{"id":17370,"date":"2006-12-29T07:43:15","date_gmt":"2006-12-29T07:43:15","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/12\/neujahrsansprache-des-bundeskriminalpraesidenten\/"},"modified":"2022-06-08T01:13:13","modified_gmt":"2022-06-07T23:13:13","slug":"neujahrsansprache-des-bundeskriminalpraesidenten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/12\/neujahrsansprache-des-bundeskriminalpraesidenten\/","title":{"rendered":"Neujahrsansprache des Bundeskriminalpr\u00e4sidenten"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/bkp.GIF\" alt=\"bkp.GIF\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Liebe Mitleserinnen, liebe Mitleser. Das alte Krimijahr geht zu Ende, das neue steht vor der T\u00fcr. Wir wollen nicht zur\u00fcckschauen, also schauen wir nach vorne. Was erwarten wir? Was soll besser werden am deutschen Krimi? Das Deutsch nat\u00fcrlich!<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Deutsch, das wissen wir alle, ist die Sprache unserer Dichter. Ist die Sprache von Goethe und Grass, von Schiller und Shakespeare, von Raabe und Rudolph. Aber h\u00e4tte etwa Goethe einen Serienkiller wirklich Serienkiller genannt? H\u00e4tte er nicht stattdessen Reihent\u00f6ter geschrieben? Schiller, um ein anderes Beispiel zu nennen, war ein Meister des Sex &amp; Crime, aber bei ihm hie\u00df es Fortpflanzung &amp; Rechtsbruch. Bei Grass finden wir keinen plot \u2013 wohl aber den der guten deutschen Regel der Konsonantendopplung geschuldeten Plott. Und so weiter. Ich frage Sie: Muss das alles sein? Ist G\u00e4nseh\u00e4uter nicht treffender als Thriller, ein Seeleng\u00e4nseh\u00e4uter nicht vielsagender als ein Psychothriller?<\/p>\n\n\n\n<p>Das mag Ihnen, liebe Mitleserinnen und Mitleser, jetzt so vorkommen wie Erbsenz\u00e4hlerei. Vieles jedoch, was wir in verst\u00e4ndlicher Liebe zum angloamerikanischen Kriminalroman \u00fcbernommen haben, wurde bedenkenlos \u00fcbernommen, etwa der Ausdruck \u201esuspense\u201c. Er stammt urspr\u00fcnglich aus dem Franz\u00f6sischen und ist aus \u201esous\u201c (unter) und \u201epenser\u201c (denken) entstanden, bedeutet somit \u201eunterdenken\u201c, ein Wort, das es im Deutschen nicht gibt, wo man etwas \u00fcberdenkt. \u201e\u00dcber\u201c jedoch hei\u00dft auf Franz\u00f6sisch \u201esur\u201c, aber von einem \u201esurpense\u201c hat man noch nie geh\u00f6rt, was uns zu denken geben sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Anliegen liegt mir schwer auf dem Herzen. Warum, so frage ich, handelt der deutsche Kriminalroman ausschlie\u00dflich von Mord? Warum nicht auch einmal, sagen wir, von einem Eierdiebstahl? K\u00f6nnte nicht auch ein solches Sujet unter den H\u00e4nden einer Meisterin, eines Meisters zu abgr\u00fcndiger Literatur gerinnen, zu einem G\u00e4nseh\u00e4uter ohne Reihent\u00f6ter und Fortpflanzung? Und am Ende l\u00f6st sich alles in didaktischem Wohlgefallen auf. Das Ei wurde gar nicht gestohlen, es wurde einfach nicht gelegt. Und das Huhn, aus berechtigter Sorge um seinen Arbeitsplatz, hat seine Legeinkompetenz verschwiegen. Es k\u00f6nnte dann Herr Kurt Beck, der Ministerpr\u00e4sident von Rheinland-Pfalz, als Kommissar auftreten und das Schlusswort sprechen: \u201eWasch und rasier dich, Huhn, dann findest du auch Arbeit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Man hat, wie nachzulesen war, dies als den Ausdruck eines erschreckend schlichten und bornierten Gem\u00fctes aufgenommen, doch steckt in dieser Aufforderung nicht vielmehr ein fruchtbarer und universeller Gedanke? Wascht und rasiert euch, ihr Kriminalautorinnen und Kriminalautoren, sinnbildlich nat\u00fcrlich nur, schrubbt allen Dreck von der Sprache, seift sie ein und entfernt die Borsten mit dem Rasiermesser eures gesunden Menschenverstandes. Dann n\u00e4mlich, und nur dann, wird alles wieder gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Immerhin, es regt sich auch Hoffnung am Horizont. Frau Astrid Paprotta etwa wird unser Herz mit einem Feuerkrimi erw\u00e4rmen, f\u00fcr den der heimische Kamin als idealer Leseort wie pr\u00e4destiniert scheint. Und Herr Friedrich Ani verspricht uns f\u00fcrs sp\u00e4tere Fr\u00fchjahr den ersten Band seiner neuen Kriminalromanreihe \u201eDer Seher\u201c. Endlich also jemand, der nicht nur fernsieht, sondern auch in sich hinein und aus sich heraus. Wichtige volksbildnerische Werke und dennoch spannende Werhatsgetans mit Seitenwendereffekt und vielen Klippenh\u00e4ngern. Das sind ermutigende Einzelf\u00e4lle, liebe Mitleserinnen und Mitleser, und es liegt an Ihnen, das gute Beispiel zu belohnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts t\u00e4te ich lieber, als Ihnen zum Jahresende 2007 gegen\u00fcber zu sitzen, vor einem fast leeren Blatt Papier, auf dem nur dieser ehrliche Satz stehen w\u00fcrde: \u201eZum deutschen Krimi f\u00e4llt mir nichts mehr ein, drum w\u00fcnsche ich ein gutes neues Jahr und gehe jetzt nach Hause. In diesem Sinne, Ihr Bundeskriminalpr\u00e4sident\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Mitleserinnen, liebe Mitleser. Das alte Krimijahr geht zu Ende, das neue steht vor der T\u00fcr. Wir wollen nicht zur\u00fcckschauen, also schauen wir nach vorne. Was erwarten wir? Was soll besser werden am deutschen Krimi? 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