{"id":17357,"date":"2006-12-20T08:16:00","date_gmt":"2006-12-20T08:16:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/12\/bestenliste-diskussion-eine-kommentierte-zusammenfassung\/"},"modified":"2022-06-07T00:55:39","modified_gmt":"2022-06-06T22:55:39","slug":"bestenliste-diskussion-eine-kommentierte-zusammenfassung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/12\/bestenliste-diskussion-eine-kommentierte-zusammenfassung\/","title":{"rendered":"Bestenliste-Diskussion: eine kommentierte Zusammenfassung"},"content":{"rendered":"\n<p>Elf kommentierende, debattierende, sich streitende, behauptende und widerlegende Menschen: das ist f\u00fcr Krimiblogverh\u00e4ltnisse fast ein Massenauflauf. Der Anlass war vergleichsweise harmlos. In Ermangelung geeigneter polemischer Bereitschaft habe ich die Krimiwelt-Bestenliste wohlwollend betrachtet und mir erlaubt, \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/12\/okay-streiten-wir-uns.php\">einen kleinen Vorschlag<\/a> zu unterbreiten. KEINE Polemik also. Aber ein Versuch, polemisches Potential freizulegen. Ist das gelungen? Fassen wir kurz zusammen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Mein Vorschlag war bescheiden: Liebe Bestenlisten-Macher, stellt doch auf eurer Internetseite ein wenig mehr die Realit\u00e4t von Krimikritik dar, ver\u00f6ffentlicht auch die eine oder andere Gegenmeinung. Begr\u00fcndet nicht nur, WARUM es ein Titel auf die Liste geschafft hat, lasst auch Juroren zu Worte kommen, die darlegen, warum es dieser Titel ihrer Meinung nach NICHT auf die Liste h\u00e4tte schaffen sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die darauf einsetzende Diskussion entwickelte sich nun in einer erwarteten, so oder so \u00e4hnlich auf diesem Blog auch schon fr\u00fcher zu besichtigenden Weise. Ludger Menke und Joachim Feldmann brachten ihre Argumente f\u00fcr einen <em>\u201eStreit um die \u00e4sthetische Sache\u201c<\/em>, weiteten also meinen Vorschlag, der ein blo\u00dfes Nebeneinander von Pro und Contra vorsieht, aus. Was nun die Erfolgsaussichten einer solchen Ausweitung anbetrifft, blieben Ludger und Joachim pessimistisch: <em>\u201eAber leider ist ernsthafte Krimi-Kritik noch immer eine Sache weniger.\u201c <\/em>(Joachim Feldmann) \u2013 <em>\u201eWer sich in diversen Foren und Blogs umschaut, wer einfach mal seine Bekannten und Freunde fragt, wird schnell merken, wie wenig Bereitschaft es bei den Lesern gibt, sich ernsthaft, tiefgr\u00fcndig, analysierend mit Kriminalromanen auseinander zu setzen. Gerade mit Kriminalliteratur. Das ist Konsum, das ist Spannung, das ist Spa\u00df. Nothing more.\u201d<\/em> (Ludger Menke)<\/p>\n\n\n\n<p>Hier erreichte die Diskussion einen ersten Wendepunkt. In den Blick geriet die nicht zu leugnende Tatsache, dass man als Freund des auch beim Krimilesen kritischen Denkens in einem mickrigen Paralleluniversum am Rande der Hauptgalaxis lebt, wo sich weit \u00fcber 90 % der Krimikonsumenten bei wohligem Gruseln und kamingem\u00fctlicher R\u00e4tselei eingerichtet haben. Eine schiere Tatsache. Diesen Geschmack erreichen weder ernsthafte Kritiker noch Bestenlisten noch Blogs. Sie folgen ihm nicht, sie trachten nicht danach, ihn \u201ezu ver\u00e4ndern\u201c. Dass es manchmal doch gelingt, einen Bewohner der Mehrheitswelt ins Parterre der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit zu locken, mag sch\u00f6n sein, bleibt aber Ausnahme.