{"id":17441,"date":"2011-09-08T10:01:34","date_gmt":"2011-09-08T10:01:34","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/09\/was-ist-krimi-ein-projekt\/"},"modified":"2022-06-10T23:52:39","modified_gmt":"2022-06-10T21:52:39","slug":"was-ist-krimi-ein-projekt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/09\/was-ist-krimi-ein-projekt\/","title":{"rendered":"Was ist Krimi? Ein Projekt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Seit 2005 bin ich ein <em>Krimi-Afficionado<\/em>, ein Spannungssuchti, der das Objekt seiner Begierde <em>nicht aus der Hand legen<\/em> kann, bis das letzte Detail gekl\u00e4rt, das furchtbarste Monster seiner gerechten Strafe zugef\u00fchrt wurde und selbst der niedrigste Instinkt befriedigt schlummert. Das klingt nicht gut. Und \u00fcberhaupt f\u00fchle ich mich am falschen Platz, so wie ein Liebhaber mongolischer Obertonmusik, dessen Faible f\u00fcr Volksmusik ihn in eine volkst\u00fcmliche Veranstaltung verschlagen hat, in der blondierte, dickliche J\u00fcnglinge &#8222;Gell mei Schatzi&#8220; singen und dirndlbewaffnete Jodlerinnen ihre Halsschmerzen ausleben. Der Krimi boomt? Nichts weniger. Man mag das, was uns da von den Bestsellerlisten herab angrinst, an einem menschenfreundlichen Tag Kunsthandwerk nennen, an einem normalen nennt man es n\u00fcchtern und treffend Bockmist, mit einigen vielsagenden \u00dcberschneidungen, aparten Missverst\u00e4ndnissen und dem \u00fcblichen Posaunenschall des Marketings, das wohl, aber dennoch: Der Krimi als literarische Form bl\u00fcht nach wie vor im Verborgenen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Als ich 2005 mit meinem Blog Watching the Detectives begann, wusste ich das alles noch nicht. Ich wusste \u00fcberhaupt ziemlich wenig (was nicht bedeutet, dass ich heute unbedingt mehr w\u00fcsste), kannte niemanden aus der Szene, dachte und schrieb munter drauf los, erhielt Zuspruch und erntete Ablehnung, nahm mir alles mehr oder weniger zu Herzen, war bisweilen geneigt, mich mit einem lapidaren bye zu verabschieden, initiierte einige Projekte, die, unter dem Gesichtspunkt einer bescheidenen Massenkompatibilit\u00e4t, s\u00e4mtlich scheiterten, gewann Freunde und machte mir zum ersten Mal in meinem Leben leibhaftige Feinde, ich verhielt mich undiplomatisch und meistens ziemlich voreilig, bereute viel, aber nicht alles, schlug mich 2008 mit einem Roman<em> Menschenfreunde<\/em> gar auf die andere Seite, dorthin, wo die d\u00fcnnh\u00e4utigen Sch\u00f6pfer des geliebten Stoffes auf die Euphorie von Leserschaft und Kritik warten, verblieb dennoch auch auf der anderen Seite und kritisierte (ein Wort, das konsequent falsch ausgelegt und seinen Negativmantel nicht los wird), ein Umstand, der alles noch schlimmer machte, aber sei&#8217;s drum. Die Arbeit schritt unverdrossen voran, sie wurde immer buddhistisch-philosophischer, der Weg zum Ziel, das Ziel endlich unwichtig, diese verfluchte Antwort auf diese verfluchte Frage<\/p>\n\n\n\n<div style=\"text-align: center;\"><strong>Was ist Krimi?<\/strong><\/div>\n\n\n\n<p>Nicht dass ich keine Antwort h\u00e4tte. Sie lautet: Ich wei\u00df es nicht. Ich kann sogar eine Definition daraus basteln und dekretiere also munter vor mich hin: Krimi ist das Nichts an Erkenntnis, das \u00fcbrigbleibt, wenn man alle Erkenntnis, was Krimi ist, eingesammelt hat. Die Zertr\u00fcmmerung eines Genres, w\u00e4hrend man es konstituiert, man selbst wird zum unf\u00e4higsten Ermittler aller Zeiten, der am Ende den schlechtesten Krimi aller Zeiten produziert hat, in dem \u00fcberhaupt nichts aufgekl\u00e4rt wurde, aber alles infrage gestellt. Ja, das ist Krimi. Noch Fragen?