{"id":17469,"date":"2007-02-09T07:36:23","date_gmt":"2007-02-09T07:36:23","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/02\/literarische-krimis-eine-reise-ins-herz-der-finsternis-4\/"},"modified":"2022-06-16T02:02:12","modified_gmt":"2022-06-16T00:02:12","slug":"literarische-krimis-eine-reise-ins-herz-der-finsternis-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/02\/literarische-krimis-eine-reise-ins-herz-der-finsternis-4\/","title":{"rendered":"Literarische Krimis &#8211; eine Reise ins Herz der Finsternis (4)"},"content":{"rendered":"\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eAls er abends im Bett lag und versuchte einzuschlafen, dachte er, so ist das Leben, eine Unmenge von Rolltreppen, die niemals anhalten, und niemand wei\u00df, von wo und von wem sie gesteuert werden, sicher ist nur, dass es ohne das geringste Mitgef\u00fchl, ohne Logik oder gar Absicht geschieht. Manchmal f\u00fchren sie in die richtige Richtung und wir sind eine Zeit lang gl\u00fccklich.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Gelingt es auch Ihnen nicht, diese Zeilen ohne das sich immer pentranter in Bauchh\u00f6hle und Hirnkasten breit machende Gef\u00fchl eines l\u00e4stigen Schmerzes zu lesen, einer Mixtur aus Migr\u00e4neanfall und Sodbrennen? Das, so urteilen wir sofort, ist er, der \u201eliterarische Krimi\u201c, wie ihn die im vorstehenden Exkurs beschriebenen Kreaturen lieben. Sprachlich altbacken und mausetot, inhaltlich purer Bildernonsens. Wir klappen das Buch schnell zu und warten darauf, dass der k\u00f6rperliche Schmerz sich verfl\u00fcchtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dennoch: Ich lese Eugenio Fuentes, aus dessen neuestem Roman \u201eDas Blut der Engel\u201c soeben zitiert wurde, recht gern. Denn der Mann hat ein literarisches Konzept. Seine Figuren posieren, sie deklamieren druckreif, jeder Gedankenfurz wird in die Rohseide poetischer Mongolfi\u00e8ren geh\u00fcllt, man agiert auf einer B\u00fchne, zweitklassige Schauspieler, die ihr drittklassiges Dasein in den Zuschauerraum wimmern. Man muss das nicht m\u00f6gen, weder sprachlich noch sonstwie. Anerkennen sollte man indes, dass Fuentes seine Absicht sowohl sprachlich als auch dramaturgisch als auch inhaltlich literarisch gelungen ausbreitet. Die Sprache ist der Intention angemessen, sie transportiert die Geschichte durch die Banalit\u00e4ten des Alltags und konterkariert sie mit dem Unerh\u00f6rten eines Verbrechens.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das ist der Punkt. Fuentes schreibt KRIMINALromane, sein Serienheld hei\u00dft Ricardo Cupido \u2013 und in \u201eDas Blut der Engel\u201c begegnen wir ihm erstmals auf Seite 85. Nicht dass er fortan im Mittelpunkt st\u00fcnde. Cupido ermittelt, ja, aber er kommt zu keinem vern\u00fcnftigen Ergebnis. Die L\u00f6sung des Falles geschieht auf anderem Weg, Cupido reagiert nur. Selbst das gro\u00dfe und dramatisch angelegte Finale (inklusive Kindesentf\u00fchrung) scheint Fuentes v\u00f6llig zu verhauen, indem er es NACH den Ereignissen in wenigen lapidaren S\u00e4tzen schildert. Aber auch das best\u00e4rkt uns in unserer Mutma\u00dfung, Fuentes habe einen \u201eliterarischen Krimi\u201c verfasst: Das \u201eKriminal-\u201c ist, so sagen die einen, lediglich aufgepfropftes Beiwerk und daher \u00e4rgerlich, beziehungsweise, so halten die anderen dagegen, es wurde der \u201eliterarischen Absicht\u201c untertan gemacht, was wiederum aus dem \u201eNur-Krimi\u201c einen \u201eliterischen mit Mehrwert\u201c formt.<\/p>\n\n\n\n<p>Fuentes h\u00e4lt sich jedenfalls nur widerwillig und unbefriedigend an die \u201eGenregesetze\u201c. Der Detektiv steht nicht im Zentrum, er tr\u00e4gt zur L\u00f6sung des Falles nur wenig bis gar nichts bei, ein Spannungsbogen l\u00e4sst sich nicht ausmachen, der finale Thrill bleibt ein fl\u00fcchtiges Prickeln auf der Haut. Auch das ist ja ein Indiz f\u00fcr \u201eliterarisch\u201c: Sich den Genreregeln nicht beugen, sich ergo vom Genre emanzipieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber woher stammen eigentlich diese \u201eGenreregeln\u201c? Im Zweifelsfall AUCH von Edgar Poe. Ein R\u00e4tsel, ein deduzierender Ermittler, eine Aufl\u00f6sung. Das ist der Kern, den es zu spalten gilt, will man wahrhaft \u201eliterarisch\u201c handeln, siehe Fuentes. Doch hatte etwa Poe, als er seine Geschichten schrieb, kein literarisches Konzept? Oh doch, sogar zwei. Eines, das die Welt als qua Deduktion erkl\u00e4rbar, transparent, beherrschbar machen sollte (das waren die \u201eDetektivgeschichten\u201c), ein anderes, das die Welt als, je weiter wir mit dem Verstand in sie dringen, unerkl\u00e4rlich, opak und anarchisch entlarvte (das waren alle anderen literischen Arbeiten Poes, mit Ausnahme von \u201eHeureka!