{"id":17415,"date":"2007-01-22T07:43:15","date_gmt":"2007-01-22T07:43:15","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/01\/dossier\/"},"modified":"2022-06-16T02:13:16","modified_gmt":"2022-06-16T00:13:16","slug":"dossier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/01\/dossier\/","title":{"rendered":"Dossier"},"content":{"rendered":"\n<p>der Arbeitsgruppe \u201eKriminalroman\u201c<br \/>der Stabsstelle \u201eBrot und Spiele\u201c<br \/>des Referats \u201eBlutdrucksenkende Mittel\u201c<br \/>des Bundesministeriums f\u00fcr das Innere<br \/>der provisorischen Bundesregierung<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Seit den beklagenswerten Unruhen im September 2010, als sich \u2013 von antidemokratischen Kr\u00e4ften gesch\u00fcrt \u2013 der sogenannte \u201eVolkszorn\u201c an deutschem Recht, deutscher Ordnung und deutschen Regierungsvertretern vergriff, ist es die Aufgabe der neuen provisorischen Bundesregierung unter Federf\u00fchrung des Verbandes der deutschen Industrie, jenen sogenannten \u201eVolkszorn\u201c zu bes\u00e4nftigen. Die Beseitigung der diese emotionale \u00dcberreaktion ausl\u00f6senden Missst\u00e4nde hat sich dabei nicht als die geeignete Ma\u00dfnahme erwiesen. Sowohl die Fragmentierung unserer Gesellschaft, ihr allm\u00e4hliches Zementiertwerden in \u201eSchichten\u201c, der R\u00fcckfall von Zahlungs-, Sexual- und sonstiger Moral auf das Niveau des fr\u00fchen 18. Jahrhunderts (Stichwort \u201eVoraufkl\u00e4rung\u201c) haben ihre besondere Bedeutung f\u00fcr die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes im Rahmen der Globalisierung zu profunden Share-Holder-Value-Gemeinschaften, die soziale Schieflage h\u00e4lt das Kapital oben und den Krankenstand unten, die L\u00fcge von der \u201eLeistungsgesellschaft\u201c verdeckt die Wahrheit von der Beziehungsgesellschaft der Wohlgeborenen, Skrupellosen und im Denken Unf\u00e4higen, daf\u00fcr im Reden Talentierten, kurzum: Alles soll so bleiben wie es ist, aber man darf es nicht merken. Die Gleichschaltung der Medien, wie sie seit dem Ende des 20. Jahrhunderts durch die Einschleusung unf\u00e4higer, eitler und fauler JournalistInnen zur allgemeinen Zufriedenheit bewerkstelligt wurde, hat die Unruhen vom September 2010 ebenso wenig verhindert wie das Auslegen sogenannter \u201eZuckerl f\u00fcr den Intellekt\u201c; d.i. das Aufwirbeln wahnsinnig uninteressanter Themen (Eva Herman, G\u00fcnter Grass, Wolf Biermann, Rechtschreibreform), oder die Fu\u00dfballeuphorie. Letztere indes weist uns den richtigen Weg. Das Volk muss abgelenkt, sein Blutdruck gesenkt, seines niederes Bed\u00fcrfnis nach spannender Unterhaltung befriedigt werden \u2013 und zwar, im Gegensatz zum unsicheren Fu\u00dfballsport \u2013 zuverl\u00e4ssig und dauerhaft. Das vorliegende Dossier unterbreitet Vorschl\u00e4ge, die ungebrochene Popularit\u00e4t des Kriminalromans zum Zwecke einer solchen Befriedung der deutschen Bev\u00f6lkerung zu nutzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ziel <\/strong>der Umstrukturierung des Kriminalromans muss es sein, mit seiner Hilfe alle bedrohlichen Gef\u00fchlswallungen der Bev\u00f6lkerung auf gesellschaftspolitisch marginale Weise zu kanalisieren. Indem die LeserInnen ihre Wut in effigie ausleben, sehen sie keine Notwendigkeit mehr, gegen die bestehenden Verh\u00e4ltnisse zu rebellieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Problem:<\/strong> Eine solche Kanalisierung und Unsch\u00e4dlichmachung von Gef\u00fchlen liegt recht eigentlich nicht in der Natur des Kriminalromans.