{"id":17483,"date":"2007-02-21T07:29:50","date_gmt":"2007-02-21T07:29:50","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/02\/preussenkrimis\/"},"modified":"2022-06-16T01:59:33","modified_gmt":"2022-06-15T23:59:33","slug":"preussenkrimis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/02\/preussenkrimis\/","title":{"rendered":"Preu\u00dfenkrimis"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/preu%DFenkrimi.jpg\" alt=\"preu\u00dfenkrimi.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Knorrige Kerle waren sie allemal, die Preu\u00dfenk\u00f6nige, ob der \u201eSoldatenk\u00f6nig\u201c oder die Friedriche, von denen der zweite als \u201eder Gro\u00dfe\u201c geradezu identit\u00e4tsstiftend f\u00fcr das Preu\u00dfen- und sp\u00e4tere Deutschentum wirken musste. Sie bauten auf ihre \u201elangen Kerls\u201c, philosophierten mit Voltaire, k\u00e4mpften gegen Schweden, Russen, \u00d6sterreicher, schufen ein m\u00e4chtiges Reich, in dem die Sonne trotzdem unterging und ein Zwielicht f\u00fcr Intrigen schuf, aus dem man, w\u00e4re es denn schon \u00e0 la mode gewesen, die feinsten Krimis h\u00e4tte backen k\u00f6nnen. Sollte nicht sein; aber die Nachfahren der Preu\u00dfen sind umso r\u00fchriger und verplotten alles, was bei drei nicht im Dunkel der Geschichte verschwunden ist.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Jan Eik und Tom Wolf sind Spezialisten f\u00fcr serielle Preu\u00dfenkrimis und haben sich den Kuchen ehrlich geteilt. W\u00e4hrend Eik die fr\u00fche Epoche des \u201eschiefen Fritz\u201c bearbeitet, als Preu\u00dfen endlich K\u00f6nigreich wurde, widmet sich Wolf der dynastischen Bl\u00fctezeit und seiner hervorragendsten Figur, dem \u201ealten Fritz\u201c: Dass hier wie da Haupt- und Staatsaktionen den eigentlichen Stoff, aus dem historische Krimis geschnitzt sind, hergeben m\u00fcssen, kommt nicht von ungef\u00e4hr. Wie es an k\u00f6niglichen H\u00f6fen zuging, ist gut dokumentiert, besser als das Leben der sogenannten kleinen Leute, f\u00fcr das man sich damals noch nicht interessierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Beginnen wir mit Eiks \u201etr\u00fcgerischen Festen\u201c und geraten ins turbulente Berlin des Jahres 1701. Am Hofe bereitet man sich auf die feierliche Kr\u00f6nung des Monarchen vor und intrigiert gegen den Premierminister. Von alledem ahnt unser Held, der Barbier und Chirurg Christian Fahrenholtz, noch nichts; erst als eine Leiche ins Spiel kommt, werden er und sein Neffe Jakob in die finsteren R\u00e4nke verwickelt und sind, so war das eben damals, am Ende doch die Dummen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wolfs bew\u00e4hrte Fachkraft hei\u00dft Honor\u00e9 Langustier und ist Zweiter Leibkoch des K\u00f6nigs. Der f\u00fchrt gerade wieder mal Krieg und \u00fcberl\u00e4sst seinem detektivisch begabten Subalternen gerne die Aufkl\u00e4rung der kleineren Verbrechen. Hellmuth von Criewen, Kammerherr der K\u00f6nigin, ist ermordet worden, alles sieht nach der Tat von Stra\u00dfenr\u00e4ubern aus, doch der gewitzte Leser wei\u00df auch hier recht schnell: Obacht, Intrige!<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich sind beide Romane das, was man \u201egut recherchiert\u201c nennt. Es w\u00e4re auch eine Unversch\u00e4mtheit, k\u00f6nnten die Autoren aus der Faktenlage nicht jenes \u201ehistorische Ambiente\u201c zimmern, das den Mehrwert ihrer Kriminalromane ausmacht. Interessant ist aber, wie unterschiedlich sich Eik und Wolf bedient haben. W\u00e4hrend ersterer sein Wissen recht brav an die Leser zu bringen versucht, manchmal ein wenig zu dozentenm\u00e4\u00dfig, aber insgesamt noch ertr\u00e4glich, gelingt Wolf manch sch\u00f6ner Bildungscoup. Dass der alte Fritz nur mangelhaft der deutschen Sprache m\u00e4chtig war, wusste man ja; aber wem ist schon die Existenz einer sehr putzigen preu\u00dfischen Marine bekannt gewesen?