\u201c, was zu erkl\u00e4ren hier aber zu weit f\u00fchren muss).<\/p>\n\n\n\n<p>Die ehernen Regeln des Genres haben also einen literarischen Hintergrund. Dann wurde das Genre \u201etrivialisiert\u201c, was seinen H\u00f6hepunkt in den Sherlock-Holmes-Geschichten Conan Doyles fand. Tats\u00e4chlich? Wenn wir \u201eLiteratur\u201c abseits ihrer Bauanleitungen als Reaktion auf die Zeit, in der sie entstand, definieren, m\u00fcssen wir selbst den Sherlock-Holmes-Abenteuern eine Affinit\u00e4t zum \u201eLiterarischen\u201c zubilligen. Sie passen n\u00e4mlich perfekt in eine Zeit, die mit Hilfe des Verstandes die Welt zu beherrschen trachtete, sie passen zum Glauben an den technischen Fortschritt, zum Glauben, die Psyche lie\u00dfe sich analysieren wie eine tote Fliege unter dem Mikroskop, sie passt auch zu jenem \u201eanderen Genre\u201c, der Science Fiction, das in dieser Epoche mit Jules Verne erst richtig \u2013 und auch schon \u201etrivialisiert\u201c! \u2013 anhob.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie war das nun aber mit dem \u201eKriminal-\u201c? Ging es Poe um Verbrechen und Verbrecher, um Schuld und S\u00fchne? Keineswegs. Auch Doyle war frei von der Absicht, in die Abgr\u00fcnde der menschlichen Seele und der sie reglementierenden und strafenden Gesellschaft zu blicken. Das was wir heute als einen Kern \u201eliterarischer Krimis\u201c begreifen, dieser Blick hinter die Kulissen, dieses blo\u00dfe Benutzen von \u201eGenregesetzen\u201c \u2013 es kam ganz woanders her. Teilweise aus der Tradition der \u201eVerbrechensliteratur\u201c, der wir das st\u00e4ndige Moralisieren und Gr\u00fcbeln aktueller wertvoller Krimikost verdanken, teilweise aus der billigsten Kolportage, die uns \u201eDramatik\u201c unterjubelte, indem sie uns schaudernd in die schwarze Seele des Verbrechens schauen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurzum: Ausgerechnet das, was wir heute \u201eNur-Krimi\u201c nennen, entsprang einem literarischen Konzept. Und ausgerechnet das, was den \u201eliterarischen Krimi\u201c ausmacht, hat seine Wurzeln nicht selten entweder im Trivialisierten oder von Natur aus Trivialen.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch einmal zur\u00fcck zu Fuentes. Dessen Beispiel zeigt uns, dass ein literarisches Unterfangen auch mit v\u00f6llig \u00fcberkommenen und, betrachtet man sie separat, k\u00fcnstlerisch v\u00f6llig wertlosen Mitteln zum Erfolg gef\u00fchrt werden kann. Das war schon immer so. Werten wir heute \u201eDruckreife\u201c und weichgesp\u00fclte Syntax als \u201eschlechten Stil\u201c, sollten wir nicht vergessen, dass dieser schlechte Stil einstmals state of the art war, also: guter Stil. Wohingegen es als \u201eunliterarisch\u201c galt, etwa so zu schreiben:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eF\u00fcnf Jahre?\u201c fragte sie.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eSechs\u201c, verbesserte ich.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eVerdammt!\u201c sagte Paddy, grinste und winkte einem Kellner. \u201eEines Tages leg ich noch mal einen Schn\u00fcffler rein.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>So spricht man in Dashiel Hammetts Erz\u00e4hlung \u201eDas gro\u00dfe Umlegen\u201c, und das ist ja nun wirklich keine \u201eliterarische Sprache\u201c, das ist doch astreines Pulp-Gebabbel. Ja! Und steht doch auch im Dienste eines literarischen Konzepts, manifestiert eine LITERARISCHE Weiterentwicklung des Genres auf dem Fundament seines scheinbar und vielgeschm\u00e4hten Trivialen.