{"id":17455,"date":"2007-02-05T07:32:21","date_gmt":"2007-02-05T07:32:21","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/02\/literarische-krimis-eine-reise-ins-herz-der-finsternis-1\/"},"modified":"2022-06-07T00:16:34","modified_gmt":"2022-06-06T22:16:34","slug":"literarische-krimis-eine-reise-ins-herz-der-finsternis-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/02\/literarische-krimis-eine-reise-ins-herz-der-finsternis-1\/","title":{"rendered":"Literarische Krimis &#8211; eine Reise ins Herz der Finsternis (1)"},"content":{"rendered":"\n<p>Ganz oder gar nicht. Die Dinge sind nie &#8222;einfach&#8220;. Wohl k\u00f6nnte man das Ph\u00e4nomen der &#8222;literarischen Krimis&#8220; als sprachliche Schuderei verdammen und sich nicht weiter darum k\u00fcmmern. Spannender erscheint indes eine Expedition durch jenes wunderbare und geheimnisvolle Land der &#8222;literarischen Krimis&#8220;. Nun denn, ziehen wir den Tropenanzug an und setzen uns in Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><em>[Anmerkung: Der komplette Expeditionsbericht wird als Brosch\u00fcre all diejenigen kostenlos begl\u00fccken, die entweder das Krimijahrbuch 2007 oder die Astrid-Paprotta-Studie oder beides <a href=\"mailto:dpr@hinternet.de\">hier<\/a> vorbestellt haben oder bis zum 1. M\u00e4rz vorbestellen. Eine limitierte, nummerierte und handsignierte Exklusivausgabe. Das volle Programm!]<\/em><br \/>Ein Picasso, ein Rubens, eine \u00f6lige Alpenlandschaft, eine Kinderzeichnung. Vier Erzeugnisse der Malerei \u2013 aber welches davon ist Kunst, welches keine? Wo konstatieren wir \u201egute Kunst\u201c, wo \u201eschlechte\u201c? Ist der Picasso mehr wert als der Rubens, weil letzterer einer vergangenen Epoche angeh\u00f6rt und sich die Kunst weiterentwickelt hat? Bevorzugen wir die \u00f6lige Alpenlandschaft, weil sie am besten zur Tapete im Wohnzimmer passt oder doch lieber den Picasso, weil wir f\u00fcr ihn 20 Millionen bei Sotheby\u2019s bekommen oder die Kinderzeichnung, weil sie von unserem eigenen Kind stammt und uns in seine Seele blicken l\u00e4sst? Oder rufen wir bei Rubens \u201eKunst\u201c, weil wir das schiere Kunsthandwerk bewundern, von dem in den mageren Strichen Picassos nicht zu sehen ist? Befinden wir \u201edas kann ich auch, also ist es keine Kunst!\u201c und geben der Alpenlandschaft den Vorzug vor der Kinderzeichnung? Oder vertiefen wir uns in jedes Werk und befinden, der Picasso bewege uns mit seiner Darstellung der Greuel des Krieges am meisten, sei also gr\u00f6\u00dfere Kunst als der Rubens, weil wir auf dickliche Frauen nicht so abfahren? Oder kaufen wir uns ein Buch \u00fcber Kunstgeschichte und schlagen nach, was dort warum als Kunst und was warum nicht als Kunst bezeichnet wird?<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Fragen. Eine indes stellt sich nicht. Es handelt sich unzweifelhaft um vier Objekte der Malerei. Einige davon m\u00f6gen Kunst sein, andere nicht, einige gro\u00dfe Kunst, einige kleine Kunst, einige Gebrauchskunst. Bei der Literatur sollte es eigentlich \u00e4hnlich sein, aber zumindest beim Krimi und \u00fcberhaupt bei alledem, was wir mit den \u201eGenres\u201c assoziieren, ist es das offensichtlich nicht. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnten wir auch hier mit dem Kunstbegriff operieren. Goethe und Christie haben beide Literatur produziert, doch nur bei Goethe ist sie Kunst. Aber warum? Schon die Einleitung zeigt uns, wie schwierig es ist, Kunst zu fassen. Bei der Literatur ist es noch um einiges schwieriger, weil man dort, jedenfalls was den Krimi anbetrifft, selten von Kunst redet, sondern nur von Literatur. Der Begriff wird also gleich zweimal bem\u00fcht. Zun\u00e4chst, um eine gr\u00f6\u00dfere Menge von Geschriebenem zu klassifizieren, dann, um diese Menge qualitativ zu sortieren. Das muss verwirren, das muss schiefgehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zusammengegoogelt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Er (Friedrich Anis &#8222;Idylle der Hy\u00e4nen&#8220;) bietet das, was einen Kriminalroman zu &#8222;guter Literatur&#8220; werden l\u00e4sst: Ani macht weiser.