<\/p>\n\n\n\n<p>Krimi ist ein Genre, also, nach unserem aktuellen Verst\u00e4ndnis von \u201eGenre\u201c, die Gesamtheit der belletristischen B\u00fccher, die sich mit Kriminalf\u00e4llen besch\u00e4ftigen. Der Blick des Wissenschaftlers ist selten der Blick des Lesers, dazu ist das Genre naturgem\u00e4\u00df auch zu heterogen. Darauf hebt Dr. Rutger Boo\u00df, grafit-Verleger, in seinem Kommentar ab:<em> \u201eDie akademischen Kritiker besch\u00e4ftigen sich gern mit solchen Kriterien wie &#8222;Intertextualit\u00e4t&#8220; oder &#8222;Welthaltigkeit&#8220;, was wiederum den gemeinen Leser weitaus weniger interesssiert als ein \u00fcberraschender Plot, den wiederum der Literaturwissenschaftler nicht interessiert.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das formuliert ein Grundproblem der Besch\u00e4ftigung mit Kriminalliteratur. Den einen ist es f\u00fcrchterlich egal, wie ein Text literarisch funktioniert, den anderen, wie er seine \u00fcberwiegend aus der Tradition des Trivialen hervorgegangenen Genrepflichten erf\u00fcllt. Dass sich beides f\u00fcr die wirklich erhellende Besch\u00e4ftigung mit Kriminalliteratur eigentlich nicht trennen l\u00e4sst, halte ich f\u00fcr die Grundhypothese einer gedeihlichen kritischen Zukunft, Krimis betreffend. Sie wartet noch nicht am Horizont, sie wird uns nicht aus den H\u00f6rs\u00e4len und Seminarr\u00e4umen entgegenschreiten, sie wird sich aus Pionierleistungen Einzelner entwickeln, die viel von Missionarischem haben werden.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Punkt war die Diskussion etwas vom eigentlichen Thema abgedriftet und ins \u00dcbergeordnete, Theorische geraten. Dies \u00e4nderte sich mit dem Beitrag von Andreas Ammer:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eals mitglied der jury kann ich das erstaunen, was da so manchmal auf unserer &#8222;krimiwelt-bestenliste&#8220; steht, nur zu gut verstehen. da geht es mir nicht anders. (&#8230;) wir machen trotzdem weiter und wundern uns \u00fcber uns selbst.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Eine sympathische Haltung, gewiss, Einsicht in das Willk\u00fcrliche von Statistik, die meinen urspr\u00fcnglichen Vorschlag, genau dieses Erstaunen zu thematisieren, zwar nicht aufnimmt, seine potentielle Notwendigkeit aber auch nicht negiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Sylvia Staude meldete sich gleich darauf ein zweites Jurymitglied zu Wort und f\u00fchrte uns zur\u00fcck zum leidigen Thema \u201eWir leben am Rande der Krimigesellschaft\u201c: <em>\u201ewelchen Krimileser (und ich habe in meinem Bekanntenkreis viele) interessiert es wirklich, den Krimi als Kunstform wahrzunehmen? Einen verschwindend geringen Prozentsatz, w\u00fcrde ich nach zahlreichen Krimi-Gespr\u00e4chen sagen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Man kann dem nichts anderes entgegenhalten als die bereits ge\u00e4u\u00dferte Hoffnung, die Betrachter der \u201eKunstform Kriminalroman\u201c m\u00f6gen sich aus ihren Elfenbeint\u00fcrmen begeben und das Ph\u00e4nomen &#8222;Kriminalroman&#8220; als ein nicht von seiner trivialen Hauptwurzel zu trennendes wahrnehmen. Noch tun das zu wenige, noch bricht \u00fcber manchem guten Ansatz das Ger\u00fcst literaturwissenschaftlicher Begrifflichkeiten \u00e4chzend zusammen. Und traut euch was. Ehrt die heiligen K\u00fche dort, wo man sie ehren muss, schlachtet sie dort, wo sie es verdienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit nun h\u00e4tte die Diskussion um die Bestenliste vorbei sein k\u00f6nnen. Man hat dar\u00fcber nachgedacht, man hat die Statements geh\u00f6rt, ein kleiner Vorschlag immerhin \u2013 stellt doch pro Monat wenigstens einen Titel vor, der es NICHT auf die Liste geschafft hat \u2013 wurde allgemein begr\u00fc\u00dft. Die Liste an sich wurde nicht in Frage gestellt, Polemik kam nur am Rande vor, einen interessanten Ansatz lieferte Bernd, der feststellte:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eSicherlich f\u00fchrt die Liste dazu, dass manches Sch\u00e4tzchen gehoben wird. Aber so eine Liste birgt nat\u00fcrlich auch die Gefahr, dass sich der Focus der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung nur noch auf die Gelisteten richtet und die Breite verloren geht.