{"id":17406,"date":"2007-01-19T07:32:51","date_gmt":"2007-01-19T07:32:51","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/01\/die-welt-im-rucksack\/"},"modified":"2022-06-06T17:14:12","modified_gmt":"2022-06-06T15:14:12","slug":"die-welt-im-rucksack","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/01\/die-welt-im-rucksack\/","title":{"rendered":"Die Welt im Rucksack"},"content":{"rendered":"\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eSein Rucksack enthielt eine detaillierte Wanderkarte, einen Kompa\u00df und ein Fernglas, zwei Sandwiches mit K\u00e4se und Gurken, einen Keksriegel mit Pfefferminzgeschmack, einen Apfel und eine kleine Fleischpastete. Au\u00dferdem Schokoladenbonbons f\u00fcr Jess, eine Flasche Wasser f\u00fcr beide und ein zerfleddertes Buch des Tierschutzvereins \u00fcber heimische V\u00f6gel. Erst vor kurzem hatte er sich dazu durchringen k\u00f6nnen, den in Deutschland hergestellten Wanderstock mit Federung zu benutzen, den ihm eine seiner Nichten vor drei Jahren gekauft hatte.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Na, jetzt aber! Was soll denn das? Hier hatte einer zuviel Wei\u00df auf dem Papier, eine unmenschliche Verlagsvorgabe (\u201e450 Seiten, Mann, Sie wollen Ihr Buch doch verkaufen, ja?\u201c) oder ganz einfach die gew\u00f6hnliche W\u00f6rterdiarrhoe, jene unter Spannungsproduzenten epidemisch grassierende Erkrankung der k\u00fcnstlerischen Form.<\/p>\n\n\n\n<p>Blickten wir in den Rucksack des Protagonisten, es w\u00e4re nicht so arg, g\u00e4be uns vielleicht Ausschluss \u00fcber den Ordnungssinn des Charakters, seine Essgewohnheiten oder \u2013 man beachte den jahrelang verschm\u00e4hten Wanderstock \u2013 eine gewisse Germanophobie des \u2013 nat\u00fcrlich angels\u00e4chsischen \u2013 Helden. Aber nein; der, in dessen Rucksack wir einen Blick zu tun gezwungen sind, ist eine Charge am Rande der Handlung, nur erfunden, um eine Strickjacke zu finden, die einem vermissten M\u00e4dchen geh\u00f6rt. \u201eEin Wanderer und sein Hund fanden die Strickjacke, sie lag&#8230;\u201c etc., ein knapper Satz, mehr braucht es doch nicht, oder?<\/p>\n\n\n\n<p>Also unerkl\u00e4rlich. Und so \u00fcberraschend. Befindet sich doch der eingangs zitierte Absatz (immerhin fast 1\/3 Buchseite!) in \u201eSchrei nicht so laut\u201c von John Harvey, einem Werk, dem noch vorgestern an dieser Stelle die Kunst des Redens durch Schweigen bescheinigt wurde, perfekte \u00d6konomie in den Dialogen obendrein. Ein Faux Pas des Autors? Hatte er Kopfschmerzen? Eine beginnende Schreibblockade, die er durch das Notieren solcher Belanglosigkeit kaschieren, gar \u00fcberlisten wollte?<\/p>\n\n\n\n<p>Szenenwechsel. Vladimir Nabokov, auch als Literaturanalyst ein seltener Gl\u00fccksfall des Jahrhunderts, erkl\u00e4rt uns Nikolai Gogols \u201eDie toten Seelen\u201c (auch eine Art Kriminalroman, hm, von einem Manne gelesen, der auch eine Art Kriminalromane geschrieben hat, hmhm).<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eBei Werken von Gogol wie Der Revisor nehme ich mir mit Vergn\u00fcgen die Randgestalten vor, die das Gewebe des Hintergrunds beleben.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Hatte Harvey \u00c4hnliches im Sinn, als er uns mit jener Randfigur begl\u00fcckte? Und warum der Blick in den Rucksack? Was hat das zu bedeuten?