{"id":17336,"date":"2006-12-14T07:27:46","date_gmt":"2006-12-14T07:27:46","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/12\/stefano-massaron-die-toten-kinder\/"},"modified":"2022-06-15T00:37:37","modified_gmt":"2022-06-14T22:37:37","slug":"stefano-massaron-die-toten-kinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/12\/stefano-massaron-die-toten-kinder\/","title":{"rendered":"Stefano Massaron: Die toten Kinder"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(2006 war ein gutes Jahr f\u00fcr unseren Juniorkritiker Jochen K\u00f6nig: Ausbildungsplatz bei Hinternet ergattert (\u00fcber Beziehungen), Mofa-F\u00fchrerscheinpr\u00fcfung bestanden (beim dritten Anlauf), rausgekriegt, dass M\u00e4dchen doch nicht so doof sind wie sie aussehen (Gerda!). Und jetzt die Kr\u00f6nung: Azubi Jochen darf auf dem heiligen Donnerstagsplatz des rezensierenden Platzhirschen seine Kritik an Stefano Massaron anbringen! Tats\u00e4chlich: ein gutes Jahr!)<\/em><br \/><em>Don\u2019t trust him when he turns his back:<br \/>He looks at you.<br \/>Don\u2019t trust him When his eyes are closed:<br \/>He still looks at you.<\/em>Devil Doll \u201cThe Girl Who Was\u2026Death\u201d<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Zwei Menschen treffen sich auf einen langen Kuss, gehen im Bewusstsein auseinander sich nie wiederzusehen, und der Roman ist zu Ende. Ein vers\u00f6hnlicher Schluss f\u00fcr ein ansonsten eher verst\u00f6rendes Werk.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Sommer 1977 vertreiben sich die Kinder der Bienenstockbande in einem Vorort Mailands die Zeit mit allerlei Gepl\u00e4nkel, mit Macht- und kleinen Liebespielen, K\u00e4mpfen gegen eine apulische Kinderbande, die die Macht auf dem Schrottplatz neben der Bienenst\u00f6cke genannten Siedlung anstrebt, Eidechsenrennen, Pornos lesen oder heimliches Rauchen. Dann gibt es einen gewalt(t\u00e4tig)en Einschnitt: die Bande findet eine \u00fcbel zugerichtete und sexuell missbrauchte M\u00e4dchenleiche. Sp\u00e4ter taucht noch eine zweite Leiche auf, die Situation eskaliert in zwei Hetzjagden, von denen eine f\u00fcr einen der Beteiligten t\u00f6dlich verl\u00e4uft und f\u00fcr die ganze Gruppe gerade mal 9 -12 j\u00e4hriger Jungen und M\u00e4dchen das Ende der Kindheit drastisch einl\u00e4utet.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Sommer 2003 sitzt der Journalist Sandro Musumeci in seinem B\u00fcro und liest die E-Mail einer Leserin namens Cinzia Carminati, die sich als seine gro\u00dfe Kinder\/Jugendliebe entpuppt. Wie es die Synchronizit\u00e4t der Ereignisse will, k\u00fcndigt sich gerade die Er\u00f6ffnung eines Kindergartens in den ehemaligen Bienenst\u00f6cken an, dessen Namenspatron der Kindersch\u00e4nder und \u2013m\u00f6rder jenes unheilvollen Sommers 1977 ist.<br \/>Man korrespondiert, trifft sich und mit diesem Zusammentreffen endet das Buch \u2013 wie oben erw\u00e4hnt.<\/p>\n\n\n\n<p>So springt der Roman zwischen den Zeitebenen 1977 und 2003 hin und her, beschreibt einf\u00fchlsam die Befindlichkeiten innerhalb der Gruppe, die Ver\u00e4nderungen im kindlichen Machtgef\u00fcge, l\u00e4sst selbst das Kippen vom R\u00e4uber- und Gendarmspiel zur realen M\u00f6rderjagd plausibel erscheinen, eine Jagd, die allen Beteiligten \u00fcber den Kopf w\u00e4chst. Es gibt Einsch\u00fcbe \u00fcber Zivilcourage (einer der wenigen Einw\u00e4nde gegen die Passagen aus der Sicht des jugendlichen Sandro: s\u00e4mtliche Kinder agieren zu bewusst und zu erwachsen.), geographische Konflikte &#8211; die allerdings in der Mitte des Buches beil\u00e4ufig versanden. Da scheint Massaron seinen Faden verloren oder weggeworfen zu haben, denn er l\u00e4sst den Anf\u00fchrer der apulischen Kinderbande mit der Hauptfigur Sandro kollidieren, ohne das die daraus angedrohten Folgen im weiteren Verlauf auch nur in einem Nebensatz Erw\u00e4hnung finden. Ein weiterer Schwachpunkt, der sich allerdings verschmerzen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwiesp\u00e4ltig wird der Roman allerdings durch die \u201eStillstand\u201c genannten Kapitel, in denen der Vergewaltiger