{"id":17426,"date":"2007-01-25T07:06:06","date_gmt":"2007-01-25T07:06:06","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/01\/merle-kroeger-kyai\/"},"modified":"2022-06-07T00:00:04","modified_gmt":"2022-06-06T22:00:04","slug":"merle-kroeger-kyai","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/01\/merle-kroeger-kyai\/","title":{"rendered":"Merle Kr\u00f6ger: Kyai!"},"content":{"rendered":"\n<p>Ganz merkw\u00fcrdige Leseerfahrung. Selten hat man so h\u00e4ufig in Zitronen gebissen, das Gesicht so unter Schmerzen verzogen. Legionen von platten Personen, Handlungen, Zust\u00e4nden, Dialogen, Monologen sind an einem vorbeigerauscht, 372 Seiten lang, das schlaucht. Und am Ende? Klappt man das Buch zu und sagt sich: Okay. Wenns nicht v\u00f6llig misslungen ist, ist es halt gut gelungen, ja, doch: Merle Kr\u00f6gers \u201eKyai!\u201c ist ein gelungenes Buch \u2013 wenn man es so m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Handlung in wenigen S\u00e4tzen zusammenzufassen, ist ein Ding der Unm\u00f6glichkeit. Hauptperson ist Mattie Junghaus, Deutsch-Inderin, mit ihrem Wanderkino in Schleswig-Holstein unterwegs. Sie lernt eine SPD-Politikerin, ihren Mann, einen gutsbesitzenden Psychologen, sowie eine deutschpersische Leibw\u00e4chterin kennen, tja&#8230;und dann sind wir in Indien und lernen einen Komponisten kennen, der Musik f\u00fcr \u201eBollywood\u201c-Filme schreibt, einen deutschen Liebhaber, Nick, hat, der zuvor f\u00fcnf Jahre lang Matties Lover war. Der Komponist erh\u00e4lt den Auftrag, in Berlin an einem Bollywood-Musical mitzuarbeiten \u2013 auch Mattie wird engagiert -, f\u00e4hrt in die Bundeshauptstadt, Nick bleibt zur\u00fcck \u2013 die SPD-Politikerin hat Stress mit der \u00f6rtlichen Bundeswehr, f\u00fcr die pikanterweise ihr Mann einen heiklen Auftrag \u00fcbernommen hat, ach ja, Matties Mutter ist depressiv, Nick erh\u00e4lt einen journalistischen Auftrag, der ihn nach Poona f\u00fchrt und von dort mit brisantem Material nach Deutschland, der Vater der Leibw\u00e4chterin &#8212; nee, lassen wir das. So geht es eben kunterbunt hin und her, Aktion folgt auf Aktion, das Verbrechen, ohne das ein Krimi schlie\u00dflich nicht auskommt, stellt sich ein \u2013 sp\u00e4t, aber immerhin, und was man nicht zu glauben wagte, geschieht: Am Ende \u00fcberschl\u00e4gt sich das sowieso schon Hochtourige noch einmal, es gibt Leichen und Skandale.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann nun dieses ganze Panoptikum als eine denkw\u00fcrdige Aneinanderreihung von Flachsinn \u00e4stimieren. Es fehlt wirklich nichts: das Schahregime, Kungfu, der Irakkrieg, die immer noch sehr beliebte globale Komponente (dritte Welt, erste Welt, Kulturschocks), sogar der gute alte Baghwan taucht noch einmal auf, seine ehedem orangenen J\u00fcnger jetzt im Grau des bundesdeutschen Alltags, Neonazis d\u00fcrfen ebenfalls nicht fehlen, die Problematik des Schwulseins wird nicht vergessen (h\u00fcbsch: der Inder liebt Nick, der vorher mit Mattie, die nun ihrerseits mit dem Inder, der schlie\u00dflich mit beiden&#8230;) \u2013 alles in unglaublich platten Worten und Reflexionen &#8211; uh, denkt man, nein, muss das wirklich sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Es muss. Und das ist das \u00dcberraschende an \u201eKyai!\u201c von Merle Kr\u00f6ger. Allm\u00e4hlich merkt man, was sie da inszeniert. Das n\u00e4mlich, was in ihrem Roman inszeniert wird: ein Bollywood-St\u00fcck. Sprich: ein v\u00f6llig \u00fcberzogener Monumentalfilm im Bonbonbunt der ausgerasteten Gef\u00fchle, wenn man sich nur in die Augen blickt, tanzen schon 800 verz\u00fcckt pl\u00e4rrende Papageien um einen rum, die W\u00f6rter rinnen sirups\u00fc\u00df aus allen Poren, der Schlag eines Schmetterlingsfl\u00fcgels wird von l\u00e4rmenden Orchestern bombastisch untermalt, kurzum: Das Filigrane des Lebens wird dreist verkitscht, zur Weltsensation und letzten Wahrheit aufgeblasen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nicht die Welt, wie sie ist. Aber das ist die Welt, wie sie gerne wahrgenommen wird und genau deshalb doch ist. Einfache Wahrheiten, edle Gef\u00fchle, ein Interieur aus Versatzst\u00fccken, ein jedes grell beleuchtet, grell beschmiert. Bollywood. Das Krimi-Bollywood von Merle Kr\u00f6ger \u00f6ffnet uns die T\u00fcr zur massenmedialen Wirklichkeit und die ist: zuckers\u00fc\u00df und flach und voll dumpfer Gedanken. Genau, so ist es jenseits der Programmkinos, jenseits der intellektuellen Heimeligkeit eines Ohrensessels. Die Welt als furchtbares R\u00fchrst\u00fcck, und \u201eKyai!\u201c ist ihre turbulente, ins Kolossal-Kitschige hochgez\u00fcchtete Abbildung.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Merle Kr\u00f6ger: Kyai! <br \/>Argument \/ Ariadne 2006. 372 Seiten. 9,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ganz merkw\u00fcrdige Leseerfahrung. Selten hat man so h\u00e4ufig in Zitronen gebissen, das Gesicht so unter Schmerzen verzogen. Legionen von platten Personen, Handlungen, Zust\u00e4nden, Dialogen, Monologen sind an einem vorbeigerauscht, 372 Seiten lang, das schlaucht. Und am Ende? Klappt man das Buch zu und sagt sich: Okay. 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