{"id":17462,"date":"2007-02-07T08:40:44","date_gmt":"2007-02-07T08:40:44","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/02\/literarische-krimis-eine-reise-ins-herz-der-finsternis-3\/"},"modified":"2022-06-10T23:54:10","modified_gmt":"2022-06-10T21:54:10","slug":"literarische-krimis-eine-reise-ins-herz-der-finsternis-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/02\/literarische-krimis-eine-reise-ins-herz-der-finsternis-3\/","title":{"rendered":"Literarische Krimis &#8211; eine Reise ins Herz der Finsternis (3)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Die Literatur ist schon ein merkw\u00fcrdiges Land mit noch merkw\u00fcrdigeren Bewohnern. Sprache, so sagen wir, ist ein Werkzeug. In unserer Normalwelt ziehen wir mit dem Vorschlaghammer in den Steinbruch der Wirklichkeit und legen mit dem Skalpell das Innere der Menschen frei. Im Lande Literatur ist alles ganz anders. Dort kann man auch mit dem Vorschlaghammer auf die Psyche klopfen und mit dem Skalpell im Steinbruch arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Im Abseits im Zentrum?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ziehen wir weiter. Und werden das Gef\u00fchl nicht los, dass dieser sch\u00f6ne Trampelpfad, den wir uns auf dem Weg ins Herz der Finsternis schaffen, geradewegs an den eigentlichen Denkw\u00fcrdigkeiten des Landes, das wir ja erforschen wollen, vorbeif\u00fchrt. Irgendwo abseits von alledem k\u00f6nnte ein bizarres, von der Welt der Logik und der kosmischen Naturgesetze abgeschnittenes Territorium liegen, dessen Einwohner weder physikalischen Gesetzen noch etwas so Profanem wie der Zeit unterworfen sind. Sie laufen im Kreis und behaupten, sie seien auf dem Weg zu den Sternen. Beim Laufen stampft ein Bein durch die Gegenwart, ein anderes durch die Vergangenheit. Und ihre Gehirne befinden sich ebenfalls zwischen den Zeiten oder zermatscht in ihnen \u2013 wo genau und wie genau, das ist noch nicht ausgemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch erschlagen sie ihre Mitbewohner, sobald diese ein Kind in die Welt gesetzt haben, denn das Schlimmste was sie sich vorstellen k\u00f6nnen, ist eine Ahnenreihe, eine Entwicklung, Fortschritt. Das Kind gilt als vom Himmel gefallenes Gottesgeschenk, nur wenn es recht unartig zu werden droht, wirft man ihm vor, schlechte Gene zu besitzen. Und die Zeit ist ein gro\u00dfer Klumpatsch, in ihrem Ablauf viel zu kompliziert, so dass es ratsam erscheint, s\u00e4mtliche Fakten in einen gro\u00dfen Topf zu werfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Gesch\u00f6pfe sind etwa von der Richtigkeit folgender Aussagen v\u00f6llig \u00fcberzeugt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Person, welche einstmals das Rad erfunden hat, war eine Versagerin. Wieso hat sie nicht auch die Pleuelstange, den Scheibenwischer und den Verbrennungsmotor bei dieser Gelegenheit miterfunden?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist seltsam genug, aber die Gesch\u00f6pfe halten auch eine zweite Aussage f\u00fcr durchaus logisch:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn diese Person, die das Rad erfunden hat, bei dieser Gelegenheit auch noch gleich die Pleuelstange, den Scheibenwischer und den Verbrennungsmotor miterfunden h\u00e4tte, wir w\u00e4ren gezwungen gewesen, sie als abscheuliche Hexe auf dem n\u00e4chsten Scheiterhaufen zu verbrennen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Uh, das ist verwirrend. Ein solches Land, solche Gesch\u00f6pfe kann es doch gar nicht geben, oder? Das w\u00fcrde ja, auf die Literatur gem\u00fcnzt, folgendes bedeuten:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eH\u00f6ren Sie mal zu, lieber Herr Goethe. Ihre literarischen Versuche in allen Ehren, aber unter uns: Warum haben Sie eigentlich nicht mit der Technik des inneren Monologs gearbeitet? Und warum redet Ihr Personal immer so gestelzt? H\u00e4tten Sie mal den Expressionismus erfunden, dann w\u00e4re Ihr Herr Faust aber ein richtiger Kerl geworden! Eines sage ich Ihnen aber auch, mein Freund: H\u00e4tten Sie den inneren Monolog und den Expressionismus erfunden und Ihr Personal so reden lassen wie D\u00f6blin den Franz Bieberkopf, wir h\u00e4tten Sie geteert und gefedert, aus dem Land gejagt und das mit dem Minister in Weimar h\u00e4tten Sie sich nat\u00fcrlich auch abschminken k\u00f6nnen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend wir noch die K\u00f6pfe sch\u00fctteln ob dieser wirren Argumentation, fl\u00fcstert