenliste. Am liebsten w\u00e4re mir allerdings eine, die sich bewegt, bevor sie endg\u00fcltig auf einem Podest und damit in der totalen Erstarrung landet.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>KrimiWelt-Bestenliste \u2013 pro und contra. 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