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Was nun etwas mit der eigentlichen Funktion der Liste zu tun hat, zu der ich abschlie\u00dfend komme, doch vorher krachte es tats\u00e4chlich einmal richtig. Gabriele Gordon, unter ihrem M\u00e4dchennamen Wolff als Krimiautorin bekannt, berichtete von dem Tag, an dem die Bestenliste f\u00fcr sie<em> \u201esowohl ihre Unschuld als auch ihre Relevanz verloren\u201c <\/em>hat. Ein Mitglied jener Liste habe ihr (und sechs weiteren AutorInnen) unverbl\u00fcmt mitgeteilt, <em>&#8222;Das w\u00e4re doch gelacht, wenn wir den Autor A nicht abschie\u00dfen und den Autor B auf Platz 1 setzen k\u00f6nnen!&#8220;.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein erheblicher Vorwurf. Mauscheleien, geheime Strategien&#8230; Das steht nun im Raum, kann nicht verifiziert werden, wandert als Ger\u00fccht, dann als Tatsache durch die Wahrnehmungsgeschichte der Liste \u2013 was schade ist. Konkrete Fakta t\u00e4ten not, Namen, Reden und Gegenreden der Beteiligten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu guterletzt meldete sich auch der Initiator und \u201eVorsitzende\u201c der Liste, Tobias Gohlis ausf\u00fchrlich zu Wort. Er pries meinen Beitrag als<em> \u201eungemein ausgewogen, geradezu salomonisch\u201c <\/em>(ein Lob, das einem geborenen Polemiker wehtun muss, der sardonische Gohlis wei\u00df das&#8230;) , nur meine Formulierung von der Liste als <em>\u201ereinem Image- und Werbeinstrument\u201c<\/em> gefiel ihm offensichtlich nicht, dabei war gerade dies positiv gemeint. Die Bestenliste kommt durch ihre schiere Existenz dem \u201eImage\u201c des Kriminalromans zugute, weil sie ihn ernstnimmt. Sie wirbt f\u00fcr ihn, sie will gute B\u00fccher in die H\u00e4nde zahlender Leser legen, wenngleich \u2013 auch das wei\u00df Tobias Gohlis \u2013 die Macht des Kritikers eine beschr\u00e4nkte ist, zumal dort, wo die Registrierkassen klingeln. MEHR aber als das, als Image- und Werbeinstrument wird die Liste in ihrem gegenw\u00e4rtigen Zustand nicht sein k\u00f6nnen. Vielleicht sollte sie das auch nicht. Vielleicht ist meine Vorstellung blau\u00e4ugig, sie k\u00f6nne sich ein St\u00fcck weit der Wirklichkeit von Literaturkritik oder dem, was wir \u201eGeschmack\u201c nennen und was in seiner nicht fassbaren Vielwertigkeit jede Diskussion um Kriterien abw\u00fcrgt, n\u00e4hern.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, polemisch war diese Diskussion nicht. Sie l\u00e4sst Fragen offen. Ganz konkrete nach Namen und Umst\u00e4nden (Frau Gordon), sehr allgemein-theoretische nach der Macht des Kritikers, der Zukunft der kritischen Analyse und, siehe Bernds Anmerkung, nach der unerw\u00fcnschten Nebenwirkung einer Lichtquelle, die ohne Schatten nicht auskommen kann und automatisch Verlierer produziert. Man wird also weiter dar\u00fcber reden. Das n\u00e4chste Mal etwas polemischer?<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elf kommentierende, debattierende, sich streitende, behauptende und widerlegende Menschen: das ist f\u00fcr Krimiblogverh\u00e4ltnisse fast ein Massenauflauf. 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