{"id":17335,"date":"2006-12-13T08:30:11","date_gmt":"2006-12-13T08:30:11","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/12\/zwei-meinungen-ein-beispiel\/"},"modified":"2022-06-06T15:30:24","modified_gmt":"2022-06-06T13:30:24","slug":"zwei-meinungen-ein-beispiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/12\/zwei-meinungen-ein-beispiel\/","title":{"rendered":"Zwei Meinungen, ein Beispiel"},"content":{"rendered":"\n<p>Welchen Gewinn h\u00e4tte die Krimikritik, h\u00e4tten die Leser von einem blo\u00dfen Nebeneinander des Pro und Contra zu Titeln auf der Krimiwelt-Bestenliste? W\u00fcrde das gen\u00fcgen oder w\u00e4re es lediglich der Auftakt zu einem Hauen und Stechen, bei dem Irrt\u00fcmer nachzuweisen und einzugestehen w\u00e4ren? Exerzieren wir das doch einmal stichwortartig an einem aktuellen Beispiel durch.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das Buch stand wirklich auf der Bestenliste, Michael Connellys \u201eVergessene Stimmen\u201c. In \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/10\/michael-connelly-vergessene-stimmen.php\">meiner Rezension<\/a> schrieb ich \u00fcber den Autor und seine Strategie, sie habe ihn \u201enicht zum Schw\u00e4tzer oder Moralisten\u201c werden lassen. \u2192<a href=\"http:\/\/www.literaturkritik.de\/public\/rezension.php?rez_id=10290\">Walter Delabar<\/a> nun sieht das ganz anders: \u201eDer gesamte Roman ist von diesem Moralpathos, dieser Selbstgerechtigkeit und der darauf aufsetzenden Respekthascherei durchsetzt.\u201c Hm, das ist nun das genaue Gegenteil meiner Aussage, einer irrt hier, oder?<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht um Moral oder, genauer gesagt, um die Gr\u00f6\u00dfe des Anteils moralischer Botschaft, die in \u201eVergessene Stimmen\u201c verpackt worden ist. Dass hier zwei Rezensenten zu h\u00f6chst unterschiedlichen Bewertungen kommen k\u00f6nnen, mag schlicht an ihren nicht kongruenten Ma\u00dfst\u00e4ben, mit denen sie \u201eMoral\u201c messen liegen. Was nun der einzige Grund w\u00e4re, den man unter \u201epers\u00f6nlichen Geschmack\u201c ablegen k\u00f6nnte. Generell einig d\u00fcrfte man sich indes sein, dass ein Zuviel an moralischem Beigeschmack den Wert eines Buches mindert. Aber nun beginnen die \u201ewissenschaftlichen\u201c Fragen: Was z\u00e4hlt zu diesen moralischen Botschaften, was nicht? Auch hier mag noch \u201eGeschmack\u201c nachklingen, nicht aber, wenn ich als Kritiker zu identifieren versuche, ob diese Moral die Meinung des Autors oder einer Person seines Werkes ist. Letztere d\u00fcrfte, wenn es zu ihrer Rolle geh\u00f6rt, so viel moralisieren wie sie will, es w\u00e4re nicht zu beanstanden. Beim Autor w\u00e4re man weit weniger tolerant. Gegenfrage: Wie aber unterscheidet man Autor- und Personenmeinung? Ist nicht das Personal auch Sprachrohr seines Sch\u00f6pfers?<\/p>\n\n\n\n<p>Und auch das: Wird ein Zuviel an Moralisieren vielleicht durch Gegenstr\u00f6mungen im Text ausgeglichen, in einen anderen Blickwinkel gestellt? M\u00fcsste man untersuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuletzt: Es ist ein Unterschied, ob ich einem Michael Connelly Moralisieren vorhalte oder einem Friedrich Schiller. Zwischen beiden stehen 200 Jahre Ideengeschichte, beide haben in nicht so einfach miteinander zu vergleichenden historischen und Kontexten gearbeitet. Oder mit anderen Worten: Moralisieren hat bei Schiller grunds\u00e4tzlich eine andere Funktion als bei einem heutigen Autor.<\/p>\n\n\n\n<p>All dies nur in Stichworten. Wichtig ist die Erkenntnis: St\u00fcnden beide Rezensionen zu \u201eVergessene Stimmen\u201c nebeneinander, w\u00fcrden sie den Leser vielleicht im positiven Sinne verwirren. W\u00fcrde man jedoch nun zu streiten beginnen, wer hier irrt oder nicht, verliefe man sich in einer komplizierten theoretischen Diskussion, an deren Ende keine \u201eAufl\u00f6sung\u201c, sondern jeweils ein Gedankengeb\u00e4ude st\u00fcnde, das des Walter Delabar und das des dpr. Beide w\u00fcrden im besten Fall ihre Urteile erl\u00e4utern, revidieren wohl nicht. F\u00fcr den Leser, der sich daf\u00fcr interessiert, m\u00f6glicherweise ein Gewinn; f\u00fcr den Leser, der auf klare Verh\u00e4ltnisse hofft, wohl keiner. Jeder der beiden Rezensenten kann Recht haben.<\/p>\n\n\n\n<p>(Der Beitrag wurde ad hoc verfasst; ist ausbauf\u00e4hig)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welchen Gewinn h\u00e4tte die Krimikritik, h\u00e4tten die Leser von einem blo\u00dfen Nebeneinander des Pro und Contra zu Titeln auf der Krimiwelt-Bestenliste? 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