{"id":17400,"date":"2007-01-15T08:15:39","date_gmt":"2007-01-15T08:15:39","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/01\/verschaerfte-gedanken-i\/"},"modified":"2022-06-08T00:36:20","modified_gmt":"2022-06-07T22:36:20","slug":"verschaerfte-gedanken-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/01\/verschaerfte-gedanken-i\/","title":{"rendered":"Versch\u00e4rfte Gedanken I"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Und wieder rotierts im K\u00f6pfchen. Form und Inhalt, das rechte Ma\u00df, die dicken und die d\u00fcnnen Krimis. Versch\u00e4rft Gedanken machen hei\u00dft die Nummer, ja, aber mehr als diese versch\u00e4rften Gedanken kriege ich momentan nicht zustande. Ein paar besonders abwegige gibt es in n\u00e4chster Zeit hier zu bestaunen. Der erste p\u00f6belt gegen Pieke Biermann &#8211; die Strafe folgt auf dem Fu\u00df.]<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Versch\u00e4rfte Gedanken I<\/p>\n\n\n\n<p>Hat Pieke Biermann Recht? \u201eForm(at) follows fiction\u201c, dekretierte sie hier j\u00fcngst, als wir die dicken Krimis ins Visier nahmen. Und das m\u00f6chte man eigentlich sofort abnicken, oder? Beim Sammeln versch\u00e4rfter Gedanken ist mir jetzt aber der eine, unerh\u00f6rte in den Sinn gekommen: Pieke Biermann hat NICHT Recht! Oder weniger dramatisch: Was sie sagt, stimmt nicht, weil es stimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eForm(at) follows fiction\u201c: das ist die Abwandlung des ber\u00fchmten \u201eform follows function\u201c, das wir sp\u00e4testens dann grimmig best\u00e4tigen, wenn wir uns auf einem furchtbar schicken Designersessel auch noch die letzte Bandscheibe ruiniert haben. Moooment, sagt da der b\u00f6se versch\u00e4rfte Gedanke, is ja richtig. Aaaaber: Seit wann sind denn Designerst\u00fchle dazu da, dass man sich auf sie setzt? Man guckt sie ihrer \u00e4sthetisch hochwertigen Form wegen an. Wer sich draufsetzt, ist selber schuld.<\/p>\n\n\n\n<p>Na gut, wenden wir das mal ins Kriminalliterarische. Krimis sind Gebrauchsgegenst\u00e4nde. Ich lese sie, um einen bestimmten Nutzen von ihnen zu haben, spannende Unterhaltung n\u00e4mlich. Den verlieren sie, wenn zuviel gequasselt wird. Krimis, aus denen mir h\u00fcbsch geformte Gedanken\u00e4sthetik entgegenh\u00fcpft, die mit dem eigentlichen Plot nichts zu tun hat, sind Sessel, in die man sich nicht setzen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n, antwortet der versch\u00e4rfte Gedanke, aber man kann sich ja reinsetzen. Man darf nur keinen Wert auf intakt bleibende Bandscheiben legen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212; Hm, was will er mir denn damit sagen? Wohl, dass ich einen verquasselten Krimi unter Umst\u00e4nden DANN goutieren k\u00f6nnte, wenn ich keinen Wert auf spannende Unterhaltung lege.<\/p>\n\n\n\n<p>Der versch\u00e4rfte Gedanke \u00fcberlegt angestrengt. Und sagt dann: H\u00f6r mal zu. Das mit dem Sitzen in so komischen Sesseln&#8230;wie w\u00e4rs denn, wenn du ganz anders&#8230;na ja, drauf sitzen w\u00fcrdest? Nicht so konventionell Hintern aufs Polster knallen lassen, R\u00fccken gegen die Lehne, wie sies im Fernsehen gerade in der \u201eBr\u00e4uteschule 1958\u201c lernen. Sondern eben anders: KNIE dich doch auf die Sitzfl\u00e4che! Mach einen Kopfstand drauf! Setz dich verkehrt rum&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam verliere ich die Geduld. H\u00f6r mal zu, versch\u00e4rfter Gedanke, damit ist das \u201eform follows function\u201c noch lange nicht entkr\u00e4ftet! Du definierst hier einfach, verdammt noch mal, das \u201efunction\u201c um.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ja, murmelt der versch\u00e4rfte Gedanke und gr\u00fcbelt weiter. Ich rede mich in Rage: Das w\u00fcrde doch bedeuten&#8230;Wenn ich einen verschw\u00e4tzten Krimi lese, einen vielleicht \u00e4sthetisch reizvollen, aber v\u00f6llig unbrauchbaren W\u00e4lzer, dann definiere ich einfach die function um. Nicht mehr spannend unterhalten soll er mich, sondern &#8212; irgendetwas anderes!