{"id":17496,"date":"2007-02-28T07:57:00","date_gmt":"2007-02-28T07:57:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/02\/kriminalroman-ein-kurzkrimi\/"},"modified":"2022-06-09T21:27:53","modified_gmt":"2022-06-09T19:27:53","slug":"kriminalroman-ein-kurzkrimi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/02\/kriminalroman-ein-kurzkrimi\/","title":{"rendered":"Kriminalroman. Ein Kurzkrimi"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Eigentlich mag ich keine Kurzkrimis. Sie sind meistens so kurz, dass sie schon wieder zu lang sind. Da ich aber Kriminalromane mag, gibt es jetzt einen Kurzkrimi, der &#8222;Kriminalroman&#8220; hei\u00dft. Und k\u00fcrzer gar nicht mehr geht.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ein Mann wird aus dem Wasser gezogen, eine Kugel im Kopf. Kommissar Preussig ermittelt, Kommissar Preussig, 48, geschieden, die \u00fcblichen Besch\u00e4digungen, bisweilen von der Absurdit\u00e4t geplagt, er w\u00e4re einem Kriminalroman entsprungen und eines Tages st\u00fcnde ein Mann an der Ecke, w\u00fcrde ihn zu sich her winken und mit unwiderstehlicher Autorit\u00e4t sprechen: \u201eJetzt aber zur\u00fcck in deinen Krimi, Kerlchen, die Leute vermissen dich schon.\u201c Absurd, wie gesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tote hei\u00dft Wiegald und ist Schulrat. Verheiratet, kinderlos. Preussig, begleitet von Schmielke, der aber stets stumm bleibt und daher in dieser Geschichte nur der Ordnung halber erw\u00e4hnt wird, Preussig beginnt, sich ein Bild zu machen. Er verh\u00f6rt Angeh\u00f6rige, Kollegen, Untergebene und Vorgesetzte, ausgebrannte Lehrer und verwilderte Sch\u00fcler. Es fallen S\u00e4tze wie \u201eFeinde hatte er keine, hat ihn halt keiner gemocht.\u201c oder \u201eMein Mann und ich f\u00fchrten eine moderne Ehe.\u201c oder: \u201eWenn Sie den M\u00f6rder finden wollen, m\u00fcssen Sie die Frau suchen, wie das Sprichwort sagt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Marlies Wiegald, jetzt Witwe, neigt zu regelm\u00e4\u00dfigem Seitensprung; Peter Wiegald, Bruder des Toten, f\u00e4ngt seine Schw\u00e4gerin bei diesen Regelm\u00e4\u00dfigkeiten bereitwillig auf und kippt mit ihr r\u00fccklings aufs Bett; Lothar Xantner ist Schuldirektor und kein Freund des Toten gewesen; Marc und Lucas, renitente Hauptsch\u00fcler, haben mal mit einem Stein die Frontscheibe des Wiegaldschen Wagens zertr\u00fcmmert. Und so weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zuge der Ermittlungen kippt die Wirklichkeit ihre Jauche \u00fcber Preussig aus. Er macht sich Gedanken \u00fcber die Sinnhaftigkeit von Ehen, in denen L\u00fcge regiert, r\u00e4sonniert \u00fcber ein Bildungssystem, das Versager produziert, \u00fcber Lehrer und Lehrerinnen ohne Illusionen, Familien in den F\u00e4ngen des Sozialstaates, Kinder, die keine Kinder sind, Politiker, die sich einmal im Monat den aktuellen Stand ihrer Pensionen ausrechnen lassen, eine Gesellschaft, die das Falsche behauptet, wei\u00df, dass es das Falsche ist, aber auch, dass ein Aussprechen der Wahrheit noch falscher w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Preussig kennt das alles, er ist ein erfahrener Beamter. Wie so oft stellt er fest, dass die S\u00e4tze, welche am Anfang einer Ermittlung ausgesprochen werden, in deren Fortschreiten syntaktisch zerbrechen, \u201e\u2019ch wei\u00df nich\u2019, ach, Mensch, Sie k\u00f6nn\u2019 doch nich\u2019, exhopp, raus damit, schaun Se sich doch ma hier um\u201c ecetera, selten Sinn ergeben und, je weniger Sinn sie ergeben, der Wahrheit zuarbeiten, die sehr banal ist, weil sie so komplex ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Recht bald gelangt Preussig zu der Erkenntnis, Marlies Wiegald habe ihren Mann ermordet, um f\u00fcr dessen Bruder frei zu sein, was nat\u00fcrlich geleugnet wird. Er stellt ihr eine plumpe Falle (get\u00fcrkter Erpresserbrief, \u201eIch wei\u00df, dass&#8230;ich werde, wenn nicht&#8230;\u201c), aber sie tappt nicht hinein. Zwei Tage sp\u00e4ter ist sie tot und Peter Wiegald verschwunden (Bild: Ein Brieftr\u00e4ger, der ein Einschreiben zu \u00fcberbringen hat, die T\u00fcr offen findet, das Haus betritt, das Schlafzimmer, in eine Blutlache latscht. H\u00f6rt, wie hinter ihm die Haust\u00fcr ins Schloss f\u00e4llt).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wirklichkeit, siehe oben, scheint zu Gunsten einer Beziehungstat gebannt. Bis man, wieder zwei Tage sp\u00e4ter, den Schuldirektor Xantner aus dem Wasser fischt, eine Kugel im Kopf, und Preussig, eigentlich normal, den Mann an der Ecke, der ihn zu sich her winkt, wirklich zu sehen glaubt, nicht mehr nur in seinen kruden Vorstellungen. Das ist ein Kriminalroman, sagt der Mann, mach dir keine Sorgen, das wird schon. L\u00f6se den Fall und komm zur\u00fcck. Man erwartet dich auf Seite 218.