{"id":17383,"date":"2007-01-04T07:53:08","date_gmt":"2007-01-04T07:53:08","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/01\/leif-gw-persson-zwischen-der-sehnsucht-des-sommers-und-der-kaelte-des-winters\/"},"modified":"2022-06-10T23:46:53","modified_gmt":"2022-06-10T21:46:53","slug":"leif-gw-persson-zwischen-der-sehnsucht-des-sommers-und-der-kaelte-des-winters","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/01\/leif-gw-persson-zwischen-der-sehnsucht-des-sommers-und-der-kaelte-des-winters\/","title":{"rendered":"Leif GW Persson: Zwischen der Sehnsucht des Sommers und der K\u00e4lte des Winters"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Zwischen-der-Sehnsucht-des-Sommers-und-der-Kaelte-des-Winters.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Zwischen-der-Sehnsucht-des-Sommers-und-der-Kaelte-des-Winters.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-25476\" width=\"175\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Zwischen-der-Sehnsucht-des-Sommers-und-der-Kaelte-des-Winters.jpg 525w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Zwischen-der-Sehnsucht-des-Sommers-und-der-Kaelte-des-Winters-377x600.jpg 377w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Zwischen-der-Sehnsucht-des-Sommers-und-der-Kaelte-des-Winters-94x150.jpg 94w\" sizes=\"(max-width: 525px) 100vw, 525px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Kleiner Krimiwissenstest. Woran erinnert uns das? Zwei Polizisten, verfressen \/ rassistisch \/ dumm wie Brot fahren Streife. Genau: Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6. Und weiter: Die schwedische Polizei ist korrupt, paramilit\u00e4risch, neonazistisch, frauen- und ausl\u00e4nderfeindlich. Jetzt wird\u2019s langweilig: schon wieder Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6. Hat Leif GW Persson eigentlich auch etwas Eigenes zu bieten?<br \/>Gute Frage. Doch, hat er, und die S\/W-Zitate sind nicht Indiz f\u00fcr schlecht geklaute Einzelteile aus dem klassischen schwedischen Krimimuseum, sie sind grimmige Referenz und nicht weniger grimmiges Abnicken der vom Meisterduo diagnostizierten Gesellschaftsverh\u00e4ltnisse. Wie in den Sechzigern und Siebzigern, so ist es immer noch.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ein amerikanischer Journalist st\u00fcrzt aus dem 15. Stock eines Studentenwohnheims, in dem er sich einquartiert hat, um ein Buch zu schreiben. Ganz offensichtlich Selbstmord, da sind sich die Ermittler, durchweg dem oben beschriebenen Typs des schmierigen Dummbeutels zugeh\u00f6rig, einig. Es braucht einige Zuf\u00e4lle, um Kriminaldirektor Lars. M. Johansson in den Fall zu ziehen, Johansson, der l\u00e4ngst Karriere gemacht und die Tagesarbeit der Polizei hinter sich gelassen hat. Nun aber steckt er wieder mittendrin. Was er herausfindet, ist harter Stoff, k\u00f6nnte den Staat in seinen Grundfesten ersch\u00fcttern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein zweiter Erz\u00e4hlstrang berichtet uns von eben diesen Grundfesten. Berg und sein Adlatus Waltin stehen einer gigantischen, so grotesken wie einflussreichen Beh\u00f6rde vor, die sich um die Staatssicherheit sorgt. Eine Art Verfassungsschutz plus Nachrichtendienst, in immer bizarrere Abteilungen aufgegliedert, in denen \u00e4u\u00dferst merkw\u00fcrdige Menschen Materialien \u00fcber Terroristen und sonstige St\u00f6renfriede der \u00f6ffentlichen Ordnung sammeln. Man sorgt sich vor allem um den Ministerpr\u00e4sidenten, den meistgehassten Mann des Landes, angeblich Spion der Russen, wie es die Spatzen von den D\u00e4chern pfeifen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Johansson im Fall des toten Amerikaners ermittelt, n\u00e4hern sich die clownesken Bem\u00fchungen der Beh\u00f6rde um Berg und Waltin diesem Thema aus einer anderen Richtung. Aber jetzt kommt der Clou. Perssons Roman erz\u00e4hlt uns keine