{"id":17458,"date":"2007-02-05T16:59:58","date_gmt":"2007-02-05T16:59:58","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/02\/literarische-krimis-eine-reise-ins-herz-der-finsternis-2\/"},"modified":"2022-06-10T23:53:51","modified_gmt":"2022-06-10T21:53:51","slug":"literarische-krimis-eine-reise-ins-herz-der-finsternis-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/02\/literarische-krimis-eine-reise-ins-herz-der-finsternis-2\/","title":{"rendered":"Literarische Krimis &#8211; eine Reise ins Herz der Finsternis (2)"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wo wir stehengeblieben waren<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei zwei Zitaten und der Aufforderung, ihre literarischen Qualit\u00e4ten zu beurteilen:<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDer Kampf war kurz und t\u00f6dlich. Martin pochte der eigene Herzschlag in den Ohren, und sein Finger am Abzug zitterte, als er drauflosschoss, ohne sich gro\u00df Zeit zum Zielen zu nehmen. Er gab den Gefangenen Feuerschutz, als sie s\u00e4belschwingend und wild br\u00fcllend die B\u00fchne angriffen. Der Warlord, der auf seinem Thron Hof gehalten hatte, ging hinter dem Sessel in Deckung, w\u00e4hrend seine v\u00f6llig \u00fcberrumpelten Leute verzweifelt Widerstand leisteten.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDer andere drehte den Kopf, und Jo handelte blitzschnell. Die Lampe bekam einen Schlag, dass sie vom Tisch segelte und im Fallen den gew\u00fcnschten Kurzschluss von sich gab. Sofort brannte die Sicherung durch. Das Licht erlosch im ganzen Appartement. Jo dreht sich gleichzeitig und entging so der Kugel. Bis sich der andere auf die Dunkelheit eingestellt hatte, traf ihn Walkers hochbrisante Faust.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Weiter mit der Sprache,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>die doch das, was \u201eliterarisch\u201c ist oder sein k\u00f6nnte, am ehesten zu identifizieren imstande sein sollte; glaubt man. Und irrt. Die beiden zur Auswahl gestellten Zitate jedenfalls k\u00f6nnen den Unterschied zwischen \u201eliterarischem\u201c und \u201eNur\u201c-Krimi offensichtlich nicht verdeutlichen, markieren dem ungeachtet jedoch eine H\u00f6hepunkt des Genres respektive sind einem Produkt seiner nach allgemeiner Auffassung trivialsten Auspr\u00e4gung entnommen. Zitat 1 stammt aus Robert Littells \u201eDie kalte Legende\u201c (Deutscher Krimipreis 2007), Zitat 2 aus C.H. Guenters Kommissar-X-Roman \u201eDer Mann aus dem Nichts\u201c. Beide entsprechen offensichtlich nicht dem, was wir unter einer \u201eliterarischen Sprache\u201c verstehen, dennoch sind sie passgenau gearbeitet. Die Passage aus \u201eDie kalte Legende\u201c vermittelt uns in der Diktion des Actionkrimi-Genres eine Szene, die unter beinahe endzeitlich-futuristischen Bedingungen auf einer Insel im Aralsee spielt. Sie ist PULP und konstruiert eine der zahlreichen Sprachebenen in Littells Roman, den man mit Fug und Recht ein Meisterwerk nennen kann. Guenter hingegen arbeitete nicht weniger passgenau; er hatte einen Kommissar-X-Roman zu verfassen mit genauer Vorgabe des Umfangs und der Dramaturgie. Die S\u00e4tze mussten kurz, knallig, sofort zu visualisieren sein, keine Fremdw\u00f6rter, wenn m\u00f6glich, keine Satzkonstruktionen jenseits des Verarbeitungsverm\u00f6gens der intendierten Leserzielgruppe, die \u00fcber einen Text nicht nachdenken m\u00f6chte, sondern ihn wie einen Kinofilm konsumieren, was ihr gutes Recht ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Sprache als solche ist also weder literarisch noch unliterarisch. Sie ist ein Werkzeug, ein Element der Literatur, das nur in Verbindung mit anderen wirkt und bewertbar ist. Was wiederum nicht ausschlie\u00dft, dass es falsche, versatzst\u00fcckhafte, langweilige, \u00fcberkandidelte, mit Sirup \u00fcbergossene oder von der S\u00e4ure der dichterischen Ehrgeizes