<\/p>\n\n\n\n<p>Peter Wiegald wird am Flughafen Frankfurt festgenommen, als er das Land verlassen will. Er leugnet den Mord an seiner Schw\u00e4gerin, den Schuldirektor Xantner gibt er vor, gar nicht zu kennen, ja, er habe die Leiche der Schw\u00e4gerin in ihrem Schlafzimmer entdeckt, sei in Panik geraten und den Rest kenne man doch aus der einschl\u00e4gigen Literatur. Nie ist die n\u00e4chstliegende L\u00f6sung die richtige. Preussig besorgt sich einen Haftbefehl f\u00fcr Wiegald, bef\u00fcrchtet aber, dass sich der T\u00e4ter noch auf freiem Fu\u00df befindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Er verh\u00f6rt mehrere Angeh\u00f6rige des Lehrk\u00f6rpers. Er bekommt grausige Geschichten zu h\u00f6ren. Er erf\u00e4hrt, Xantner habe eine Sch\u00fclerin missbraucht, eine Freundin von Marc und Lucas, diese habe sich das Leben genommen. Er verh\u00f6rt Marc und Lucas. Diese gestehen, ja, missbraucht worden sei die und man habe zun\u00e4chst den Wiegald in Verdacht gehabt, deshalb die Frontscheibe seines Autos zertr\u00fcmmert, dann aber Xantner ins Visier genommen, aber nicht ermordet. Preussig besorgt sich einen Haftbefehl f\u00fcr Marc und Lucas, Peter Wiegald bleibt in Haft, da die Ermordung der Ehefrau Marc und Lucas nicht angelastet werden kann, sie haben kein Motiv, aber ein Alibi. Die Syntax der S\u00e4tze ist vollends zerbrochen, nicht einmal mehr Ellipsen tausche man aus, beklagt sich der nette Deutschlehrer, den Preussig vernimmt, in der Linguistik rede man auch vom Gedankenstrich, auf dem sich die rausgekotzten Silben prostituierten. Abends rekonstruiert Preussig aus den Worttr\u00fcmmern eine Art grammatischen Sinns und schreibt S\u00e4tze wie \u201ePeter Wiegald verwickelt sich in Widerspr\u00fcche, mir ist zum Kotzen, wenn ich die Wirklichkeit betrachte\u201c auf ein St\u00fcck Papier, das er niemals zu den Akten geben wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Preussig redet mit dem Staatsanwalt. Er \u00fcberzeugt ihn, sowohl Marc und Lucas als auch Peter Wiegald auf freien Fu\u00df zu setzen. Mit Hilfe einer Lehrerin (Bettina Sch\u00e4fer, 34, geschieden), in die sich Preussig inzwischen etwas verliebt hat, wird das Ger\u00fccht gestreut, Peter Wiegald habe die Sch\u00fclerin missbraucht. Marc und Lucas launern ihm auf, stehen aber unter st\u00e4ndiger Polizei\u00fcberwachung. Peter Wiegald, von den Sch\u00fclern bedr\u00e4ngt, gesteht, ja, er habe seinen Bruder, der die Sch\u00fclerin missbraucht habe, erpresst, w\u00e4hrend eines heftigen Streits ermordet, dann die Schw\u00e4gerin, welche Zeugin der Tat gewesen sei und am Ende auch den Schuldirektor, um dem Fall eine andere, gesellschaftskritische Richtung zu geben. Peter Wiegald wird verhaftet, man hat sein Gest\u00e4ndnis auf Band.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommissar Preussig sitzt, nachdem der Fall gel\u00f6st ist, abends in der Kneipe und trinkt zwei Bier. Er zahlt und geht nach Hause. Die Stra\u00dfen sind menschenleer, es ist ein Vorort, es ist Nacht, es ist kalt und es regnet. Da sieht Preussig den Mann an der Ecke. Der winkt ihn zu sich her. Preussig geht zu dem Mann. Der mit autorit\u00e4rer Stimme sagt: Jetzt reichts aber. So einen wie dich k\u00f6nnen wir in unserem Kriminalroman nicht gebrauchen. Du hast \u00fcberhaupt nichts kapiert. Du bist ein Idiot. Du bist es nicht wert, dass sich Menschen Gedanken \u00fcber dich machen. Du geh\u00f6rst nicht in die Fiktion, weil du nicht in die Wirklichkeit geh\u00f6rst, und deshalb sto\u00dfen wir dich in die Wirklichkeit zur\u00fcck. Du wirst mir niemals mehr begegnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann hat sich der Mann pl\u00f6tzlich in Luft aufgel\u00f6st. Preussig wischt sich den Schwei\u00df von der Stirn, geht nach Hause, macht sich eine Pizza hei\u00df und legt sich mit rumorendem Magen ins Bett, in dem er schl\u00e4ft, bis der Wecker klingelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder das Telefon l\u00e4utet und ihm ein neuer Fall angetragen wird.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Eigentlich mag ich keine Kurzkrimis. Sie sind meistens so kurz, dass sie schon wieder zu lang sind. Da ich aber Kriminalromane mag, gibt es jetzt einen Kurzkrimi, der &#8222;Kriminalroman&#8220; hei\u00dft. 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