vollkommen fiktive Geschichte. Schon die Tatsache, dass der Journalist sein Buch auf einer Schreibmaschine tippt, verlegt die Erz\u00e4hlzeit in die Pr\u00e4-PC-\u00c4ra, und richtig: Wir befinden uns in den Achtziger, der Ministerpr\u00e4sident hei\u00dft Olof Palme, er wird ermordet \u2013 nicht nur in der Wirklichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wirklichkeit? Kann das sein? \u00dcberzeichneten nicht schon Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 die Entwicklungen der schwedischen Gesellschaft und ihres Polizeiapparates? Warum schl\u00e4gt Persson in die gleiche Kerbe? Wer ist eigentlich dieser Persson? Nun, er ist Professor f\u00fcr Kriminologie und \u2013 Berater der obersten Polizeibeh\u00f6rde, ein Mann mithin, der wissen sollte, was er sagt und schreibt. Und steht nicht der bis heute ungel\u00f6ste Mord an Palme f\u00fcr Ermittlungsskandale, h\u00f6chste Inkompetenz und Verschw\u00f6rungstheorien?<\/p>\n\n\n\n<p>So gesehen wird aus der vorgeblichen \u00dcberzeichung allm\u00e4hlich n\u00fcchterne und geradezu unfassbare Realit\u00e4t oder, sagen wir es genauer, eine Realit\u00e4t, von der wir nicht wissen ob, aber doch bef\u00fcrchten, dass sie existiert. Sie ist verwirrend genug, auch in der ausf\u00fchrlichen Schilderung \u00fcber Dutzende von Seiten, was man h\u00e4tte k\u00fcrzen k\u00f6nnen, aber vielleicht doch nicht, weil man nur so den ganzen Irrsinn aus Verfolgungswahn, Dummheit, Kalk\u00fcl und Machtgeilheit ungeschnitten vorgesetzt bekommt. Denn es scheint sie zu geben, die hohen Polizeibeamten, f\u00fcr die Frauen \u201eS\u00e4ue\u201c sind, die Neonazis in Uniform, die aufgeblasenen Beh\u00f6rden als Staat im Staat. Und selbst dann, wenn Persson aus dramaturgischen Gr\u00fcnden die Dinge bis ins Groteske steigert: Was bleibt, ist der illusionslose Zynismus dieses Romans. Auch Johansson, der mit Abstand symphatischste Charakter des Textes, ist, nachdem er das Geheimnis des Journalisten entdeckt hat, zynisch, auch wenn er diese Geisteshaltung pragmatisch nennen sollte. Er \u00fcbergibt seine Unterlagen an die n\u00e4chste vorgesetzte Stelle \u2013 und damit hat sichs.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Morde, um die es in Perssons Roman geht, sind mehr oder weniger Zufallsmorde, periphere Ereignisse. Im Mittelpunkt steht die Ungeheuerlichkeit der Recht- und Gerechtigkeitsmaschine, die alles was sie zu fassen kriegt verformt, Menschen, Dinge, Ereignisse. Das war bei Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 schon nicht anders und ist wohl die Botschaft, die mehr als eine Generation sp\u00e4ter noch immer gilt. Nicht nur in Schweden.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Leif GW Persson: <br \/>Zwischen der Sehnsucht des Sommers und der K\u00e4lte des Winters. <br \/>M\u00fcnchen (btb) 2006 (deutsch von Gabriele Haefs). 672 Seiten. 9 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleiner Krimiwissenstest. Woran erinnert uns das? Zwei Polizisten, verfressen \/ rassistisch \/ dumm wie Brot fahren Streife. Genau: Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6. Und weiter: Die schwedische Polizei ist korrupt, paramilit\u00e4risch, neonazistisch, frauen- und ausl\u00e4nderfeindlich. Jetzt wird\u2019s langweilig: schon wieder Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6. Hat Leif GW Persson eigentlich auch etwas Eigenes zu bieten?Gute Frage. Doch, hat er, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17383","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17383","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17383"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17383\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17383"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17383"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17383"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}