ver\u00e4tzte Sprache gibt. Ein Urteil erlaubt aber immer nur das Gro\u00dfe=Ganze des Textes. Selbst dort, wo wir angesichts von Sprachbearbeitung schier vor Ehrfurcht zu erstarren meinen, glitzert die Wortwelt selten aus sich selbst oder f\u00fcr sich selbst. Weniges nur rei\u00dft uns so mit wie die Seiten in Vladimir Nabokovs \u201eLolita\u201c, wo wir an einer rasanten Fahrt durch die Vereinigten Staaten teilnehmen, von Motel zu Motel \u2013 und auch das nur, weil es der Sprache gelingt, das was sie erz\u00e4hlen soll (eben jene Fahrt), in die richtigen Worte zu fassen. Dennoch haben wir hier den Fall, wo uns das Erz\u00e4hlte, die Handlung verglichen mit ihrer sprachlichen Form wie eine Nebensache erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber was versteht der Normalleser von Kriminalliteratur nun unter \u201eliterarischer\u201c oder \u201esch\u00f6ner\u201c oder \u201eatmosph\u00e4rischer\u201c Sprache? Wohl so etwas wie das:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDer Tag, der nun immer mehr heraufzog, war klar und m\u00e4chtig, die Sonne, ein makelloser Ball, warf harte und lange Schatten, sie, h\u00f6her rollend, nur wenig verk\u00fcrzend. Die Stadt lag da, eine wei\u00dfe Muschel, das Licht aufsaugend, in ihren Gassen verschluckend, um es nachts mit tausend Lichtern wieder auszuspeien, ein Ungeheuer, das immer neue Menschen gebar, zersetzte, begrub. Immer strahlender wurde der Morgen, ein leuchtender Schild \u00fcber dem Verhallen der Glocken.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>DAS ist Literatur! Nun, es ist immerhin Friedrich D\u00fcrrenmatt, \u201eDer Richter und sein Henker\u201c, mithin aus jenem Werk, das, wann immer die Rede auf \u201eliterarische Krimis\u201c kommt, als Belegst\u00fcck herhalten muss. &#8212; Oder ist es vielleicht gar nicht D\u00fcrrenmatt? Haben wir diese Passage aus dem ambitionierten und von ihrer VHS-Schreibgruppe hochgelobten Krimierstling einer Oberstudienr\u00e4tin entwendet? Nein, es ist wirklich D\u00fcrrenmatt, doch nichts spricht dagegen, dass jetzt, genau jetzt, unsere fiktive Oberstudienr\u00e4tin ein \u00e4hnliches Szenario entwirft. Denn es kann beides sein: Kunst oder Kitsch, atmosph\u00e4risch dicht oder sprachlich l\u00f6chrig. Jedenfalls ist es beliebig reproduzierbar, so wie jedes Gem\u00e4lde von Goya, Van Gogh oder wem auch immer von halbwegs talentierten Absolventen einer Kunsthochschule kopiert werden kann. Setzen wir zwei Passagen aus einem weiteren Kriminalst\u00fcck dagegen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u00bbWo ist der Graf?\u00ab fragte ich ihn. \u00bbIn dem Sterbezimmer.\u00ab \u00bbAllein?\u00ab \u00bbDer Arzt ist bei ihm.\u00ab \u00bbSonst Niemand?\u00ab \u00bbDie alte Kammerfrau der hochseligen Gr\u00e4fin.\u00ab \u00bbUnd die Gouvernante?\u00ab \u00bbSie ist nicht da.\u00ab \u00bbDer Graf erz\u00e4hlte mir von ihrer treuen Pflege der Verstorbenen.\u00ab \u00bbJa.\u00ab \u00bbUnd sie ist nicht da?\u00ab \u00bbNein.\u00ab\u00bbSie ist wohl angegriffen?\u00ab\u00bbEs ist m\u00f6glich.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>(&#8230;)<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die Kinder waren frische, fr\u00f6hliche M\u00e4dchen von sechs bis zehn Jahren. Sie strickten, einige n\u00e4heten auch schon. Sie waren hier in einer Privatschule der kranken Dame, das sah man. Die Nachmittagsstunden der Schule \u2013 und es war Nachmittag \u2013 waren zu jenen Arbeiten bestimmt. Die Lehrerin \u00fcberwachte sie, unterwies, half. Sie erz\u00e4hlte dabei den Kindern h\u00fcbsche Geschichten, freundliche M\u00e4rchen, die Kinder erz\u00e4hlten sie sicht unter sich. Lehrerin und Kinder liebten sich, auch das sah man.