<\/p>\n\n\n\n<p>Genau!, triumphiert der versch\u00e4rfte Gedanke. Und sagt dann gen\u00fcsslich: Deshalb hat die Biermann doch auch Unrecht! Wenn ich das \u201efiction\u201c als etwas Variables nehme, das hei\u00dft: wenn ich mich von den uralten steifen Konventionen freimache&#8230;dann folgt die Fiktion der Form und meinetwegen auch dem Format! Guck doch mal: Wer sagt denn, dass eine Story akkurat 400 Seiten haben muss! Das hei\u00dft doch, dass diese Story \u00fcberall auf der Welt, in jedem Autorengehirn 400 Seiten hat! Dass nicht mal einer&#8230;sagen wir: einunddieselbe Story auf 120 Seiten eindampft, ein anderer aber auf 1200 Seiten bl\u00e4ht. Um die Story geht es doch \u00fcberhaupt nicht! Es geht doch&#8230;. darum, wie ich mich reinsetze, verstehst du? Wichtig ist nur, dass das Ganze \u00e4sthetisch stimmt! Hat doch schon Arno Schmidt gesagt! Irgendwie&#8230;.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, irgendwie! Irgendwie hat der viel gesagt&#8230;Aber das hie\u00dfe doch: Lustig rumformatieren, ohne Sinn und Verstand, der Leser soll halt sehen, wie er es sich gem\u00fctlich macht im Text! Das ist Anarchie, das ist anything goes at its worst, das ist neue Beliebigkeit, das ist&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Eben nicht!, heult nun der versch\u00e4rfte Gedanke auf. Denn indem Pieke Biermann Unrecht hat, hat sie Recht!<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist ja nun der Gipfel an anything goes, heule ich zur\u00fcck!<\/p>\n\n\n\n<p>Bl\u00f6dsinn!, p\u00f6belt der versch\u00e4rfte Gedanke, ein Hirn wie deines, das etwas so \u00e4sthetisch Hochwertiges wie mich zustande gebracht hat, sollte nicht unter seinem Niveau r\u00e4sonnieren! Also ich helf dir auf die Spr\u00fcnge: Was ist denn eigentlich \u201efiction\u201c,h\u00e4? Das ist doch nicht nur das, was in dem Buch steht! Die Fiktion springt doch gleich auf dich \u00fcber, sobald du zu lesen beginnst, das ist doch keine Gebrauchsanweisung, wie du ein Zweimannszelt aufbaust! Du nimmst dir doch die Fiktion und steckst sie in deine eigene! Du gebrauchst sie! Du missbrauchst sie! Du liest was du willst, du deutet wie du willst! Und die Frau Biermann wei\u00df das! Fiktion ist die Freiheit, sich so auf ihren literarischen Sessel zu knallen, wie es DIR am genehmsten ist, um DIE FUNKTION des Gegenstands optimal auszunutzen: EINE ANDERE WELT BETRETEN! Wie auch immer! Eins werden mit der Form! Also folgt diese Form, folgt auch das Format letzlich der Funktion, aber eben anders! Ein 120-Seiter \u00fcber das Thema X unterscheidet sich vom 1200-Seiter \u00fcber n\u00e4mliches Thema X nur darin, dass du gezwungen bist, die Funktion anders zu definieren! DAS ist Literatur, du Bl\u00f6dmann, nicht die Zeit damit totschlagen! Sonst k\u00f6nntest du ja gleich fernsehen!<\/p>\n\n\n\n<p>Aufh\u00f6ren!, schreie ich. Jetzt mal gaaanz langsam mit den versch\u00e4rften Gedanken! Und kein Wort mehr \u00fcber Designersessel! Nehmen wir mal an, es stimmt, was du behauptest. Dann bietet mir der 1200-Seiter zehnmal mehr M\u00f6glichkeiten, ihn zu lesen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Falsch! Er bietet dir eine andere FORM! Es ist noch nicht einmal \u201erealistischer\u201c, wenn ich eine Geschichte \u00fcber 1200 Seiten ausbreite und in allen Details erz\u00e4hle, w\u00e4hrend ich beim 120-Seiter nat\u00fcrlich abstrahieren muss, andeuten, verstecken&#8230; Guck doch mal, du bist doch eigentlich gar nicht so bl\u00f6d \u2013 Wenn du ein Bild beschreiben musst, so ein Computerbild von 300 auf 300 Pixel. Dann kannst du einfach schreiben, was du siehst: Eine Kuh, die auf der Wiese steht und Gras frisst, beispielsweise, und tsch\u00fcs. Oder du kannst das Bild Pixel f\u00fcr Pixel beschreiben, wozu du mehr FORMAT brauchst, aber eine andere Wirklichkeit etablierst, verstehst du? Das Bild ist ja dasselbe, nur die Form ist anders! Aber die FIKTION ist weder das eine noch das andere, die Fiktion ist das, was in DEINER Wirklichkeit passiert! Das ist Lesen! Dass du deine Wirklichkeit mit der des Textes verkn\u00fcpfst. Oder anders: Dass du die Wirklichkeit deiner Sitztechnik mit der Wirklichkeit des Sitzm\u00f6bels&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte den versch\u00e4rften Gedanken gewarnt, aber er wollte nicht h\u00f6ren. Ich habe ihn kurzerhand ins Vergessen gekickt. Weg. Ob Pieke Biermann nun Recht hat oder nicht \u2013 keine Ahnung.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Und wieder rotierts im K\u00f6pfchen. Form und Inhalt, das rechte Ma\u00df, die dicken und die d\u00fcnnen Krimis. 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