{"id":17506,"date":"2007-03-05T07:41:35","date_gmt":"2007-03-05T07:41:35","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/03\/adelbert-von-chamisso-die-gauner\/"},"modified":"2022-06-10T23:56:40","modified_gmt":"2022-06-10T21:56:40","slug":"adelbert-von-chamisso-die-gauner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/03\/adelbert-von-chamisso-die-gauner\/","title":{"rendered":"Adelbert von Chamisso: Die Gauner"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Adelbert-von-Chamisso-Die-gauner.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Adelbert-von-Chamisso-Die-gauner.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-25491\" width=\"175\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Adelbert-von-Chamisso-Die-gauner.jpg 310w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Adelbert-von-Chamisso-Die-gauner-93x150.jpg 93w\" sizes=\"(max-width: 310px) 100vw, 310px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Vorgestern eingetroffen, gestern gelesen, heute rezensiert. Ein Schelm, der Chamissos \u201eDie Gauner. Galerie der pfiffigsten Schliche und Kniffe ber\u00fcchtigter Menschen\u201c f\u00fcr ein Ex-und-Hopp-Produkt h\u00e4lt. Rasch gelesen ist das B\u00e4ndchen mit seinen knapp 150 Seiten und dem gro\u00dfz\u00fcgigen Satzspiegel durchaus. Zwei St\u00fcndchen nette Kurzweil, Eintauchen ins 19. Jahrhundert, als die Behauptung, hier flie\u00dfe die Sprache, noch nicht mit D\u00fcnnpfiff zu assoziieren war.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p> Man liest sich also durch diese 36 Bildchen trickreichen Gaunertums \u2013 und fragt sich irgendwann, wieso sie uns der Autor pr\u00e4sentiert. Dass wir Heutigen sie \u00fcberhaupt zur Kenntnis nehmen k\u00f6nnen, ist ein Gl\u00fccksfall, erschienen doch die \u201eGauner\u201c 1836 in h\u00f6chst begrenzter Auflage, wurden vergessen und dem Oeuvre Chamissos gar nicht mehr zugeschlagen, bis man das lausig editierte (\u201eChammisso\u201c) B\u00e4ndchen 1989 zuf\u00e4llig wiederentdeckte. Warum also die \u201eGauner\u201c?<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu sollte man etwas \u00fcber diesen Adelbert von Chamisso (1781-1838) wissen, geb\u00fcrtiger Franzose, Romantiker, Autor des unsterblichen \u201ePeter Schlemihl\u201c, Teilnehmer einer Weltumseglung, Naturforscher, Botaniker, und diese Kombination ist ja schon einigerma\u00dfen ungew\u00f6hnlich: ein Romantiker als Erforscher von Realien.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, so ungew\u00f6hnlich nun auch wieder nicht, aber nirgendwo so dezidiert herausgearbeitet wie bei Chamisso. Sie sa\u00dfen eben nicht weltfremd auf siebten Wolken herum und raunten uns Schaurig-Sch\u00f6nes zu  \u2013 Romantik war Realismus mit anderen Mitteln, und so langsam kommen wir der Sache mit den \u201eGaunern\u201c auf die Spur.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste, was uns auff\u00e4llt: Chamisso enth\u00e4lt sich jedweden Moralisierens. Er f\u00fchrt uns seine Ganoven bei der Arbeit vor, die zwar kein ehrbares, aber doch ein Handwerk ist. Und manchmal durchaus respektabel, in der Geschichte von  Will Dudley etwa, der zun\u00e4chst Leute abzockt, dann mit ihnen am Wirtshaustisch sitzt, erz\u00e4hlt, wie er sie abgezockt hat und Wetten darauf annimmt, dass er diesen und jenen ebenfalls abzocken kann. Ein reputierliches Mitglied der Gesellschaft, dieser Will. Sp\u00e4ter wird man ihn \u2013 Chamisso erw\u00e4hnt es lapidar \u2013 zwar h\u00e4ngen, doch ohne Risiko ist eben nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann in einigen der Geschichten so etwas wie \u201eKapitalismuskritik\u201c entdecken <em>(\u201e&#8230;wenn gro\u00dfe Verbrecher geduldet werden, so kann wohl der Arme und Mangelleidende mit Recht sagen: wir m\u00fcssen auch leben, und was ist es denn f\u00fcr ein Unrecht, denen einige Guineen abzunehmen, welche die Dinger im \u00dcberflu\u00df besitzen und sie auch wohl selbst erst geraubt haben?\u201c<\/em> \u2013 gottlob gab es damals noch keine FDP-Justizminister, die \u201eGnade\u201c \u00fcben mussten), immer aber ist es die  Macht des Verstandes, das Planvolle bei der Ausf\u00fchrung von Gaunereien, was den kommenden herrschenden Menschentyp ahnen l\u00e4sst.  Chamisso, der Realist, sah sehr wohl, wohin sein Jahrhundert unbeirrbar steuerte: zur sozial verbr\u00e4mten, politisch und \u00f6konomisch sanktionierten Halunkerei.<\/p>\n\n\n\n<p>Arthur Chambers, zum Beispiel. Er betritt ein Wirtshaus, verteidigt den Diebstahl (siehe obiges Zitat), wettet sodann mit den Anwesenden, er k\u00f6nne eine Uhr stehlen, ohne dass es der Besitzer merkt, tut es, kassiert seinen Gewinn, gibt die Uhr \u2013 man ist schlie\u00dflich ein guter ehrlicher Mensch \u2013 entschuldigend zur\u00fcck und empf\u00e4ngt eine halbe Krone zur Belohnung von soviel Ehrlichkeit. Das ist, auf knappen drei Seiten!, sowohl Gesellschaftsbeschreibung (Bestehle die Leute so, dass sie dir noch dankbar daf\u00fcr sind, gebe dich sozial, um deine Asozialit\u00e4t zu kaschieren) als auch Anregung f\u00fcr den \u201eavancierten Krimi\u201c, das Verbrechen in all seinen Facetten jenseits von Gute und B\u00f6se zu beschreiben. Hammett l\u00e4sst aus der Ferne gr\u00fc\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein kleines gro\u00dfes Werk ergo, diese in feiner Gestalt ins 21. Jahrhundert hin\u00fcbergeretteten Gaunerst\u00fcckchen. Vergn\u00fcglich zu lesen, als Zustandbeschreibung und Vision gleicherma\u00dfen zu deuten, Romantik, wie sie wirklich war: aufkl\u00e4rend, ausleuchtend.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Adelbert von Chamisso: <br \/>Die Gauner. Galerie der pfiffigsten Schliche und Kniffe ger\u00fcchtigter Menschen. <br \/>Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Gerd Sch\u00e4fer. <br \/>Matthes &amp; Seitz 2007. 153 Seiten. 16,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorgestern eingetroffen, gestern gelesen, heute rezensiert. Ein Schelm, der Chamissos \u201eDie Gauner. Galerie der pfiffigsten Schliche und Kniffe ber\u00fcchtigter Menschen\u201c f\u00fcr ein Ex-und-Hopp-Produkt h\u00e4lt. Rasch gelesen ist das B\u00e4ndchen mit seinen knapp 150 Seiten und dem gro\u00dfz\u00fcgigen Satzspiegel durchaus. Zwei St\u00fcndchen nette Kurzweil, Eintauchen ins 19. Jahrhundert, als die Behauptung, hier flie\u00dfe die Sprache, noch [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17506","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17506","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17506"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17506\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17506"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17506"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17506"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}