<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Wolf spricht auch die Gro\u00dfz\u00fcgigkeit, mit der er seinen detektivischen Koch durch Preu\u00dfen reiten l\u00e4sst, aus dem Feldlager mal rasch nach Berlin und ins Hinterland, bis auf die Ostsee, wo besagte Marine von den Schweden zusammengeschossen wird. Eik hingegen begn\u00fcgt sich mit der Hauptstadt, ihren \u00e4rmlicheren Teilen zumeist, wo der Geldjude neben dem Henker wohnt. In beider Gewerbe gew\u00e4hrt uns der Autor einen durchaus erhellenden Einblick, nat\u00fcrlich auch ins chirurgische und Barbierhandwerk des Protagonisten. Allein: Es knistert so manches Mal das Papier, auf dem sich Eik seine Wissensnotizen gemacht hat, um sie volksbildend zu verwursten. Da lobt man sich den Wolf, dessen Sprache sehr h\u00fcbsch elastisch, manchmal geradezu elegant die Fr\u00fcchte der Recherchierarbeit an den Baum der Spannung h\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ist nat\u00fcrlich das Wichtigste: Wie funktionieren beide Romane eigentlich als Krimis? Nun, so wie Krimis eben funktionieren, die sich den Anachronismus erlauben, die kriminalliterarische Umsetzung einer Denkweise des 19. Jahrhunderts ins 18. zu transponieren. Eiks Detektiv tappt sehr oft im Dunkeln, ist nur ansatzweise der Positivist und Indiziensammler. Langustier hingegen, schon zeitlich n\u00e4her am role model, bewegt sich da souver\u00e4ner durch die Detektion.<\/p>\n\n\n\n<p>Whodunnits sind beide; gekocht und gegessen, geliebt und gepr\u00fcgelt wird reichlich, da nehmen sie sich ebenfalls nichts, das muss sein. Nicht, dass wir uns vor Anspannung die N\u00e4gel abgekaut h\u00e4tten. Aber ganz nett wars denn doch, obwohl weder Eik noch Wolf das Grunddilemma jeglichen \u201ehistorischen Krimis\u201c verbergen k\u00f6nnen. Sie wissen einfach nicht, wie man wirklich dachte damals, wie sich etwa das ziemlich erb\u00e4rmliche Leben der durch die Geschichtsmaschen geschl\u00fcpften \u201ekleinen Leute\u201c abspielte. K\u00f6nnen sie auch nicht wissen. Sie bleiben Geschichtslehrer, die sich bem\u00fchen, den Unterricht abwechslungsreich und unterhaltsam zu gestalten, infotainmentm\u00e4\u00dfig halt. Und das gelingt. Punktsieg f\u00fcr Wolf, den sprachlich Versierteren, der sich zudem den Spa\u00df des Skurrilen erlaubt.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jan Eik: Tr\u00fcgerische Feste. <br \/>Berlin.krimi.verlag 2007. 253 Seiten. 9,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Tom Wolf: Teuflische Pl\u00e4ne. <br \/>Btb 2007. 283 Seiten. 9 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Knorrige Kerle waren sie allemal, die Preu\u00dfenk\u00f6nige, ob der \u201eSoldatenk\u00f6nig\u201c oder die Friedriche, von denen der zweite als \u201eder Gro\u00dfe\u201c geradezu identit\u00e4tsstiftend f\u00fcr das Preu\u00dfen- und sp\u00e4tere Deutschentum wirken musste. Sie bauten auf ihre \u201elangen Kerls\u201c, philosophierten mit Voltaire, k\u00e4mpften gegen Schweden, Russen, \u00d6sterreicher, schufen ein m\u00e4chtiges Reich, in dem die Sonne trotzdem unterging und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17483","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17483","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17483"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17483\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17483"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17483"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17483"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}