{"id":17358,"date":"2006-12-21T07:21:56","date_gmt":"2006-12-21T07:21:56","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/12\/cindy-dyson-unalaska\/"},"modified":"2022-06-08T00:16:30","modified_gmt":"2022-06-07T22:16:30","slug":"cindy-dyson-unalaska","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/12\/cindy-dyson-unalaska\/","title":{"rendered":"Cindy Dyson: Unalaska"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Cindy-Dyson-Unalaska.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Cindy-Dyson-Unalaska.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-24933\" width=\"175\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Cindy-Dyson-Unalaska.jpg 314w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Cindy-Dyson-Unalaska-94x150.jpg 94w\" sizes=\"(max-width: 314px) 100vw, 314px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Schon wieder ein Buch, bei dem einem, mephistophelisch l\u00e4chelnd, Gretchen \u00fcber die Schulter guckt und ihre gemeine Frage stellt: Wie h\u00e4ltst du\u2019s mit dem Genre, Rezensent? Das Genre, liebes Gretchen (antwortet der Rezensent), nimmt auch dieses Buch noch auf, Cindy Dysons \u201eUnalaska\u201c, es wird (irgendwie) gemordet und (irgendwie) aufgekl\u00e4rt. Das Wichtigste aber: ein wirklich gutes Buch.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Brandy, Anfang 30, wei\u00df nicht, was auf sie zukommt, als sie ihrem derzeitigen Lover, einem Fischer, auf die Al\u00ebuteninsel Unalaska folgt. Sie ist flatterhaft, kindheitstraumatisiert, rastlos und denkt, wie man so sagt, mit dem Unterleib. Unalaska immerhin ist etwas anderes als der amerikanische Rest. Eine Insel am Rande der bewohnten Welt, Eingeborene und ausw\u00e4rtige Fischer, sehr rauh, sehr direkt. Brandy nimmt einen Job in der Bar \u201eElbow Room\u201c an, die noch rauher, noch direkter ist. Sie lernt die Menschen kennen: von ihren M\u00e4nnern geschlagene Frauen, Trinkerinnen, schwule Barkeeper, patente Wirtinnen. Sie hat viel Zeit, denn ihr Freund Thad ist auf See. Sie langweilt sich, sie liest ungeheure Botschaften aus an Klow\u00e4nde gekritzelten W\u00f6rtern: \u201eM\u00f6rderh\u00e4nde\u201c. M\u00f6rderh\u00e4nde?<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das Buch breitet seine Handlung nicht nur aus der Sicht der Ich-Erz\u00e4hlerin aus. Wir lernen die Geschichte der Al\u00ebuten in eingestreuten Kapiteln kennen, von 1751 bis in die Jetztzeit, von der gewaltsamen Inbesitznahme durch die Russen bis zur traurigen Gegenwart unter amerikanischer Flagge. Diese Geschichte wird ebenfalls in Geschichten erz\u00e4hlt, die von Frauen handeln, die, weil ihre M\u00e4nner im Kampf sind oder vom Alkohol au\u00dfer Gefecht gesetzt, selbst die Dinge in die Hand nehmen m\u00fcssen, um ihre Kinder ern\u00e4hren zu k\u00f6nnen. Sie brechen Tabus. Eine Frau darf nicht jagen, sagen die Stammesgesetze, aber die Frauen jagen heimlich. Sie schleichen in die H\u00f6hlen mit den Mumien der verstorbenen J\u00e4ger, schneiden sich Leichenfett ab, schmieren sich damit ein, essen davon, werden J\u00e4gerinnen. Sp\u00e4ter jagen sie nicht nur Wale; sie jagen auch Menschen. Alle, die sie und ihre Nachkommenschaft bedrohen. Die Frauen werden zu M\u00f6rderinnen. Und je weiter wir uns der Jetztzeit n\u00e4hern, desto klarer wird: Es hat nie aufgeh\u00f6rt. Die Frauen brechen weiterhin die Tabus, das Ungeheuerliche vererbt sich von M\u00fcttern auf T\u00f6chter.<\/p>\n\n\n\n<p>Brandy kommt der Sache auf die Spur, sie ist eine Geistesverwandte. Auch sie von M\u00e4nnern im Stich gelassen, auch sie enorm unter ihren Verh\u00e4ltnissen lebend. Als sie schlie\u00dflich das Geheimnis der Frauen von Unalaska kennt, muss sie von der Insel fl\u00fcchten \u2013 und tr\u00e4gt doch die Botschaft in sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Botschaft, zugegeben, ist das einzig Grobe an diesem f\u00fcr ein Deb\u00fct erstaunlich gut geschriebenen und komponierten Roman. Wenn die M\u00e4nner versagen, m\u00fcssen die Frauen eben f\u00fcr Recht und Ordnung und Nahrung sorgen, das Leben in die eigene Hand nehmen. Als Leser verkraftet man das aber; die Figur der Brandy ist plastisch genug, die Beschreibung ihrer Existenz in einer extremen Umwelt gelungen. F\u00fcr Krimileser sicherlich gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig Dysons etwas andere Interpretation dessen, was man \u201eSuspense\u201c nennt oder \u201eAufkl\u00e4rung\u201c. Sie vertraut der Dramaturgie eines gro\u00dfen historischen Bogens und zieht ihn stabil \u00fcber die Jahrhunderte. Die Frage, was man darf und was nicht, wieviel ein Menschenleben wert ist, wenn seine Ausl\u00f6schung viele andere rettet, ist keine philosophische, sondern eine pragmatische. Eine der Fragen, die man in Situationen h\u00f6chster Not ohne Nachzudenken beantwortet.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Cindy Dyson: Unalaska. <br \/>Bloomsburg Berlin 2006. 349 Seiten. 22,90 \u20ac<br \/>(Original: \u201eAnd she was\u201c 2005, deutsch von Barbara Schaden)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon wieder ein Buch, bei dem einem, mephistophelisch l\u00e4chelnd, Gretchen \u00fcber die Schulter guckt und ihre gemeine Frage stellt: Wie h\u00e4ltst du\u2019s mit dem Genre, Rezensent? Das Genre, liebes Gretchen (antwortet der Rezensent), nimmt auch dieses Buch noch auf, Cindy Dysons \u201eUnalaska\u201c, es wird (irgendwie) gemordet und (irgendwie) aufgekl\u00e4rt. Das Wichtigste aber: ein wirklich gutes [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17358","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17358","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17358"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17358\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17358"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17358"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17358"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}