{"id":17393,"date":"2007-01-12T07:51:38","date_gmt":"2007-01-12T07:51:38","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/01\/david-morell-creepers\/"},"modified":"2022-06-14T19:57:07","modified_gmt":"2022-06-14T17:57:07","slug":"david-morell-creepers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/01\/david-morell-creepers\/","title":{"rendered":"David Morell: Creepers"},"content":{"rendered":"\n<p>Jeder, der mal ein abbruchreifes Haus erkundet hat oder durch eine verlassene Fabrik gestromert ist, wei\u00df um den Reiz dieser vorwiegend verbotenen Aktivit\u00e4ten. Wer derlei Exkursionen \u00f6fters und gerne innerhalb einer Gruppe unternimmt, darf sich \u201eurban explorer\u201c, \u201eInfiltrator\u201c oder \u201eCreeper\u201c nennen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wie eben jene Clique ehemaliger Studenten, geschart um einen freigeistigen Professor, die eines Tages \u2013 oder besser Nachts \u2013 den Journalisten Frank Balenger mit auf eine ihrer Erkundungstouren nimmt. Mitten hinein ins \u201eParagon Hotel\u201c, welches einem Maya-Tempel nachempfunden wurde, geplant und erschaffen von einem genial-verr\u00fcckten Misanthropen und Agoraphobiker. Der Mikrokosmos als Welt. Nach au\u00dfen ein feudales Hotel, im Inneren ein Labyrinth voller Geheimg\u00e4nge, doppelter B\u00f6den und Guckl\u00f6cher, die des Voyeurs Auge und Herz vielf\u00e4ltig befriedigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Roman spielt in einer einzigen Nacht zwischen 21 und 4 Uhr, eine Nacht, die die Mehrheit der Protagonisten nicht \u00fcberleben, der Rest nicht vergessen wird. Zumindest letzteres ein Schicksal, das dem Leser erspart bleibt. Aber der Reihe nach\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst baut Morrell in seinem wenig kunstvoll, aber durchaus effizient geschriebenen \u2013 gut, einige ausmalende Passagen sonnen sich zu sehr im zwielichtigen Glanz ihrer selbst &#8211; Thriller durchaus geschickt Spannung auf, lenkt das Augenmerk des Lesers eher in Richtung Mystery und Horror (dreibeinige Katzen, mutierte Ratten, unheimliche Schatten und Bewegungen im dunklen Brackwasser des Hotelpools), l\u00e4sst diese Motive aber sinn- und ergebnislos zugunsten einer w\u00fcsten Gangster- und Serienm\u00f6rderkolportage verpuffen. Je weiter der Text und die Creepers voranschreiten, desto mehr ergibt sich die gr\u00f6\u00dfte Spannung aus den wechselnden Motivationen und Beziehungen innerhalb des Romanpersonals.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn neben der sechsk\u00f6pfigen Creepers-Truppe arbeiten sich noch ein seltsames Gangstertrio, ein durchgeknallter Killer und sein letztes potentielles Opfer durch die verrotteten G\u00e4nge des Paragon-Hotels. Teilweise geht es zu wie im Taubenschlag, und manch einer mag sich fragen, warum diese Mischung aus Abenteuerland und Tierpension \u00fcberhaupt geschlossen wurde, denn selbst verbarrikadiert ist in diesem Hotel mehr los als in einer Drei-Sterne Feriensiedlung zur Hochsaison. So arbeitet, k\u00e4mpft und killt es sich durch knapp 420 Seiten, gef\u00e4llig, nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig brutal, Fast Food Literatur par excellence. In Ma\u00dfen und zum richtigen Zeitpunkt genossen durchaus schmackhaft, tendiert der N\u00e4hr- und Erinnerungswert freilich gegen Null.<\/p>\n\n\n\n<p>Mark Twain hat den ganzen Roman eigentlich schon vor mehr als einem Jahrhundert in einem Kapitel seines \u201eTom Sawyer\u201c abgehandelt. (Kurze Erinnerung: bauf\u00e4llige H\u00fctte, Schatzsuche, Dachboden, Tom Sawyer und Huckleberry Finn, Indianer Joe und eine morsche Leiter. Meisterwerk halt.). Verglichen mit weiteren Klassikern des phantastischen Romans, sei es Edgar Allan Poe, Ambrose Bierce oder Algernon Blackwood, und ihrer F\u00e4higkeit aus der Beschreibung sinistrer R\u00e4ume Stimmung und Emotionen entstehen zu lassen, verblasst Morrell doch fast bis zur Unsichtbarkeit. Wenn die Klassiker gerade nicht greifbar sind, zwischen T\u00fcr und Angel oder hinten im Bus, dann kann einem John Rambos Sch\u00f6pfer durchaus die Zeit bis zur \u00fcbern\u00e4chsten Haltestelle vertreiben. Aber es besteht keine Gefahr, vor atemloser Spannung die Endstation zu verpassen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">David Morell: Creepers. <br \/>Droemer\/Knaur 2006. <br \/>432 Seiten. 7,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder, der mal ein abbruchreifes Haus erkundet hat oder durch eine verlassene Fabrik gestromert ist, wei\u00df um den Reiz dieser vorwiegend verbotenen Aktivit\u00e4ten. 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