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lichtblicke:<\/strong> Die Entwicklung des Kriminalromans in den letzten Jahrzehnten, insonderheit die seiner kommerziell erfolgreichen Vertreter, hat den Boden f\u00fcr eine im gesellschaftspolitischen Sinne notwendige Instrumentierung des Genres schon bereitet. Wissenschaftliche Untersuchungen haben unzweifelhaft ergeben, dass LeserInnen von Kriminalliteratur den sogenannten \u201eUngerechtigkeiten des Lebens\u201c im Allgemeinen stoischer, d.i. leidensf\u00e4higer gegen\u00fcberstehen als Leser anderer Genres.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aktuelle Situation: <\/strong>Der erfolgreiche Kriminalroman unserer Zeit ist entweder extrem wirklichkeitsfern oder extrem wirklichkeitsnah. Er konfrontiert seine Rezipienten mit v\u00f6llig sinnentleerten Handlungen oder gedr\u00e4ngten Potpourris sogenannter \u201erealistischer Zust\u00e4nde\u201c. Beides hat durchaus segensreiche, weil Aggressionen abf\u00fchrende Wirkung. Die LeserInnen wirklichkeitsferner Kriminalromane, in denen durchgeknallte Serienkiller ganze Landstriche entv\u00f6lkern, verlieren ihren nat\u00fcrlichen Aggressionstrieb am Mitvollzug bei der Beseitigung von Missst\u00e4nden (hier: statistisch auff\u00e4llige Quote unnat\u00fcrlicher Todesf\u00e4lle). Da bei einem als gelungen geltenden Kriminalroman das Mitleiden ebenso intendiert ist wie die einzig auf die Falll\u00f6sung\u201c gerichtete geistige Konzentration, ist die Bereitschaft, sich nach der Lekt\u00fcre den wirklichen Missst\u00e4nden unserer Gesellschaft zu widmen, gleich null, ja, diese Missst\u00e4nde werden, da im Vergleich zu den soeben fiktiv durchlebten und durchlittenen von ersch\u00fctternder Harmlosigkeit, gar nicht mehr als solche wahrgenommen, sondern als Teil der \u201esicheren Wirklichkeit\u201c akzeptiert. Zudem ist es uns gelungen, die mediale Dramaturgie der Wirklichkeit auf einem solch st\u00fcmperhaften Niveau zu halten, dass jeder Leser, jede Leserin von z.B. Gerichtsmedizinerinnenkrimis nur ver\u00e4chtlich die Nase r\u00fcmpft. Wohl haben Ereignisse wie der millionenfache Mord im Kongo das Potential zu Serienkillerkrimis; ihre Dramaturgie ist indes zu wenig auf die Erfordernisse des Konsumenten ausgerichtet, um letztlich sein Interesse zu wecken. Es gibt keine personalisierte Ermittlung, keinen Protagonisten, der an Midlife Crisis, gest\u00f6rtem Geschlechtstrieb oder Alkoholismus leidet und, sehr wichtig, nat\u00fcrlich auch keine scharfe Trennung von Gut und B\u00f6se und demzufolge auch keine unzweideutige Fallkl\u00e4rung, auf die aber Rezipienten von Kriminalliteratur bestehen wie auf das Amen in der Kirche.<\/p>\n\n\n\n<p>Der wirklichkeitsnahe Kriminalroman hingegen kleidet sich als Patchworkdarstellung der Wirklichkeit. Er nennt die Dinge beim Namen, was Menschen zum \u201eAufwachen\u201c animieren soll, realiter jedoch kontraproduktiv zu ihrer geistigen Einschl\u00e4ferung f\u00fchrt. Die Sozialpsychologie hat l\u00e4ngst begr\u00fcndet, warum das blo\u00dfe Benennen oder grobrastrige theoretische Nachvollziehen von Tatsachen diese in ihrem Wahrgenommenwerden abmildert. Die sogenannte \u201eUrschreitherapie\u201c w\u00e4re in diesem Zusammenhang ebenso zu erw\u00e4hnen wie die Leitartikel der Zeitungen. Beide Ph\u00e4nomene simplifizieren komplexe Zusammenh\u00e4nge, machen sie begreifbar, geben ihnen Kontur \u2013 und damit hat es sich zumeist. Auch der wirklichkeitsnahe Kriminalroman kann als eine Mischung aus Urschreitherapie und Leitartikel sehr zur Ruhigstellung einer potentiell aufr\u00fchrerischen Bev\u00f6lkerung beitragen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weiterentwicklung:<\/strong> Die Arbeitsgruppe \u201eKriminalroman\u201c empfiehlt den Ausbau einer dritten S\u00e4ule der Volksbefriedung und zwar die des \u201ehumoristischen Krimis\u201c. Man sollte sich die deutliche