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Hat jemand die Buecher um den Protagonisten Selb von Bernhard Schlink gelesen? Selbs Justiz, Selbs Betrug, Selbs Mord ? Wie sind die? Nur uebliche Krimis, oder gar doch &#8222;literarische&#8220; Krimis?<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Traditionell galten Krimis im Literaturbetrieb als geringgesch\u00e4tzte Kolportage\/Trivialliteratur. Die M\u00f6glichkeiten, psychologische Momente zu schildern, die den Verbrecher antreiben, Milieubeschreibungen zu liefern oder den Ermittler in eigene Gewissensn\u00f6te zu st\u00fcrzen, bieten aber durchaus Gelegenheit f\u00fcr anspruchsvolle Literatur. So kann man durchaus Fjodor Dostojewskis Roman Verbrechen und Strafe (in anderer \u00dcbersetzung: Schuld und S\u00fchne) oder Wilhelm Raabes Stopfkuchen als Krimi auffassen. Auch Friedrich D\u00fcrrenmatt hat literarisch anspruchsvolle Kriminalromane geschrieben, ebenfalls Theodor Fontane \u2013 &#8222;Unterm Birnbaum&#8220;. Mittlerweile ist der Kriminalroman eine anerkannte Literaturgattung.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Dabei werfen er und seine Mitstreiter sich Zitate aus alten Romanen, Gedichten, Liedern zu, die heute in der Regel per Anhang zu erl\u00e4utern sind, vom zeitgen\u00f6ssischen Leser aber offensichtlich entschl\u00fcsselt werden konnten: Crispin schrieb \u201eliterarische\u201c Krimis, in denen der Stil \u00fcber die Story triumphiert.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Nach und nach wird der Krimi in D\u00e4nemark mehr und mehr akzeptiert, und die Anzahl an Krimiautoren nimmt ja auch st\u00e4ndig zu. Immer mehr so zu sagen &#8222;literarische&#8220; Schriftsteller schreiben sehr moderne, halbliterarische Krimis. Viele Jahre lang waren d\u00e4nische Krimis ja auch oft sehr einfach aufgebaut und ohne literarischen Anspruch. Der gro\u00dfe Durchbruch des modernen Krimis in D\u00e4nemark war Peter H\u00f8egs Fr\u00e4ulein Smillas Gesp\u00fcr f\u00fcr Schnee, wie ich finde, der erste literarische Krimi, wenn man so will. Vielleicht kann man auch noch Dan Tur\u00e8ll mit hinzunehmen. Aber die Einbindung von sozialen und gesellschaftlichen Problem- und Fragestellungen im Kriminalroman ist bei uns noch sehr jung, jedenfalls im Vergleich zu Schweden, das ja in dieser Richtung mit Maj Sj\u00f6wall und Per Wahl\u00f6\u00f6 viel mehr Tradition hat.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Der literarische Krimi kann sich diesen Kriterien der politischen Kultur \u2013 deren historische und soziodkonomische Fundierung und Genese in anderem Zusammenhang diskutiert werden mu\u00df \u2013 in aufkl\u00e4rerischer und emanzipativer Weise bedienen. Es ist also nicht so, da\u00df die problematischen Erscheinungsformen des \u00fcblichen Serienkrimis im Fernsehen notwendigerweise Charakteristiken des Genres sein m\u00fc\u00dften! Der literarische Krimi setzt neben die verschleiernden die aufdeckenden, bewu\u00dftseinserweiternden Mythen, begr\u00fcndet Personalisierungen in gesellschaftlichen Situationen und benutzt mediale Vermittlung, um effizienter Kritikf\u00e4higkeit und Reflexion zu provozieren. In einem solchen Falle ist die didaktische Untersuchung recht unproblematisch und folgt g\u00e4ngigen sprach? und literaturwissenschaftlichen Ans\u00e4tzen, auch wenn sie auf gesellschaftliche Ziele hin orientiert ist; sie lenkt die Aufmerksamkeit des Sch\u00fclers auf stoffimmanente Intentionen und Aussagen; die kritische Auseinandersetzung kann hier zwischen literarisch?verarbeitender, wertender und gesellschaftlichmaterialer Realit\u00e4tsebene recht unbefangen wechseln und daraus Beurteilungsmuster ableiten. Die Wertproblematik wird hier an realistischen Kriterien zu er\u00f6rtern sein. Anders der \u00fcbliche Serienkrimi: Seine verschleiernde Funktion ist aufzudecken.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Verwendet man statt des Begriffs &#8222;Krimi&#8220; das etwas l\u00e4ngere &#8222;Kriminalroman&#8220; hat man gleich eine ganz andere literarische Gattung, \u00fcber die Wissenschaftler seit Jahrhunderten gelehrte Abhandlungen schreiben und Studenten verschiedener Fachrichtungen promovieren.