{"id":17472,"date":"2007-02-14T07:33:24","date_gmt":"2007-02-14T07:33:24","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/02\/charlie-huston-der-pruegelknabe\/"},"modified":"2022-06-05T00:29:54","modified_gmt":"2022-06-04T22:29:54","slug":"charlie-huston-der-pruegelknabe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/02\/charlie-huston-der-pruegelknabe\/","title":{"rendered":"Charlie Huston: Der Pr\u00fcgelknabe"},"content":{"rendered":"\n<p><em>&#8222;Ich, mein anderes Ich und meine Katze&#8220; <\/em>(Charlie Huston, \u201eDer Pr\u00fcgelknabe\u201c, S. 300)<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/der-pruegelknabe-charlie-huston.jpeg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/der-pruegelknabe-charlie-huston.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-22060\" width=\"175\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/der-pruegelknabe-charlie-huston.jpeg 200w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/der-pruegelknabe-charlie-huston-94x150.jpeg 94w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Hier ist er: der seltene Fall, dass ein deutscher Titel \u2013 fast \u2013 besser ist als das Original. Denn Henry \u201eHank\u201c Thompson ist genau das, zumindest zu Beginn des Romans, was auf dem deutschen Buchdeckel prangt: ein Pr\u00fcgelknabe. Aus unerfindlichen Gr\u00fcnden heftig maltr\u00e4tiert, verliert er eine Niere, wird erneut bedroht, zusammen geschlagen, gefoltert und steht immer wieder auf. Genau wie Bud, der Kater, mit dem alles anfing. Zumindest dieser Teil der Geschichte. Denn Charlie Huston ist so klug zu wissen, dass es DEN Anfang gar nicht gibt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Vieles l\u00e4uft schief in Thompsons Leben; aber beginnt der Abstieg mit dem Kn\u00f6chelbruch, der seine Karriere als hoffnungsvoller Baseballspieler j\u00e4h beendet, oder mit dem Autounfall, der den besten Freund das Leben kostet, oder doch erst in dem Augenblick als Henry einen Katzenk\u00e4fig samt Inhalt in die Hand gedr\u00fcckt bekommt, um w\u00e4hrend Nachbars Abwesenheit Bud, den Kater zu verpflegen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ist egal, denn Henry nimmt sein Schicksal mit geradezu stoischer Gelassenheit hin, die ab und an unterbrochen wird von Alptr\u00e4umen. Wie die meisten Stoiker ist er ein genauer Beobachter seiner selbst, und als er aus einer Geste der Hilfsbereitschaft heraus zum Spielball widerstreitender Kr\u00e4fte wird, nimmt er auch das eher erstaunt und sarkastisch zur Kenntnis, als sich aufzulehnen. Erst, als Menschen umkommen, die ihm nahe stehen, wacht Henry aus seiner Passivit\u00e4t auf und wird ohne gro\u00dfe Anstrengung zum Staatsfeind Nr. 1. Allerdings zu einem mit viel Geld\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Mord, begangen aus Versehen, kulminiert in einer langen und eindringlichen Sterbeszene (die, nicht von ungef\u00e4hr an Jeff Bridges langsames Sterben in Michael Ciminos wunderbarem \u201eThunderbolt and Lightfood\u201c erinnert, in dem Bridges neben Clint Eastwood halb bet\u00e4ubt von einem eher beil\u00e4ufigen Boxhieb dem Filmende und seinem Tod entgegenf\u00e4hrt). Danach t\u00f6tet Hank bewusster, aber nicht als gnadenloser R\u00e4cher, sondern als getriebene Seele, die f\u00fcr sich entscheidet, dass etwas Unabdingbares schlicht und einfach getan werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zusammenhang mit Hustons Krimis wird gerne Quentin Tarantinos Name in den Ring geworfen, doch das ist lediglich populistische Augenwischerei und geht am Wesen der B\u00fccher v\u00f6llig vorbei. Mag sein, dass die Momente explosiver Gewalt an Tarantinos Filme erinnern, aber sie gehen tiefer, tun weh (F\u00e4den ziehen!!!) und sind keineswegs Teil eines postmodernen Patchworks, dass sich durch die H\u00e4ufung bizarrer Scharm\u00fctzel st\u00e4ndig selbst aufs Siegertreppchen stellen will. Au\u00dferdem geht Hustons Dialogen die tarantinoesque Geschw\u00e4tzigkeit fast v\u00f6llig ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist \u2013 wenn wir bei Filmen bleiben \u2013 viel n\u00e4her an den Klassikern der 60er und Siebziger, an Don Siegel (z.B. \u201eTod eines Killers\u201c, basierend auf Hemingways \u201eThe Killers\u201c), Martin Scorsese und eben Michael Cimino, Regisseure, die schon lakonische, harte Gangsterfilme produziert haben, als Quentin noch Pupil Fiction in der Vorschule spielte.<\/p>\n\n\n\n<p>Huston geleitet Henry Thompson mit schlafwandlerischer Sicherheit und pointierten Dialogen durch die Tiefen des Daseins und g\u00f6nnt ihm diesmal ein vor\u00fcbergehendes Happy End.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Charlie Huston: Der Pr\u00fcgelknabe. <br \/>Heyne 2005, 361 Seiten. 8 \u20ac<br \/>(Original: \u201eCaught stealing\u201c, 2004).<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ich, mein anderes Ich und meine Katze&#8220; (Charlie Huston, \u201eDer Pr\u00fcgelknabe\u201c, S. 300) Hier ist er: der seltene Fall, dass ein deutscher Titel \u2013 fast \u2013 besser ist als das Original. 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