und M\u00f6rder als Erz\u00e4hler fungiert. Hier darf er akribisch beschreiben wie er seine kleinen Opfer wahrnimmt und was er mit ihnen anstellt. Was ihn dazu treibt, warum er am Rande des Wahnsinns dem Schrottplatz, seinem rostigen Gott Leviathan huldigt, ihm blutige Opfer darbringt, bleibt unbeantwortet. B\u00f6se argumentiert, lesen sich diese Passagen wie Wichsvorlagen f\u00fcr P\u00e4derasten. Denn \u00fcber die Motivation des Kinderarztes, pl\u00f6tzlich alle Fesseln der Zivilisation abzulegen und als sabberndes Monster mit heraush\u00e4ngendem Penis durch seinen Wirkungsbereich zu streifen, erf\u00e4hrt der Leser wenig. Doch Massaron gelingen auch hier gro\u00dfartige Szenen, etwa der Moment, als der Arzt einem jungen Patienten bescheinigt, er sei bald wieder gesund und k\u00f6nne seine kleinen Freundinnen ficken. Auf die erstaunte Nachfrage der Mutter des Kindes, schafft es der Arzt mit Leichtigkeit sie zu beruhigen. Als der Sohn den Satz des Arztes w\u00f6rtlich wiederholt wird er von seiner Mutter handgreiflich zur Ordnung gerufen.<br \/>Hier \u2013 wie an anderer Stelle \u2013 sehen Kinder, was den Erwachsenen, die eh nur eine minderbemittelte Rolle spielen, entgeht: das Monster hinter seiner wei\u00dfbekittelten Fassade.<br \/>Erst 2003 d\u00fcrfen Erwachsene zu bewussten Wesen werden, und das auch nur, weil sie sich ihrer Vergangenheit stellen, die Kindheit mit einem vers\u00f6hnlichen Kuss zum Abschluss bringen, in der Gewissheit, dass sie vorbei, aber nicht vergessen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Unaufgeregt, in einer schlichten, aber pr\u00e4zisen Sprache, erz\u00e4hlt Massaron seine Geschichte vom Verlust der Unschuld, von Traumata, die das ganze Leben bestimmen, und die erst ihre Macht verlieren, wenn man sich ihnen stellt und sie \u00fcberwindet. Nichts Neues unter der Sonne eigentlich, aber so eindringlich und \u00fcberzeugend dargebracht, dass man gerne folgt und im eigenen Leben nach solchen dramatischen Fixpunkten sucht.<br \/>Ob die T\u00e4terperspektive mit ihren breit ausgemalten Schilderungen hier sinnvoll ist, mag jeder f\u00fcr sich selbst entscheiden; ich halte sie f\u00fcr weitestgehend \u00fcberfl\u00fcssig. Die alte Geschichte vom Schweigen, durch das man manchmal zum Philosophen wird, wenn man es denn getan h\u00e4tte.<br \/>Trotzdem bleibt eine spannende, nachdenklich machende, d\u00fcstere Geschichte, die uns klar\u00e4ugiger in die reale Welt entl\u00e4sst. Und das ist doch schon eine ganze Menge.<\/p>\n\n\n\n<p>Jochen \u201ees k\u00f6nnte aber auch eine ganze Ecke mehr sein\u201c K\u00f6nig, Fast noch Nikolaus 2006.<\/p>\n\n\n\n<p>PS.: \u201eRuggine\u201c (Rost) ist der wesentlich gelungenere Titel des Originals. Rost schmecken, riechen der M\u00f6rder, Sandro und Cinzia. Rost hat die Farbe und den metallischen Geschmack von getrocknetem Blut. \u201eSaug es aus sonst bekomme ich Tetanus\u201c, sagt Cinzia. Frisches Blut schmeckt besser. Rost ist eklig. Aber reicht das aus, um Psychopathen zu produzieren?<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eJust think of me as one you never figured<br \/>Would fade away so young<br \/>With so much left undone<br \/>Remember me to my love, I know I\u2019ll miss her.\u201d<\/em><br \/>Neil Young, \u201cPowderfinger\u201c, richtig, vom Album \u201cRust never sleeps\u201d<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Stefano Massaron: Die toten Kinder. Rowohlt 2006 \n(Original: \u201eRuggine\u201c, Giulio Einaudi editore s.p.a., Turin, 2005, deutsch von Karin Rother). \n249 Seiten. 8,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(2006 war ein gutes Jahr f\u00fcr unseren Juniorkritiker Jochen K\u00f6nig: Ausbildungsplatz bei Hinternet ergattert (\u00fcber Beziehungen), Mofa-F\u00fchrerscheinpr\u00fcfung bestanden (beim dritten Anlauf), rausgekriegt, dass M\u00e4dchen doch nicht so doof sind wie sie aussehen (Gerda!). Und jetzt die Kr\u00f6nung: Azubi Jochen darf auf dem heiligen Donnerstagsplatz des rezensierenden Platzhirschen seine Kritik an Stefano Massaron anbringen! 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