{"id":17452,"date":"2007-02-02T07:30:05","date_gmt":"2007-02-02T07:30:05","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/02\/exkurs\/"},"modified":"2022-06-15T00:18:20","modified_gmt":"2022-06-14T22:18:20","slug":"exkurs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/02\/exkurs\/","title":{"rendered":"Exkurs"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">\u201eLiterarische Krimis\u201c und kein Ende. Markiert der Deutsche Krimipreis 2007 tats\u00e4chlich einen Wendepunkt, wie es \u2192<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2007\/05\/Glosse-Lit_\"> Tobias Gohlis<\/a> in der ZEIT vermutet, einen Paradigmenwechsel gar? Oder werden hier lediglich alte Vorurteile best\u00e4tigt und neue Moden kreiert, wie die \u2192<a href=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/581\/ein-genre-schreibt-sich-nach-oben.html\">Reaktion<\/a> auf Gohlis nahelegt? \u2013 Man kann dar\u00fcber trefflich spekulieren, sollte aber vielleicht auch die Literaturgeschichte nicht geringsch\u00e4tzen, die einen ganz \u00e4hnlichen \u2013 und \u00fcberraschenden \u2013 Fall von \u201eEmanzipation eines Genres\u201c kennt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Vor 200 und ein paar Jahren war der Roman in Deutschland ein an sich \u00fcbelbeleumundetes \u201eGenre\u201c, Futter f\u00fcr \u00fcberreizte Frauennerven, Beh\u00e4lter flachster Liebes- und R\u00e4uberpistolen, verglichen mit Lyrik und Drama geradezu skandal\u00f6s formlos und beliebig, ohne klassische Bauanweisungen, summa: peripher, unliterarisch &#8211; trivial.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verfasser von erz\u00e4hlender Prosa indes entwickelten ihr \u201eGenre\u201c weiter. Ihnen kamen, etwa ab den Siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts etliche allgemeine Tendenzen (Entwicklung einer b\u00fcrgerlichen Lesekultur, der \u201eBrief-Schreib-Wahn\u201c der Epoche, die den Briefroman etablierte, die Reisebeschreibungen (vgl. Georg Forsters &#8222;Reise um die Welt&#8220;)) zugute, nat\u00fcrlich auch die vom Ausland, wo die Prosaentwicklung schon weiter fortgeschritten war, gelieferten Mustervorlagen (hier nur erw\u00e4hnt: Voltaires \u201eCandide\u201c und, pars pro toto f\u00fcr die englische Romanliteratur, Sternes \u201eTristram Shandy\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen Siebzigern also wurde die erz\u00e4hlende Prosa \u00fcber ihre bisherige Funktion als Stoff f\u00fcr empfindsame oder nach aufregender Lesekost gierende Seelen hinaus nutzbar gemacht. Sie diente der Aufkl\u00e4rung (vergl. Wielands \u201eDie Abderiten\u201c (1774)), erwies sich als ideale Form der Autobiografie (Jung-Stillings \u201eHeinrich Stillings Jugend\u201c von 1777) und effektivste Sonde durch alle Schichten der Gesellschaft (Hippels \u201eLebensl\u00e4ufe nach aufsteigender Linie\u201c, 1778).<\/p>\n\n\n\n<p>Entscheidend wurden indes zwei andere Gebiete, die den Roman geradezu forderten: der analytische Blick nach innen und der beschreibende nach au\u00dfen, Romantik und Realismus. Sie hatten ihre gro\u00dfen Vorl\u00e4ufer in Karl Philipp Moritz, dessen \u201eAnton Reiser\u201c Psyche und Gesellschaft gleicherma\u00dfen inspizierte, und Jean Paul, bedeutendster Prosaist deutscher Zunge und Feder bis heute, zeitlebens ein Mann des Erz\u00e4hlenden, keine Verse, keine B\u00fchnenst\u00fccke: PROSA. Der erste Spezialist des \u201eGenres\u201c und zugleich sein Meister.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber, und nun kehren wir an den Ausgang dieses kleinen Exkurses zur\u00fcck, die Romanform entwickelte sich nicht nur intern, sie w\u00fcrde mehr und mehr auch zum Objekt von Lyrikern und Dramatikern. Goethes Briefroman \u201eDie Leiden des jungen Werthers\u201c von 1774 ist ein fr\u00fches und hinsichtlich seiner Aufnahme durch das Publikum sehr bemerkenswertes Beispiel, Schillers \u201eGeisterseher\u201c, \u201eeine Art Krimi\u201c, von 1787 nicht weniger, \u00e4ugte der Klassiker doch hier ganz berechnend hin zum \u201egr\u00f6\u00dferen Publikum\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Das also waren die Hochgatterers und Hettches der Emanzipation des Romans. Dichter der \u201eHochliteraturen\u201c Lyrik und Drama, die den Roman benutzten, ohne ihn wirklich voran zu bringen, ihm aber doch Reputation verschafften. Die wahren Pioniere des Genres waren andere: Ludwig Tieck etwa, vor allem in seinen sp\u00e4ten Novellen, die ersten Realisten (immer wieder empfehlenswert: Immermanns \u201eM\u00fcnchhausen\u201c), B\u00fcchner (kein Romancier, aber mit \u201eLenz\u201c unbedingt unter die Prosaneuerer zu z\u00e4hlen). Nicht immer reinrassige Prosaautoren, aber doch immer Autoren, die das \u201eGenre\u201c ernst genug nahmen, gewissenhaft an seiner Gestalt zu arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Roman zog die Mittel, die ihn voranbrachten, aus der Ver\u00e4nderung der Perspektive, aus der er die Welt im Menschen und die Menschen in der Welt betrachtete, und der diesen Zwecken angepassten Sprache. Genau dies nun scheint mir der Nutzwert unseres kleinen Exkurses zu sein. Das Genre \u201eKriminalliteratur\u201c befindet sich auf dem Weg einer Emanzipation, es ver\u00e4ndert seine Herangehensweisen, seine Absichten, sucht sich neue Objekte und passt seine Sprache der jeweiligen Stufe seiner Entwickung an. \u201eEinmischungen von au\u00dfen\u201c beweisen nur, dass sich auch die \u201eHochliteratur\u201c dieser Entwickung nicht verschlie\u00dft. Sie ist gut f\u00fcrs Image \u2013 letztlich bedeutend wird sie wohl kaum sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Und noch ein wichtiger Punkt: Die Emanzipation des Romans in Deutschland brauchte ihre Zeit. Rechnen wir allein 60 Jahre, die der Roman ben\u00f6tigte, um sich sowohl &#8222;vom Image her&#8220; als auch qualitativ zu etablieren, ohne indes bereits auf breiterer Front &#8222;Weltniveau&#8220; erreicht zu haben. Auch die Emanzipation des Krimis ist ein Prozess. Er zieht sich beinahe durch das gesamte 20. Jahrhundert, hat seine Wurzeln im 19. und ist auch im 21. noch lange nicht abgeschlossen. Keine Spur von modischem Trend. Nichts Neues unter der Sonne.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eLiterarische Krimis\u201c und kein Ende. Markiert der Deutsche Krimipreis 2007 tats\u00e4chlich einen Wendepunkt, wie es \u2192 Tobias Gohlis in der ZEIT vermutet, einen Paradigmenwechsel gar? 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