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dies schrieb Jodokus Donatus Hubertus Temme, u.a. Autor der \u201eGartenlaube\u201c, Zeitgenosse u.a. Theodor Fontanes, dessen \u201eUnterm Birnbaum\u201c in keiner Sammlung \u201eKlassischer deutscher Krimis\u201c fehlen darf, w\u00e4hrend \u201eEin Amnestirter\u201c von Temme von der Literaturgeschichte nicht gew\u00fcrdigt wurde. W\u00fcrde man mir eine Pistole an den Kopf setzen und mich zwingen zu entscheiden, ob ich \u201eUnterm Birnbaum\u201c oder \u201eEin Amnestirter\u201c als \u201eliterarischen Krimi\u201c einstufen w\u00fcrde, ich antwortete \u2013 wie aus der Pistole geschossen: Temme. Und h\u00e4tte damit aus der Sicht von 99% aller Leser die falsche Antwort gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Temme, der kein Literat im herk\u00f6mmlichen Sinne war, sondern Jurist. Temme, der sich seine Klarheit, seine Distanz, die ihn als Jurist auszeichnete, auch beim Schreiben bewahrte und dadurch zu einem eigenen, h\u00f6chst atmosph\u00e4rischen Stil kam, der deshalb \u201eliterarisch\u201c genannt werden k\u00f6nnte, weil er uns jene Klarheit und Distanz miterz\u00e4hlt. Temmes Pech aber war, dass er Kriminalgeschichten schrieb, um Kriminalgeschichten zu schreiben. Seine Geschichten haben selten einen doppelten Boden, eine moralische Nutzanwendung, sie arbeiten nicht mit sch\u00f6nen \u201epoetischen\u201c Bildern, Metaphern, Vergleichen. Temme, kein Zweifel, ist ein Autor des Genres, so wie auch Edgar Poe einer war, Poe, der ja die \u201eDetektivgeschichte\u201c erfunden hat und in ihr ebenfalls nichts von dem Poeten ahnen l\u00e4sst, der uns \u201eThe Raven\u201c bescherte oder das bilderdichte \u201eArthur Gordon Pym\u201c. \u201eLiterarisch\u201c liegen seine Detektivgeschichten weit unter diesem Niveau \u2013 gro\u00dfe Literatur sind sie dennoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Fassen wir kurz zusammen: Die Sprache allein verleiht nicht das Attribut des Literarischen. Sie interagiert mit anderen Elementen und Absichten des Textes. Eine \u201esch\u00f6ne literarische Sprache\u201c kann man sich aneignen wie jede handwerkliche Grundlage, sie ergibt bestenfalls gute, zumeist jedoch sterile, f\u00fcr die Massenproduktion taugliche Ware. \u201eLiterarische Sprache\u201c ist Moden unterworfen. Sie wird von Autorit\u00e4ten festgelegt, die damit zugleich bestimmen, was \u201eunliterarische Sprache\u201c ist. In einer gerechteren Welt w\u00fcrde man Jodokus Donatus Hubertus Temme zu den besten Stilisten der Kriminalliteratur z\u00e4hlen. In einer gerechteren Welt m\u00fcssten wir uns allerdings auch nicht damit abplagen, den Unterschied zwischen \u201eliterarischen\u201c und \u201enichtliterarischen Krimis\u201c kritisch zu untersuchen. Es g\u00e4be ihn n\u00e4mlich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der n\u00e4chsten Etappe unserer Reise ins Herz der Finsternis gelangen wir an einen schaurigen Ort, wo man Menschen, kaum dass sie ein Kind gezeugt und zur Welt gebracht haben, unter Schm\u00e4hungen in den Orkus des Vergessens wirft.<\/p>\n\n\n\n<p>(Diese Abhandlung erh\u00e4lt kostenlos als limitierten, nummerierten und handsignierten Sonderdruck, wer bis zum 1. M\u00e4rz entweder das \u201eKrimijahrbuch 2007\u201c (zum Vorzugspreis von 16 Euro) oder \/ und \u201eDie Zeichen der Vier. Astrid Paprottas Ina-Henkel-Kriminalromane\u201c (ca. 12 Euro) <a href=\"mailto:dpr@hinternet.de\">hier <\/a>vorbestellt.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo wir stehengeblieben waren Bei zwei Zitaten und der Aufforderung, ihre literarischen Qualit\u00e4ten zu beurteilen:<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17458","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17458","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17458"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17458\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17458"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17458"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17458"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}