<\/p>\n\n\n\n<p>Putzig wird das alles durch den Umstand, dass die Auffassung, was denn \u201eliterarisch\u201c sei, durch das blanke Abgleichen von fragw\u00fcrdigen Klischees erreicht wird. Hielt man Hammett zum Zeitpunkt des Abfassens von \u201eDas gro\u00dfe Umlegen\u201c zu unliterarisch, mag das ja noch angehen, da Entwicklungen meistens erst dann akzeptiert werden, wenn sie schon l\u00e4ngst keine mehr sind. Ich m\u00f6chte allerdings wetten, dass auch heutzutage das Gros der Leser \u201eliterarischer Krimis\u201c eher zu Fuentes und seiner seit langer Zeit anachronistischen Sprache tendiert als zu Hammett, der im Vergleich dazu geradezu als modern durchgeht. Was nun nicht gegen Fuentes auszulegen w\u00e4re, w\u00fcrdigte man sein durchaus vorhandenes und konsequent umgesetztes literarisches Konzept. Genau das aber tut man nicht. Entweder \u00e4chtet man dieses Konzept, weil es sich einer formelhaft-oberfl\u00e4chlichen Sprache bedient, oder man akzeptiert es, weil man diese formelhaft-oberfl\u00e4chliche Sprache f\u00fcr literarisch h\u00e4lt. Beides verfehlt das Eigentliche von Literatur meilenweit und l\u00e4uft sich im Universum der ach so verschiedenen Geschm\u00e4cker, \u00fcber die sich bekanntlich nicht streiten l\u00e4sst, tot.<\/p>\n\n\n\n<p>Literaturanalyse ist aber stets ein, wie man zu sagen pflegt, ganzheitliches Betrachten und Kritisieren. Ich kann nicht etwas mit der Zange der Literaturanalyse anfassen, von dem ich von vornherein behaupte, es sei \u00fcberhaupt keine Literatur. Ich kann auch nicht das Verletzen oder Neuauslegen von \u201eGenregesetzen\u201c heranziehen, um etwas als Literatur oder Nichtliteratur zu markieren. Denn wenn auch Literatur immer das Zusammenspiel von Sprache, Intention, Dramaturgie und Inhalt ist, so bleibt doch zweifelsfrei der INHALT das am wenigsten interessante Element dabei. Es ist, einfach gesagt, schlicht wurscht, ob ich \u00fcber die Ermordung eines Menschen oder einer Butterblume schreibe. Wenn ich aber \u00fcber die Ermordung eines Menschen schreibe, schreibe ich Kriminalliteratur. Ob gute oder schlechte, sei dahingestellt. Auch das bemisst sich nicht am Einhalten oder Nichteinhalten von Regeln. T\u00e4te es das n\u00e4mlich, w\u00e4re dies der einzige Grund, Kriminalgeschichten NICHT als Teil von Literatur zu akzeptieren. Denn Literatur ist ein immerw\u00e4hrendes Spiel mit Regeln und ihrer Modifizierung, nicht zum Selbstzweck allerdings, sondern zum Zweck, die Wirklichkeit mit anderen Augen zu sehen. Fuentes daf\u00fcr zu tadeln, dass er das \u201eKriminal-\u201c missbraucht, weil er es offensichtlich vernachl\u00e4ssigt, ist genauso wenig ein Kriterium wie das Lob, Fuentes habe genau deshalb einen \u201eliterarischen Krimi\u201c verfasst, WEIL er \u201edie Regeln\u201c gro\u00dfz\u00fcgig auslegt. Gerade den Puristen, f\u00fcr die nur \u201eKrimi\u201c ist, was schon seit hundert Jahren \u201eKrimi\u201c ist, sei ins Stammbuch geschrieben, dass ausgerechnet die Schutzheiligen, auf die sie sich berufen, das anders sahen, von Poe \u00fcber Conan Doyle und Hammett und Chandler und McBain und Himes und Izzo undundund&#8230; Und allen anderen schreiben wir ins Stammbuch: Ein Genre, das sich entwickelt, wird dadurch nicht \u201eliterarischer\u201c, es folgt ganz einfach seiner Bestimmung als Literatur. Wenn es das nicht mehr tut, ist es tot wie jedes andere Pfl\u00e4nzlein auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Um die Genreregeln soll es im abschlie\u00dfenden Teil dieser \u00dcberlegungen gehen, wenn wir uns n\u00e4mlich den Gl\u00fccklichen des diesj\u00e4hrigen Deutschen Krimipreises zuwenden wollen, von denen ja f\u00fcnf angeblich deshalb literarisch sind, weil sie die Grenzen des Genres \u00fcberschreiten. Tun sie das tats\u00e4chlich?<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAls er abends im Bett lag und versuchte einzuschlafen, dachte er, so ist das Leben, eine Unmenge von Rolltreppen, die niemals anhalten, und niemand wei\u00df, von wo und von wem sie gesteuert werden, sicher ist nur, dass es ohne das geringste Mitgef\u00fchl, ohne Logik oder gar Absicht geschieht. 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