{"id":17390,"date":"2007-01-11T07:54:34","date_gmt":"2007-01-11T07:54:34","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/01\/carl-albert-loosli-die-schattmattbauern\/"},"modified":"2022-06-06T17:05:17","modified_gmt":"2022-06-06T15:05:17","slug":"carl-albert-loosli-die-schattmattbauern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/01\/carl-albert-loosli-die-schattmattbauern\/","title":{"rendered":"Carl Albert Loosli: Die Schattmattbauern"},"content":{"rendered":"\n<p>Im vorgeblichen Dunkel der Geschichte des deutschsprachigen Kriminalromans blitzen zwei Werke aus schweizer Federn: Friedrich Glausers \u201eWachtmeister Studer\u201c (auch als \u201eSchlumpf Erwin Mord\u201c bekannt) aus dem Jahr 1935 und \u201eDer Richter und sein Henker\u201c von Friedrich D\u00fcrrenmatt, 1950. W\u00fcssten wir es nicht besser, w\u00fcssten vor allem nicht, dass die Leerstellen vor und zwischen diesen Marksteinen keine wirklichen Leerstellen sind, sondern einzig und allein der jahrzehntelangen betrieblichen Blindheit der Forschung geschuldetes \u00dcbersehen, dann also k\u00f6nnten wir uns den Spa\u00df erlauben, neben die beiden Menhire, die da aus kriminalliterarischem Flachland wachsen, einen dritten eidgen\u00f6ssischen zu stellen: Carl Albert Looslis \u201eDie Schattmattbauern\u201c von 1932.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Looslis Buch beginnt, wie ein \u201eguter\u201c Kriminalroman zu beginnen hat: Wir betreten die kleine Gemeinde Habligen im Unteremmental, einen wohlhabend-wohlh\u00e4bigen Ort. Es ist Sommer, die Trockenheit macht zu schaffen, man wartet auf den Regen, der endlich kommt, jauchzend, tanzend und saufend begr\u00fc\u00dft wird, aber, als er wieder vorbei ist, die Katastrophe zur\u00fcckgelassen hat: Der Bauer Rees R\u00f6sti vom Schattmatt-Hof liegt hinterm Geh\u00f6ft, den Kopf von einer Schrotladung entstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Spuren werden aufgenommen und ausgewertet, Indizien gesammelt, m\u00f6gliche Zeugen befragt. Nicht lange dauert es, bis der Schwiegersohn des Toten, Fritz Gr\u00e4del, in Verdacht ger\u00e4t, hat ihm doch der R\u00f6sti-Rees zu Lebzeiten manch b\u00f6sen Streich gespielt. Nein, die Beweislast ist erdr\u00fcckend, Gr\u00e4del, der seine Unschuld beteuert, wird in Untersuchungshaft genommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Herk\u00f6mmliche Er\u00f6ffnung also, die aber den erfahrenen Leser von Kriminalliteratur leicht verwirrt zur\u00fcckl\u00e4sst. Er n\u00e4mlich ahnt l\u00e4ngst, dass der b\u00f6seste Streich des R\u00f6sti-Rees eben sein eigener Tod ist, ein geschickt als Mord verpackter Selbstmord, um den verhassten Schwiegersohn nun wirklich ein f\u00fcr allemal \u201eschachmatt\u201c zu setzen. Die untersuchenden Amtspersonen jedoch ignorieren die Zeichen. Nicht dass sie dem Gr\u00e4del B\u00f6ses wollten, ganz im Gegenteil. Aber sie tun nur ihre Pflicht, sind sorgf\u00e4ltig und genau, nichts kann man ihnen vorwerfen \u2013 leider auch nicht jenes gewisse Qu\u00e4ntchen Intuition, das die Wahrheit jenseits des beh\u00f6rdlich Vorstellbaren enth\u00fcllen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Und genau darum geht es. Loosli zeichnet keineswegs das Bild einer engstirnigen l\u00e4ndlichen Gemeinde und ihrer ebenso engstirnigen Einwohner, da brodelt nicht das B\u00f6se unter der Oberfl\u00e4che, giften nicht Habgier und Kleingeist. Habligen ist normal, Habligen macht einen netten Eindruck, Habligen hat keine Leichen im Keller, keine Wackersteine auf der Seele. Das Recht, das gesprochen ist, ist also auch das \u201enormale\u201c Recht, man macht es sich nicht leicht, man w\u00e4gt ab, man ist dem Inhaftierten wohlgesonnen, man gebraucht Recht und Gerechtigkeit als zwei W\u00f6rter f\u00fcr eine Sache.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir dem Gr\u00e4del nach seiner Verhaftung wieder begegnen, sind etliche Monate Erz\u00e4hlzeit und 80 Seiten Text vergangen, die die Geschichte der Schattmattbauern und besonders die des Rees R\u00f6sti zusammenfassen. Ein rachs\u00fcchtiger Mensch war der, ungesellig, unbeliebt, von der einzigen Frau, die er geliebt hat, schn\u00f6de abgewiesen, auch Dragoner durfte er, der die Pferde doch so mochte und mit ihnen umzugehen verstand, nicht werden. Und jetzt heiratet sein einziges Kind ausgerechnet den Sohn der Frau, die ihm einen Korb gegeben hat, und bei den Dragonern ist er obendrein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir erfahren also die Motivlage des R\u00f6sti und dann treffen wir Fritz Gr\u00e4del wieder, er sitzt in Untersuchungshaft und ist ein anderer Mensch geworden, einer, der nicht mehr an das Recht, der nicht mehr an Gott glaubt, ein gebrochener Mensch ist. Das Gerichtsverfahren beginnt, noch einmal wird rekapituliert, werden Pl\u00e4doyers gehalten, obsiegt \u2013 ja, was eigentlich? \u2013 die Gerechtigkeit, der Gr\u00e4del Fritz wird mangels Beweisen freigesprochen, geradezu abwesend war er den ganzen Prozess \u00fcber und nimmt das Urteil entgegen, als ginge es ihn nichts an.