Tendenz zur Comedy zu Nutze machen und Aggressionen durch Schenkelklopfen, schrilles Gel\u00e4chter und inw\u00e4ndig rumorende, zwerchfellstrapazierende Heiterkeit auf ein vertretbares Restniveau reduzieren, welches dann durch die Lekt\u00fcre obenerw\u00e4hnter sogenannter \u201eSuperthriller\u201c oder \u201erealistischer Kriminalromane\u201c weiterhin reguliert werden kann. Gute Ans\u00e4tze sind, vor allem im deutschsprachigen Raum, durchaus vorhanden, eine muntere Szene sogenannter \u201eComedians\u201c greifbar und, mit dem Versprechen noch gr\u00f6\u00dferer Popularit\u00e4t, innerhalb k\u00fcrzester Zeit zu KrimiautorInnen umzuschulen. Der Kriminalroman als Aneinanderreihung von Witzpointen l\u00f6st gef\u00e4hrliche Verspannungen, die, \u201efreien Radikalen\u201c gleich, durch entsprechende Dosen \u201eThrill\u201c oder \u201eplakative Wirklichkeit\u201c erfolgreich bek\u00e4mpft werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schluss:<\/strong> Die \u00dcberlegungen der Arbeitsgruppe haben unzweifelhaft ergeben, dass es sich lohnt, die Entstehung von Kriminalromanen zu f\u00f6rdern. Wir empfehlen daher eine Aufwertung des Genres zu \u201eLiteratur\u201c, allerdings in behutsamer Form, da \u201eLiteratur\u201c die uns am Herzen liegenden breiten Volks- und Lesemassen gemeinhin abschreckt. \u00dcberhaupt w\u00e4re eine Vervolkst\u00fcmlichung von Literatur im Allgemeinen und Krimi im Besonderen eine weitere kluge Taktik, wenn nicht gar der Stein der Weisen respektive die Zerschlagung des gordischens Knotens beziehungsweise des Eies des Kolumbus. Wir raten daher zu Fernsehsendungen wie \u201eKrimistadel\u201c, \u201eDeutschland sucht den Superkrimi\u201c, \u201eWer wird Krimimillion\u00e4r?\u201c oder \u201eSabine Christiansen im Gespr\u00e4ch mit Anne Chaplet\u201c. Ein \u201edeutscher Nobelpreis f\u00fcr Krimis\u201c k\u00f6nnte die Popularit\u00e4t und Gef\u00fcgigkeit der GenrevertreterInnen relativ kosten\u00fcberschaubar f\u00f6rdern. Kriminalromane, die nicht im Sinne der intendierten Strategie funktionieren, sind auch weiterhin zu diskreditieren (\u201elangweilig\u201c, \u201eversteh ich nicht\u201c, \u201eEdgar Wallace ist spannender\u201c) resp. ihre Produzentinnen durch gro\u00dfz\u00fcgige Stipendien (Schreibjahr in der Karibik) au\u00dfer Gefecht zu setzen und bestenfalls zu missionieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zukunft:<\/strong> Die Arbeitsgruppe \u201eKriminalroman\u201c bleibt weiterhin bestehen und wird ihre Erkenntnisse in regelm\u00e4\u00dfigen Dossiers f\u00fcr den internen und strengvertraulichen Gebrauch erstellen. Ansonsten gilt es, auf das freie Spiel der Kr\u00e4fte zu vertrauen, den Verdr\u00e4ngungswettbewerb zugunsten der gesellschaftspolitisch relevanten, weil ruhigstellenden Krimis zu manipulieren und, sollte dies alles nicht helfen, vermehrt sprechende Tiere als Ermittler zu protegieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Schulte, StaSek, Vorsitzender<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>der Arbeitsgruppe \u201eKriminalroman\u201cder Stabsstelle \u201eBrot und Spiele\u201cdes Referats \u201eBlutdrucksenkende Mittel\u201cdes Bundesministeriums f\u00fcr das Innereder provisorischen Bundesregierung<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17415","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17415","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17415"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17415\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17415"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17415"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17415"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}