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Der beste literarische Krimi des Jahres. Ein Krimi, der nie auf den Bestenlisten landen wird. Daf\u00fcr ist er zu d\u00fcster. Daf\u00fcr fehlt ihm dieser Sog zum Show-Down. Aber in welchem Krimi finden sich schon solche S\u00e4tze: &#8222;&#8230;und sobald der fette Mann seinen ersten Schlag gemacht hatte, war Train klar, dass seine feuchten Tr\u00e4ume besser strukturiert waren als der Golfschwung seiner &#8218;Tasche&#8216;, wie Caddies ihre Kunden nannten.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Das alles gibt schwer zu denken<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLiterarische Krimis\u201c setzen die Existenz von \u201enichtliterarischen\u201c voraus. Es muss also einen Punkt geben, an dem ein Druckerzeugnis quasi umkippt, aus dem einen Topf, in das es rein genrem\u00e4\u00dfig geh\u00f6rt, in den anderen f\u00e4llt, in den es seiner genreunabh\u00e4ngigen Qualit\u00e4t wegen geh\u00f6rt. Aber was ist das f\u00fcr ein Punkt? Wo liegt er, wer oder was bestimmt, wann er erreicht worden ist? Zur Auswahl stehen diverse Kriterien:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; seine Wirkung (\u201emacht weiser\u201c)<br \/>&#8211; seine M\u00f6glichkeiten (\u201epsychologische Momente schildern etc.\u201c)<br \/>&#8211; seine Nutzung als Metatext (\u201eZitate aus anderen Romanen\u201c)<br \/>&#8211; sein Primat des Stils (\u201e&#8230;triumphiert \u00fcber die Story\u201c)<br \/>&#8211; seine Bauweise (\u201ewaren oft einfach gebaut und ohne literarischen Anspruch\u201c)<br \/>&#8211; seine gesellschaftliche Relevanz (\u201edie Einbindung von sozialen und gesellschaftlichen Problem- und Fragestellungen im Kriminalroman&#8230;\u201c)<br \/>&#8211; sein didaktisches, p\u00e4dagogisches, aufkl\u00e4rerisches Potential (\u201eDie Wertproblematik wird hier an realistischen Kriterien zu er\u00f6rtern sein. Anders der \u00fcbliche Serienkrimi: Seine verschleiernde Funktion ist aufzudecken.<br \/>&#8211; seine Sprache (\u201e&#8230;in welchem Krimi finden sich schon solche S\u00e4tze\u201c)<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem haben wir erfahren, dass es auch \u201ehalbliterarische\u201c Krimis gibt, die von Volliteraten geschrieben werden, also im \u00d6komodus mit halber Kraft (Stichwort \u201eGartenklamotten anziehen\u201c, siehe Jan Seghers).<\/p>\n\n\n\n<p>Und was machen wir nun damit? Hecheln wir doch einfach durch und beginnen mit der<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sprache<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dazu zwei Zitate:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDer Kampf war kurz und t\u00f6dlich. Martin pochte der eigene Herzschlag in den Ohren, und sein Finger am Abzug zitterte, als er drauflosschoss, ohne sich gro\u00df Zeit zum Zielen zu nehmen. Er gab den Gefangenen Feuerschutz, als sie s\u00e4belschwingend und wild br\u00fcllend die B\u00fchne angriffen. Der Warlord, der auf seinem Thron Hof gehalten hatte, ging hinter dem Sessel in Deckung, w\u00e4hrend seine v\u00f6llig \u00fcberrumpelten Leute verzweifelt Widerstand leisteten.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDer andere drehte den Kopf, und Jo handelte blitzschnell. Die Lampe bekam einen Schlag, dass sie vom Tisch segelte und im Fallen den gew\u00fcnschten Kurzschluss von sich gab. Sofort brannte die Sicherung durch. Das Licht erlosch im ganzen Appartement. Jo dreht sich gleichzeitig und entging so der Kugel. Bis sich der andere auf die Dunkelheit eingestellt hatte, traf ihn Walkers hochbrisante Faust.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Preisfrage: Welche Sprache ist hier \u201eliterarischer\u201c? Und woran sieht man das? Warum stammt eines der Zitate aus einem preisgekr\u00f6nten \u201eliterarischen Krimi\u201c, das andere hingegen aus einem \u201eSchundroman\u201c? Antworten sind willkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>(Fortsetzung folgt)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ganz oder gar nicht. Die Dinge sind nie &#8222;einfach&#8220;. Wohl k\u00f6nnte man das Ph\u00e4nomen der &#8222;literarischen Krimis&#8220; als sprachliche Schuderei verdammen und sich nicht weiter darum k\u00fcmmern. Spannender erscheint indes eine Expedition durch jenes wunderbare und geheimnisvolle Land der &#8222;literarischen Krimis&#8220;. 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