der Teufel in unserem Ohr: Genau so betrachtet das Gros jener Sippschaft, die von \u201eliterarischen Krimis\u201c fantert, die Literatur. Ahistorisch, um es vornehm auszudr\u00fccken. V\u00f6llig jenseits von Logik, Ursache \/ Wirkung, Emanzipation undundund. Sie haben \u00fcberhaupt nichts begriffen, sie denken mit den Schleimbeuteln, krakeelen ihren Unverstand lauthals durchs Mediale, bringen die Zeiten durcheinander, verwechseln literarischen Schein mit literarischem Sein. Missionieren lohnt sich nicht. Schnell die Beine in die Hand und weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Moment noch. Diese Kreaturen wollen wir kurz genauer betrachten. Sie nehmen es den Herren Poe und Conan Doyle \u00fcbel, dass sie den Krimi erfunden haben (von all den anderen, die man jetzt nennen m\u00fcsste, ahnen sie nichts), weil sie im gleichen Moment nicht auch den lauthals gr\u00fcbelnden Polizisten, die langatmig ausgebreitete Erkl\u00e4rung des Warum und Weshalb und \u00dcberhaupt miterfanden. Denn das ist f\u00fcr sie \u201eliterarisch\u201c: alles, was in der Entwicklung nicht nur des Genres, sondern der Literatur \u00fcberhaupt l\u00e4ngst als Ballast \u00fcber Bord gegangen ist. So wie sie \u00fcberhaupt von einer Literatur, die sich entwickelt, keinen blassen Schimmer haben, denn das einzige was sie entwickeln, ist das Geschenkpapier, in das ihnen die oder der Liebste \u201eden anspruchsvollen Krimi zum Weihnachtsfest\u201c eingepackt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wohl schreien sie nach \u201eder Moderne\u201c \u2013 sind aber entt\u00e4uscht, wenn nicht die Fidelen Whodunnit-Buam in der krachledernen Sprachtracht auftreten.W\u00fcrde man ihnen die wirklich avancierten Vertreter des Genres unter die Nase reiben, Rad und Pleuelstange und Motor und alles \u00fcbrige also, sie kreischten \u201elangweilig!\u201c. Es entspr\u00e4che nicht dem, was sie unter \u201eLiteratur\u201c verstehen, n\u00e4mlich gar nichts. Kein wohliger Nervenkitzel, kein Happyend, keine Sinnhuberei, keine Sprache als Melange aus standardisierter, grammatisch unbedenklicher und von der obersten Dudeninstanz genehmigter \u201eDruckreife\u201c, als sei sie frisch von den Herrschaften Stifter, Mann und Pilcher in einem sinnlos ekstatischen Akt zusammenkopuliert worden, nachdem alle Beteiligten ihren Verstand auf dem Nachttisch deponiert haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber treten wir wieder zur\u00fcck auf den Trampelpfad und hoffen, dass diese Bewohner des literarischen Landes wirklich an einer entlegenen Stelle dahinvegetieren. Sicher bin ich mir da allerdings nicht. Mag sein, dass sich die \u201eliterarischen Krimis\u201c auf eine abstrusen Vorstellung von Literatur gr\u00fcnden, auf die wahnwitzige Vorstellung, \u201edie Moderne\u201c sei alles, was in gelecktem Deutsch \u201ekritisch\u201c von den letzten Dingen raune, einem \u201ezu denken\u201c gebe, irgendwie \u201erelevant\u201c sei und irgendwie so komplex, dass, wenn ich es verstehe, es keine gro\u00dfe Literatur sein kann, wenn ich es aber partout nicht verstehe wohl auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Mag also sein, dass sich dieser Irrsinn \u2013 man bl\u00e4st ihn ja laut und oft genug durch die Welt \u2013 inzwischen auch dort, wo man es eigentlich besser wissen sollte, zum nicht mehr genauer inspizierten Gemeingut geworden ist und wir ihm am Ende unserer Reise als der Wurzel allen \u00dcbels wiederbegegnen. Aber was solls. Weiter. Scott w\u00e4re auch fr\u00fcher zum S\u00fcdpol gekommen, h\u00e4tte er nicht auch noch das Paarungsverhalten der Kaiserpinguine studiert.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<p>(Diese Abhandlung erh\u00e4lt kostenlos als limitierten, nummerierten und handsignierten Sonderdruck, wer bis zum 1. M\u00e4rz entweder das \u201eKrimijahrbuch 2007\u201c (zum Vorzugspreis von 16 Euro) oder \/ und \u201eDie Zeichen der Vier. Astrid Paprottas Ina-Henkel-Kriminalromane\u201c (ca. 12 Euro) <a href=\"mailto:dpr@hinternet.de\">hier <\/a>vorbestellt.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Literatur ist schon ein merkw\u00fcrdiges Land mit noch merkw\u00fcrdigeren Bewohnern. Sprache, so sagen wir, ist ein Werkzeug. In unserer Normalwelt ziehen wir mit dem Vorschlaghammer in den Steinbruch der Wirklichkeit und legen mit dem Skalpell das Innere der Menschen frei. Im Lande Literatur ist alles ganz anders. 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