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ende ist nun wieder der \u201eKrimikonvention\u201c geschuldet. Siebenundzwanzig Jahre nach dem Mord enth\u00fcllt ein Brief die ganze Wahrheit, eine Wahrheit, die der Leser schon l\u00e4ngst wei\u00df und sich fragt, warum nicht auch die Vertreter von Recht und Ordnung darauf gekommen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Carl Albert Loosli, der \u201eDie Schattmattbauern\u201c wohl vor allem deshalb geschrieben hat, weil er sich von einem Kriminalroman dringend ben\u00f6tigte Einnahmen erhoffte (eine Hoffnung, die nicht in Erf\u00fcllung ging, dazu weicht der Roman doch zu sehr von den Lesererwartungen ab), beschreibt uns hier drei Sph\u00e4ren von ersch\u00fctternder Harmonie und Pflichterf\u00fcllung: das t\u00e4gliche Leben in Habligen, das Rechtssystem, das sich bew\u00e4hrt und solide \u00fcber dieses Leben w\u00f6lbt und das nun dieses Rechtssystem noch einmal \u00dcberschattende des christlichen Glaubens. Und siehe: Alle drei Sph\u00e4ren sind klapprige Konstrukte, scheuklapprige, k\u00f6nnte man pr\u00e4zisieren, versteinerte, v\u00f6llig unbewegliche Systeme, die den Einzelnen, dessen Welt durcheinander geraten ist, nicht mehr vor sich selbst und seinen Zweifeln sch\u00fctzen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Loosli, selbst in Erziehungs- und Jugendstrafanstalten gewesen, sp\u00e4ter u.a. als Gerichtsreporter t\u00e4tig, beschreibt eine Welt aus festen Burgen, die sofort ins Wanken geraten, wenn auch nur ein L\u00fcftchen etwas heftiger weht als normal und die Menschen aus ihrer Selbstverankerung rei\u00dft, bis sie irgendwo im Wahnsinn verschwinden wie Fritz Gr\u00e4del, der aus seiner Depression nicht mehr herauskommt, zw\u00f6lf Jahre in der Psychiatrie dahind\u00e4mmert und stirbt. Ob sich Loosli dabei, wie es ein Zitat von Edgar Marsch aus dem Vorwort der Neuausgabe nahelegt, als \u201eerster kritischer Rezipient der englischen detective story\u201c erweist, indem das \u201e\u00fcberlieferte Regelwerk der Gattung (&#8230;) einer kritischen \u00dcberpr\u00fcfung\u201c unterwerfe, bedarf einer genaueren Analyse als sie hier stattfinden kann. Sicher aber d\u00fcrfte sein, dass Loosli mit den \u201eSchattmattbauern\u201c einen wichtigen Beitrag zur Geschichte einer \u201eneuen\u201c Kriminalliteratur geliefert hat, die das Labile der Verh\u00e4ltnisse beschreibt, die Notd\u00fcrftigkeit ihrer Existenz, die Leichtigkeit, mit der ein Verbrechen alles zum Einsturz bringen kann. Nicht zuletzt Friedrich Glauser wird dies, wenngleich anders, weil formal enger am \u201eKrimischema\u201c, einige Jahre sp\u00e4ter wieder aufgreifen und die \u201ef\u00fcrchterliche Normalit\u00e4t\u201c nicht nur der Schweiz aufzeichnen und endg\u00fcltig in die Kriminalliteraturgeschichte schreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Carl Albert Loosli: Die Schattmattbauern. <br \/>Rotpunktverlag 2006. 418 Seiten. 31 \u20ac<br \/>(= Band 3 (Kriminalliteratur) der siebenb\u00e4ndigen Werkausgabe, hrg. von Fredi Lerch und Erwin Marti). <br \/>der vorbildlich editierte Band enth\u00e4lt neben den \u201eSchattmattbauern\u201c noch drei k\u00fcrzere Kriminalerz\u00e4hlungen, \u201eDie Geisterphotographie. Eine Detektivgeschichte nach Conan Doyle\u201c, (bei Loosli hei\u00dft der Held \u201eHarlock Shelmes\u201c), \u201eDer verlassene Stuhl\u201c, \u201eSunnem\u00fcli-Benzes Burdi\u201c in schweizer Dialekt sowie das Fragment \u201eZweierlei Kaliber\u201c<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im vorgeblichen Dunkel der Geschichte des deutschsprachigen Kriminalromans blitzen zwei Werke aus schweizer Federn: Friedrich Glausers \u201eWachtmeister Studer\u201c (auch als \u201eSchlumpf Erwin Mord\u201c bekannt) aus dem Jahr 1935 und \u201eDer Richter und sein Henker\u201c von Friedrich D\u00fcrrenmatt, 1950. 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