{"id":17334,"date":"2006-12-13T07:53:42","date_gmt":"2006-12-13T07:53:42","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/12\/tim-obrien-geheimnisse-und-luegen\/"},"modified":"2022-06-14T19:57:59","modified_gmt":"2022-06-14T17:57:59","slug":"tim-obrien-geheimnisse-und-luegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/12\/tim-obrien-geheimnisse-und-luegen\/","title":{"rendered":"Tim O&#8217;Brien: Geheimnisse und L\u00fcgen"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/buchkiste_obrien.jpg\" alt=\"buchkiste_obrien.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>John Wade ist am Ende seines amerikanischen Traums angelangt. Seine politische Karriere wurde j\u00e4h gestoppt, als herauskam, dass er an der Ausl\u00f6schung des Dorfes Thuan Yen beteiligt war, besser bekannt als das My Lai Massaker, bei dem Hunderte vietnamesischer Zivilisten von amerikanischen GIs misshandelt, gefoltert und gnadenlos get\u00f6tet wurden. John Wade \u201eder Zauberer\u201c sieht alles mit an, l\u00e4sst sich beinahe zuf\u00e4llig hineinziehen ins Morden. Sp\u00e4ter f\u00e4lscht er zwar die Stammrollen der entsprechenden Einheit, wird aber trotzdem von seiner Vergangenheit eingeholt, in der vielleicht wichtigsten Phase seines Lebens, zur Zeit der Wahlen um einen Senatorenposten.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Konsequenterweise hervorgekramt von den eigenen \u201eParteifreunden\u201c, nicht aus moralischer Verpflichtung, sondern um dem parteiinternen Konkurrenten erfolgreich den Weg zu ebnen. Was eigentlich nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zur Pr\u00e4sidentschaft sein sollte, wird jetzt zu Wades finalem Fangschuss. Allein mit seiner Frau Kathy, am titelgebenden See der Originalausgabe, werden Wunden geleckt, \u00fcber die Vergangenheit nachgedacht und zaghaft Pl\u00e4ne f\u00fcr eine Zukunft ohne die gro\u00dfe Politik geschmiedet. Dann verschwindet Kathy Wade spurlos, eine hastig anberaumte Suche bringt nichts zu Tage, keine Geheimnisse, vermutlich einige L\u00fcgen, aber nichts Greifbares. Hypothesen, Fragmente zweier Leben, skizziert von Wegbegleitern. Am Ende verschwindet John Wade, der Zauberer l\u00f6st sich auf in einem letzten Trick, und der Leser steht da, verlassen, mit einigen Varianten, Deutungsm\u00f6glichkeiten dessen, was wirklich passiert sein k\u00f6nnte. Aber die eindeutige (Er)L\u00f6sung entf\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn The Lake Of The Woods\u201c ist eine Art literarisches \u00c4quivalent zu David Lynchs \u201eTwin Peaks\u201c. Das B\u00f6se bei O\u2019Brien ist allerdings ambivalenter, noch weniger greifbar als bei Lynch. Hier gibt es keine mystischen Eulen, keinen \u201eBob\u201c, der das B\u00f6se personifiziert; doch die Atmosph\u00e4re ist genau so vergiftet, mit Alptr\u00e4umen und D\u00fcsternis, der nahezu surrealen Einsamkeit des Sees in den W\u00e4ldern. Hier IST Twin Peaks literarische Wirklichkeit: wenn John Wade nachts durch das Haus schleicht und alle Pflanzen mit kochendem Wasser \u00fcbergie\u00dft, das unheilvolle Mantra \u201eKill Jesus\u201c aussto\u00dfend. In diesen dunklen Stunden handelt Wade, entlarvt alle zaghaft gefassten Pl\u00e4ne (Europa, Verona) als pure Illusion, er\u00f6ffnet sogar die M\u00f6glichkeit, der M\u00f6rder des Menschen zu sein, der ihn liebte. Selbst dieses hehre Gef\u00fchl stellt O\u2019Brien allerdings des \u00d6fteren in Frage \u2013 gab es da nicht mindestens einen Seitensprung, der augenscheinlich so selbstlos liebenden Kathy Wade? &#8211; was seine Figuren zueinander treibt ist weitaus schwieriger zu entschl\u00fcsseln. Denn der scheinbare \u201eall American Boy\u201c John Wade ist eine zutiefst verst\u00f6rte Pers\u00f6nlichkeit, ein Spanner und Stalker, der sich ziemlich ungeschickt an Kathys Fersen heftet. Die sp\u00e4teren Aussagen der weiteren Beteiligten lassen vermuten, das Kathy um diese seltsame, nahezu pathologische Angewohnheit ihres Geliebten und sp\u00e4teren Ehemannes Bescheid wusste. Trotzdem l\u00e4sst sie sich ein auf den verkappten und verkannten Illusionisten, der es letztlich kaum schafft sich selbst zu t\u00e4uschen. Gefangen in ihren Tr\u00e4umen warten beide darauf, dass das gro\u00dfe Gl\u00fcck passiert, doch die Z\u00e4suren der Realit\u00e4t haben Vetorecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Tim O\u2019Brien macht es seinen Lesern nicht leicht, nicht nur, dass er keine eindeutigen L\u00f6sungen parat hat, er bedient sich schamlos in der Historie (eine Nebenfigur ist u.a. Lieutenant Calley, der als einziger Soldat wegen seiner Beteiligung am My Lai Massaker zu einer Gef\u00e4ngnisstrafe verurteilt wurde. Nach zwei Jahren Hausarrest war er wieder ein freier Mann.), verquirlt Fakten mit Fiktion, l\u00e4sst seine Figuren (und sich selbst) vermuten und l\u00fcgen. Doch am Ende steht eine Wahrheit: je mehr man einen Menschen auseinander nimmt, desto mehr wird er zur\u00fcck geworfen auf sich selbst. Und hat dabei die Wahl: zum Monster zu werden oder zum Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleibt noch die bescheidene Frage zu kl\u00e4ren, ob \u201eGeheimnisse und L\u00fcgen\u201c ein Krimi ist. Es gibt einen Mord, kurz auftretende Ermittler, Verd\u00e4chtige und T\u00e4ter. Vermutlich. Letztlich zeigt O\u2019Briens Roman wie bedeutungslos Genre Zuordnungen sind. Einigen wir uns auf Psycho-Thriller\u2026 vielleicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4u\u00dferst peinlich ist, dass Tim O\u2019Brien, einer der besten amerikanischen Gegenwartsautoren, gerade mal mit drei B\u00fcchern auf Deutsch vertreten ist (und auch das teilweise nur antiquarisch: \u201eGeheimnisse und L\u00fcgen\u201c; \u201eWas Sie trugen\u201c; \u201eWaren wir nicht gl\u00fccklich\u201c.) Zeit, dass sich was \u00e4ndert!<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Tim O\u2019Brien \u201cIn The Lake Of The Woods\u201d, 1994 <br \/>(dt. \"Geheimnisse und L\u00fcgen\", Fischer 1998))<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>John Wade ist am Ende seines amerikanischen Traums angelangt. 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