<\/p>\n\n\n\n<p>Ein M\u00e4dchen ist verschwunden, alle Anzeichen sprechen daf\u00fcr, dass es entf\u00fchrt wurde, tagelang gequ\u00e4lt und schlie\u00dflich get\u00f6tet. Die Eltern, die Polizei, die Presse: alles ist in Aufruhr, \u00fcberschl\u00e4gt sich, spekuliert, hofft, sp\u00fcrt aber im Innersten, dass das Schlimmste stattgefunden hat. Und genau in dieser Situation setzt Harvey einen Kontrapunkt, der das Gef\u00fchlschaos erst richtig begreifbar macht. F\u00fcr wenige Zeilen nur werden wir mit einem Stillleben aus der geordneten Welt konfrontiert, wo alles an seinem Platz ist, jede Eventualit\u00e4t bedacht. Im Rucksack des Wanderers befindet sich eine ganze Existenz, die nichts aus dem Lot bringt. Wenn sie sich verirrt, hat sie die entsprechenden Instrumente dabei, ihren Weg zu finden, hat sie Hunger und Durst, vermag sie beides zu stillen, taucht ein Vogel auf, den sie nicht kennt, schl\u00e4gt sie einfach nach. Und dann nat\u00fcrlich der Wanderstock, ein Geschenk der Nichte, auch hier ist alles in Ordnung, ein harmonisches Familienleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Und auf einmal sehen wir die vorgebliche Platzverschwendung anders. Hier hat ein Autor nicht vor sich hin fabuliert, weil ihm gerade danach war, nein, er hat in wenigen S\u00e4tzen eine Gegenwelt gezeichnet, die die Schrecken der Haupthandlung unterstreicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser wandernder Rentner ist also weder \u00fcberfl\u00fcssig noch von jener holzschnittartigen Beschaffenheit, die AutorInnen so f\u00fcrchten, wenn sie ihnen in Kritiken vorgehalten wird. Sie wehren sich dann, wenn sie es nicht besser k\u00f6nnen, durch blo\u00dfe Materialschlachten, jede Bewegung, jeder Gedanke des Protagonisten und der weiteren Hauptpersonen wird expliziert und gleichzeitig gedeutet. Dass aber gerade durch diese Methode Holzschnittartiges entsteht, Beliebiges und in seiner Detailliertheit letztlich Unkenntliches, hat sich leider noch nicht herumgesprochen. Dabei gl\u00fccken komplexe Einblicke in Menschen manchmal schon mit einzelnen W\u00f6rtern, Halbs\u00e4tzen, Gesten. Auch das hat Vladimir Nabokov gewusst.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eAber Gogol gebot noch \u00fcber einen anderen Kunstgriff \u2013 die Randgestalten seines Romans [\u201eDie toten Seelen\u201c, dpr] entstehen aus den Nebens\u00e4tzen, die die verschiedenen Metaphern, Vergleiche und lyrischen Ausbr\u00fcche im Roman liefern. Wir sehen uns hier dem bemerkenswerten Ph\u00e4nomen gegen\u00fcber, da\u00df aus blo\u00dfe Redefiguren unmittelbar lebendige Gestalten entstehen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>(Zitate aus: John Harvey: Schrei nicht so laut, dtv 2007, S. 280; Vladimir Nabokov: Die Kunst des Lesens. Meisterwerke der russischen Literatur. S. Fischer Verlag 1991, S. 46f)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eSein Rucksack enthielt eine detaillierte Wanderkarte, einen Kompa\u00df und ein Fernglas, zwei Sandwiches mit K\u00e4se und Gurken, einen Keksriegel mit Pfefferminzgeschmack, einen Apfel und eine kleine Fleischpastete. Au\u00dferdem Schokoladenbonbons f\u00fcr Jess, eine Flasche Wasser f\u00fcr beide und ein zerfleddertes Buch des Tierschutzvereins \u00fcber heimische V\u00f6gel. Erst vor kurzem hatte er sich dazu durchringen k\u00f6nnen, den [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17406","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17406","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17406"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17406\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17406"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17406"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17406"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}