<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab im Laufe der Jahre tats\u00e4chlich eine Reihe von Fragen, die sich wie ein roter Faden \u2013 und irgendwann wie ein running gag \u2013 durch Watching the Detectives zogen. Gibt es literarische Krimis? Antwort: Ja doch, was sonst? Sind Krimis politisch? Antwort: Ja doch, was sonst? Gibt es eine deutsche Krimitradition? Antwort: Kann sein, also nein, also doch. Alle diese Fragen wurden, als sei Kriminalliteratur ein Fall f\u00fcr den Arzt, notd\u00fcrftig behandelt, immer parallel zum Tagesgesch\u00e4ft der Rezensionen und Reflexe auf das, was man den traurigen Alltag des Genres nennen k\u00f6nnte. Garniert wurde das Ganze, wie schon angedeutet, mit regelm\u00e4\u00dfigen Niederlagen. Das Projekt des Krimijahrbuchs, 2006 begonnen, scheiterte nach vier Ausgaben. Aus mancherlei Gr\u00fcnden, dem vor allem, dass auch das kleinste Pfl\u00e4nzchen von einem Minimum Leserschaft gepflegt werden muss. Das Projekt &#8222;Criminalbibliothek 1850 \u2013 1933&#8220;, urspr\u00fcnglich auf zehn B\u00e4nde angelegt, wanderte nach ganzen drei ins Nirwana, gar nicht zu reden von dem Versuch, so etwas wie &#8222;Krimikultur&#8220; anzusto\u00dfen, mit der dem allgegenw\u00e4rtigen blasierten Unwissen des Feuilletons in Sachen Krimi zu begegnen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dies ist nicht der Ort zu klagen. Im \u00fcbrigen bin ich an allem selber schuld und tr\u00f6ste mich mit dem Positiven, den gewonnenen Freunden und kritischen Begleitern, der vagen Genugtuung, dem einen oder anderen Kollegen, der einen oder anderen Kollegin etwas Gerechtigkeit zugeschustert zu haben, jetzt, finally, mit der Aufgabe, all das, was ich \u00fcber Krimi gelernt habe, in einem B\u00fcchlein zu b\u00fcndeln, einem Essay, keiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung, daf\u00fcr reichen meine Nerven nicht mehr aus und, ehrlich, es interessiert mich auch kein bisschen mehr. Das Fundament des Ganzen findet sich in der Frage Was ist Krimi? und hat einen einzigen Zweck: den n\u00e4mlich, die Frage nicht zu beantworten und gerade dadurch zu beantworten. Die Vorgehensweise wird grob die sein, sich dem Gegenstand historisch zu n\u00e4hern, einerseits, andererseits an vertiefenden Einzeluntersuchungen zu zeigen, wie Krimi funktioniert \u2013 oder nicht. Grundlage ist all das, was ich in den Jahren als Blogger erarbeitet habe, meine abstruse Theorie zu Edgar Poe etwa, meine noch abstruseren Thesen zum Fortschritt im Genre, dazu Begegnungen der besonderen Art mit den ber\u00fchmten und weniger ber\u00fchmten Protagonisten, von Temme \u00fcber Glauser und Hammett und Raymond bis zu den wackeren Gestalten der Neuzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie dies am Ende aussehen wird? Ich wei\u00df es noch nicht. Ich m\u00f6chte aber die Interessierten auf dem Laufenden halten, sie einladen, mitzudiskutieren, mich auf neue Ideen zu bringen oder mir Ideen auszureden. Deshalb werde ich eine entsprechende Seite bei Facebook einrichten (das hei\u00dft dann wohl Fanseite) bzw. f\u00fcr alle Non-Facebooker, eine Art Newsletter installieren, zu dem man sich ab sofort zwanglos anmelden kann, indem man mir eine ebenso \u2192<a href=\"mailto:dpr@hinternet.de\">zwanglose Mail<\/a> zukommen l\u00e4sst. Wie immer wei\u00df ich nicht, was sich daraus entwickelt, wie immer hoffe ich, wie immer rechne ich damit, dass es sich anders oder gar nicht entwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 2005 bin ich ein Krimi-Afficionado, ein Spannungssuchti, der das Objekt seiner Begierde nicht aus der Hand legen kann, bis das letzte Detail gekl\u00e4rt, das furchtbarste Monster seiner gerechten Strafe zugef\u00fchrt wurde und selbst der niedrigste Instinkt befriedigt schlummert. Das klingt nicht gut. 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