{"id":17470,"date":"2007-02-12T07:58:56","date_gmt":"2007-02-12T07:58:56","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/02\/literarische-krimis-eine-reise-ins-herz-der-finsternis-5\/"},"modified":"2022-06-07T01:11:35","modified_gmt":"2022-06-06T23:11:35","slug":"literarische-krimis-eine-reise-ins-herz-der-finsternis-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/02\/literarische-krimis-eine-reise-ins-herz-der-finsternis-5\/","title":{"rendered":"Literarische Krimis &#8211; eine Reise ins Herz der Finsternis (5)"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/litkrimi_cover.jpg\" alt=\"litkrimi_cover.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Fassen wir b\u00fcndig zusammen. Von \u201eliterarischen Krimis\u201c spricht, wer Entwicklungen ignoriert, einen unvollst\u00e4ndigen Literaturbegriff hat, keine gro\u00dfe Faktenkenntnis oder sich darin gef\u00e4llt, \u201eKrimi\u201c und \u201eLiteratur\u201c gegeneinander auszuspielen. Was literarisch sein soll, m\u00f6ge sich gef\u00e4lligst vom Genre entfernen. Vergessen wollen wir aber bei alledem nicht die Wohlmeinenden, denen es um das Ansehen des Kriminalromans zu tun ist, welches unter allen Umst\u00e4nden \u2013 und seien es solche fragw\u00fcrdiger Herkunft \u2013 bef\u00f6rdert werden soll.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Eines der Instrumente dieser Wohlmeinenden ist der Deutsche Krimipreis, ein undotierte, dennoch reputierte, von Kritikern und Buchh\u00e4ndlern in den beiden Kategorien \u201enational\u201c und \u201einternational\u201c vergebene Auszeichnung. Anl\u00e4sslich des DKP 2007 nun entfachte Jurymitglied Tobias Gohlis eine heftige Diskussion um die \u201eliterarischen Krimis\u201c, indem er behauptete, die Literatur habe den \u201eDetektivroman\u201c verdr\u00e4ngt und der Krimi sei \u201etot\u201c. Seine Argumentation ist nicht durchgehend schl\u00fcssig, doch vermag man ihm auf den ersten Blick nicht zu widersprechen, wenn er konstatiert, f\u00fcnf der sechs ausgezeichneten Titel seien mehr als \u201enur Krimi\u201c (die Ausnahme ist Oliver Bottinis \u201eIm Sommer der M\u00f6rder\u201c, ein Werk, das ich als einziges der sechs nicht gelesen habe, obwohl es mich juckt, es nachtr\u00e4glich zu tun, weil ich bef\u00fcrchte, dass ausgerechnet Bottinis Buch dasjenige sein k\u00f6nnte, dem das Bem\u00fchen um \u201eLiteratur\u201c am leichtesten nachweisen sei. Inhaltsangaben und Rezensionen erh\u00e4rten diesen Verdacht).<\/p>\n\n\n\n<p>Betrachten wir uns die f\u00fcnf Titel etwas genauer und fragen uns, warum sie Literatur sein sollen respektive nicht mehr Nur-Krimi sind. Pete Dexters \u201eTrain\u201c (Rang 3 international) verwirrt den naiven Krimifreund durch einen Protagonisten, der das B\u00f6se tut, um das Gute zu unterst\u00fctzen. Zudem ist der Roman randvoll mit \u201egesellschaftlicher Problematik\u201c, wobei der Rassismus als Leitthema fungiert. Was daran neu sein soll? Ich wei\u00df es nicht. Wenn \u201eTrain\u201c mit dazu beitr\u00e4gt, den Krimi in die Grube zu werfen, dann liegt er dort seit Jahrzehnten drin, denn etwas anderes als eine Variante der Grundmuster, wie man sie von Hammett \u00fcber Himes bis Peace besichtigen kann, vermag ich nicht zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem zweiten Platz in der Kategorie \u201einternational\u201c liegt Leonardo Paduras \u201eAdios Hemingway\u201c. Im Gegensatz zu Dexter benutzt Padura tats\u00e4chlich einige Techniken der literarischen Moderne, die Aufhebung des chronologischen Erz\u00e4hlens z.B., indem er die erz\u00e4hlte Vergangenheit (eine fiktive Episode aus dem Leben Hemingways) mit der Gegenwart des Ermittlers so verzahnt, dass beide Ebenen und mit ihnen die Zeiten korrespondieren, sich