{"id":17405,"date":"2007-01-18T07:17:33","date_gmt":"2007-01-18T07:17:33","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/01\/andree-hesse-das-andere-blut\/"},"modified":"2022-06-06T16:57:11","modified_gmt":"2022-06-06T14:57:11","slug":"andree-hesse-das-andere-blut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/01\/andree-hesse-das-andere-blut\/","title":{"rendered":"Andree Hesse: Das andere Blut"},"content":{"rendered":"\n<p>Deutsche Wertarbeit. Ein Mordfall wird ausermittelt, ein wenig Regionales sorgt f\u00fcr Atmosph\u00e4re, man hat private Probleme und sehr, sehr viele tiefe Gedanken. Das alles in einer Sprache, die auf merkw\u00fcrdige Weise Marshall McLuhans legend\u00e4re Identifizierung des Mediums als Botschaft variiert. Die Botschaft: K\u00fcmmert euch nicht um das Medium, fragt euch einfach, wer der T\u00e4ter ist, oder lasst es bleiben, ich sag es euch eh.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ein junges M\u00e4dchen, Kira, verbringt eine Nacht in der N\u00e4he ihres Pferdes auf der Weide. Ein \u201ePferderipper\u201c treibt sein Unwesen in der Gegend, Kira m\u00f6chte ihn stellen. Es kommt anders, es kommt wie erwartet. Am n\u00e4chsten Morgen liegt Kira tot in einem Bach.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommissar Arno Hennings \u00fcbernimmt die Ermittlungen. Sie f\u00fchren ihn zum Celler Landgest\u00fct, wo Kiras Vater arbeitet und einige andere Personen mehr, die nach und nach ins Fadenkreuz geraten. Ein alter Vorfall wird wieder aktuell, famili\u00e4re Abgr\u00fcnde tun sich auf. Andree Hesse erz\u00e4hlt seine Geschichte in etlichen, durchaus genregem\u00e4\u00dfen Windungen, die Aufl\u00f6sung ist \u00fcberraschend, realistisch, wenn man die Grenzen des Realen gro\u00dfz\u00fcgig zieht. Nun gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher einmal standen die Verbrechen im Mittelpunkt von Kriminalliteratur. Die Verbrechen, die Opfer, die T\u00e4ter, die Umst\u00e4nde. Das ist lange her. Heute ist es so: Arno Hennings wird Vater. Das hei\u00dft: wahrscheinlich. Sein Bruder Philip ist aus den USA, wo er als Studiomusiker arbeitet, zu Besuch kommen, wird mit seiner Band eine kleine Clubtournee unternehmen und Pink-Floyd-St\u00fccke als Blues spielen (Dies eine schreckliche Vorstellung, aber das nur nebenbei). Ein Kollege Hennings\u2019 sitzt zudem in der Schuldenfalle, muss mit guten Ratschl\u00e4gen (\u201e<em>Alkohol ist auch keine L\u00f6sung.\u201c<\/em>) wieder aufgerichtet werden. Wir erfahren also recht viel \u00fcber Herrn Hennings, nehmen an seinen Gedanken teil (Werde ich jetzt Vater? Werde ichs nicht? Will ichs? Will ichs nicht? etc.), versinken in den Reminiszenzen an die gemeinsame Kindheit von Arno und Philip etc. \u2013 sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dabei bleibt das \u00fcbrige Dramatis Personae so ziemlich auf der Strecke, was deshalb schade ist, weil doch diese Menschen mit dem Verbrechen und seinen Umst\u00e4nden verkn\u00fcpft sind, T\u00e4ter sind, Opfer sind, das also, worum sich alles drehen sollte, was man auszuloten, zu bemessen h\u00e4tte. Stattdessen: Arno Hennings denkt, Arno Hennings gr\u00fcbelt, Arno Hennings macht hochbrisante philosophische Entdeckungen:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDabei fehlte sie ihm schon jetzt. Wie damals, als sie den Unfall hatte, wollte er an ihrer Seite sein, um sie &#8230; ja, um sie zu besch\u00fctzen, auch wenn es jetzt daf\u00fcr eigentlich keinen Grund gab. Seltsam, dachte Arno, wie Trauer und Freude sich letztlich \u00e4hnlich sind in ihren Erscheinungsformen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nicht dass sich \u201eDas andere Blut\u201c nicht \u201egut\u201c lesen lie\u00dfe. So gut eben, wie man es von einem Durchschnittskrimi aus deutscher Produktion inzwischen erwartet. Die Sprache, das Medium, ist belanglos und f\u00fcgt sich in die Philosophie der Informationsgesellschaft: userfreundlich ist sie halt, eine funktionelle Software mit hohem Bedienkomfort und jener \u201ecorporate identity\u201c, die einem die W\u00f6rter ohne gro\u00dfe Anstrengung ins Gehirn liest und wieder aus ihm heraus. Das ist so spannend wie jede \u201eGoogle\u201c-Suche, so anstrengend wie das Neuanlegen eines Word-Dokuments, so faszinierend wie die Welt der Buttons und Links, auf die man mechanisch klickt und die einen akkurat dorthin bringen, wo man hinwollte: zum Ende, wenn es wieder einmal hei\u00dft: DER war\u2019s!<\/p>\n\n\n\n<p>Geschichten um Mord und Totschlag, die Gefahr laufen, sich selbst zu banalisieren. Sprachlich normverpackt, garantiert ohne Nach- und Nebenwirkungen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Andree Hesse: Das andere Blut. <br \/>Wunderlich 2006. 412 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutsche Wertarbeit. Ein Mordfall wird ausermittelt, ein wenig Regionales sorgt f\u00fcr Atmosph\u00e4re, man hat private Probleme und sehr, sehr viele tiefe Gedanken. 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