gegenseitig referenzieren. Als Nur-Krimi bes\u00e4\u00dfe \u201eAdios Hemingway\u201c wohl tats\u00e4chlich kaum das Potential, uns die Schauer \u00fcber die R\u00fccken zu jagen, aber, ganz ehrlich, welcher Klassiker des Genres kann schon damit aufwarten? Auch dort ist es die Gesamtheit des literarischen Konzepts, die das Werk rundet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Krone wurde international Robert Littells \u201eDie kalte Legende\u201c aufgesetzt, jenem Werk also, an dem wir eingangs vorexerzierten, dass blo\u00dfe Betrachtung der Sprache allein uns nichts, aber auch gar nichts \u00fcber seine literarische Qualit\u00e4t verraten kann. \u201eLegends\u201c (der Originaltitel trifft den Kern wesentlich besser) erz\u00e4hlt uns, dass wir alle unsere EINE Identit\u00e4t l\u00e4ngst verloren haben und mit mehreren hantieren \u2013 und dabei nicht ungl\u00fccklich sind. Es ist ein vielschichtiger, auch sprachlich genau gearbeiteter Roman, der aber \u2013 und das soll hier hervorgehoben werden \u2013 seiner literarischen Qualit\u00e4ten entledigt auch als \u201eNur-Krimi\u201c perfekt funktioniert, spannend ist, Action bietet, ein R\u00e4tsel gar.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommen wir nach Deutschland. Hier konnte 2007 vor allem Andrea Maria Schenkel mit \u201eTann\u00f6d\u201c \u00fcberraschen, einem d\u00fcnnen Roman, der seine Geschichte im perspektivischen Wechsel erz\u00e4hlt, nicht mit dem dramaturgischen Mittel der Recherche einer ordnungschaffenden Instanz arbeitet, sondern einfach, indem die Beteiligten ihre Version der Ereignisse wiedergeben, die Geschichte eines Mehrfachmordes im l\u00e4ndlichen Raum ausbreiten. Literarisches Neuland wird hier nicht betreten, aber getan, was die Kriminalliteratur schon immer getan hat: Sie nimmt sich aus dem bestehenden literarischen Fundus das, was sie braucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Paulus Hochgatterers \u201eDie S\u00fc\u00dfe des Lebens\u201c arbeitet mit Perspektiven, umrei\u00dft die Enge einer l\u00e4ndlichen Gemeinschaft, die erst durch einen Mord erkennbar wird. Vieles daran erinnert an Friedrich D\u00fcrrenmatts Kriminalromane, das meiste jedoch an die in der Siebziger Jahren hierzulande gebl\u00fcht habende \u201ekritische Heimatliteratur\u201c, was nat\u00fcrlich auch f\u00fcr Schenkel gilt..<\/p>\n\n\n\n<p>Die entscheidende Frage aber muss lauten: Warum w\u00e4hlten alle f\u00fcnf Preistr\u00e4gerInnen das Genre \u201eKrimi\u201c, um ihre literarischen Konzepte in dessen Rahmen umzusetzen? H\u00e4tten sie es nicht auch anders gekonnt? Bedarf etwa die geistige Enge unbedingt des Verbrechens, um als geistige Enge markiert zu werden, ist nicht die multiple Identit\u00e4t l\u00e4ngst ein Thema von Nicht-Kriminalliteratur, braucht der gesellschaftskritische Ansicht unbedingt Mord und Totschlag, um uns die Wirklichkeit zu beschreiben?<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, das \u201eKriminal-\u201c ist nicht vonn\u00f6ten. Aber ihm obliegt seit jeher im Wortsinn eine Schl\u00fcsselfunktion, es \u00f6ffnet T\u00fcren zu verborgenen Zusammenh\u00e4ngen, Verwerfungen und Indizien f\u00fcr die T\u00e4uschungen an der Oberfl\u00e4che der Wirklichkeit. Diese Schl\u00fcsselfunktion ist geradezu die Wurzel aller Kriminalliteratur, ihr ureigenste Leistung. Schon Poe beschrieb den Mord nicht um des Mordes und seiner Aufkl\u00e4rung willen, er hantierte damit als Avantgarde der analytischen Erkl\u00e4rbarkeit von \u201eWelt\u201c im allgemeinen Sinne. Einer der fr\u00fchesten deutschen Kriminalromane, Carl von Holteis \u201eSchwarzwaldau\u201c erschlie\u00dft mit dem Verbrechen bislang verborgene Kammern der Psyche und l\u00e4sst zwei literarische Gro\u00dfkonzepte \u2013 Romantik und Realismus \u2013 aufeinander prallen. Friedrich D\u00fcrrenmatt n\u00e4hert sich philosophisch-existentialistischen Themen \u00fcber \u201edas Genre\u201c, ja, verlassen wir den \u201eliterarischen Krimi\u201c, selbst die unleugbar nur dem Unterhaltenwerden dienenden Produkte sensibilieren uns f\u00fcr Wahrheiten jenseits der Wahrheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Und damit haben wir am Ende die Dinge vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe gestellt: Nicht die Literatur veredelt den Krimi, der Krimi veredelt die Literatur, er bereichert ihr Arsenal an erz\u00e4hlerischen, dramaturgischen Strategien.<\/p>\n\n\n\n<p>Und setzen wir noch eins drauf. Wie es der Zufall will, habe ich w\u00e4hrend der \u00dcberlegungen und Abfassung dieser kleinen Arbeit ein Buch in die Hand bekommen, das uns endg\u00fcltig beweisen sollte, dass es keinen Unterschied zwischen Nur- und literarischen Krimis geben kann. Es ist \u201eDie sechste Laterne\u201c des Argentiniers Pablo De Santis. <em>\u201eIn vielen L\u00e4ndern war oder ist der Kriminalroman marginalisiert, keine ernst zu nehmende Literatur. Bei uns war das dank Borges anders. Es ist hier kein Problem, Literatur mit Elementen des Kriminalromans zu schreiben\u201c, <\/em>hei\u00dft es im Anhang. De Santis\u2019 Werk selbst ist nun der lebende Beweis einer These, die uns aus dem chaotischen Dunkel, der im Herzen des \u201eliterarischen Krimis\u201c herrscht, herausf\u00fchrt. Kein Zweifel: Hundert von hundert Befragten w\u00fcrden \u201eDie sechste Laterne\u201c als \u201eliterarischen Krimi\u201c identifizieren, etwa f\u00fcnfzig davon mit Verachtung bis Abscheu, weil sie fast alle Ingredienzien des Genres vermissen, die \u00fcbrigen mit dem guten bildungsb\u00fcrgerlichen Gewissen, einen \u201eVollroman\u201c zu konsumieren. Tats\u00e4chlich aber weckt \u201eDie sechste Laterne\u201c die pawlovschen Reflexe des Krimilesers genau dort, wo kein Krimi ist: im verwirrend gekn\u00fcpften Netz der Bedeutungsebenen des Textes. Dieser Roman, in dem nicht \u201eermittelt\u201c wird, findet seine Ermittler au\u00dferhalb, im Leser selbst. Und das geschieht in allen wirklich guten Romanen, ob bei Kafka, Proust, Pynchon oder Schmidt (ersparen Sie mir bitte die Aufz\u00e4hlung weiterer 999 Namen): Jeder literarische Text, der seinen Namen verdient, verbirgt seine Ungeheuerlichkeiten unter der Oberfl\u00e4che und fordert Verstand und Imagination des Lesers. So betrachtet, ist jede gute Literatur Kriminalliteratur und Kriminalliteratur lediglich die Verlagerung dieses Automatismus in den Text selbst. Kriminalromane erfordern also immer zwei ermittelnde Instanzen: die innerhalb und die au\u00dferhalb der W\u00f6rter. Und genau das unterscheidet gute Literatur von schlechter.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<p><em>(Alle f\u00fcnf Teile dieses Textes gibt es als 16seitigen Sonderdruck f\u00fcr Vorbesteller des &#8222;Krimijahrbuchs 2007&#8220; oder &#8222;Die Zeichen der Vier. Astrid Paprottas Ina-Henkel-Kriminalromane&#8220;. Voraussetzung: Die Bestellung muss bis sp\u00e4testens 1. M\u00e4rz <a href=\"mailto:dpr@hinternet.de\">hier <\/a>eingegangen sein. Die Brosch\u00fcre ist limitiert, numeriert und handsigniert.)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fassen wir b\u00fcndig zusammen. Von \u201eliterarischen Krimis\u201c spricht, wer Entwicklungen ignoriert, einen unvollst\u00e4ndigen Literaturbegriff hat, keine gro\u00dfe Faktenkenntnis oder sich darin gef\u00e4llt, \u201eKrimi\u201c und \u201eLiteratur\u201c gegeneinander auszuspielen. Was literarisch sein soll, m\u00f6ge sich gef\u00e4lligst vom Genre entfernen. 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