{"id":17510,"date":"2007-03-08T07:18:25","date_gmt":"2007-03-08T07:18:25","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/03\/pablo-de-santis-die-sechste-laterne\/"},"modified":"2022-06-16T01:51:27","modified_gmt":"2022-06-15T23:51:27","slug":"pablo-de-santis-die-sechste-laterne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/03\/pablo-de-santis-die-sechste-laterne\/","title":{"rendered":"Pablo De Santis: Die sechste Laterne"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer an dieser Stelle eine Rezension von Pablo De Santis\u2019 \u201eDie sechste Laterne\u201c erwartet, wird entt\u00e4uscht. Eine Rezension ist ein Bauwerk, mit, so steht zu hoffen, tragf\u00e4higem Fundament, mehreren logisch hochgezogenen Etagen und einem Dachboden mit schiefen W\u00e4nden, auf dem gerade Platz ist f\u00fcr die Crux des Ganzen, einen euphorischen oder wohlwollenden oder vernichtenden Satz. Der aber verbietet sich hier; denn eines lehrt uns De Santis\u2019 gewiss: Setze die H\u00e4user, die du im Kopf errichtest, blo\u00df nicht in die Welt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Eines der wahrhaftigsten Bilder \u00fcber das Lesen entnehmen wir Edgar Poes \u201eDas Geheimnis um Marie Roget\u201c. Auguste Dupin kl\u00e4rt dort als prototypischer \u201earmchair detective\u201c den Fall des mysteri\u00f6sen Todes einer jungen Frau durch blo\u00dfes Studium der Presseberichte, er w\u00e4gt ab, schickt Informationen durch seine logischen Systeme, korrigiert, verwirft, kommt zu Schl\u00fcssen, stellt fest. Kurzum: Er handelt so, wie Menschen es immer tun, die ihr Lesemodell w\u00e4hrend der Lekt\u00fcre entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Lesemodelle sind architektonische Leistungen. Am Ende haben wir ein gedankliches Bauwerk errichtet, wenn auch Statik und Wohnwert der gesonderten \u00dcberpr\u00fcfung bed\u00fcrfen. Lesen wir Kriminalromane, ist das so, als schauten wir Architekten wie Dupin bei der Arbeit zu und lie\u00dfen uns von ihnen zu eigener Baut\u00e4tigkeit inspirieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Pointieren wir weiter: Alle Literatur ist Kriminalliteratur, weil alles Lesen architektonischen Regeln folgt. Mancheiner errichtet v\u00f6llig neue Bauwerke, die mit dem Ausgangsmaterial Text nichts zu tun haben; andere, die meisten wohl, halten es mit Auguste Dupin, der Texte mit Hilfe seines Intellekts bewohnbar macht und Nutzen daraus zieht. Schlechte Kriminalliteratur, diese Bemerkung muss sein, ist wie das Ausmalen von Vorlagen oder das imitierende Nachbauen von Plattenbausiedlungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fall der armen Marie Roget ist f\u00fcr Dupin zun\u00e4chst ein Konvolut diverser Nachrichten. So wie Dupin sie behandelt, haben sie lediglich Symbolcharakter, und hinter den Symbolen verbirgt sich die Wahrheit des eigentlichen, des ungeschriebenen Textes. Ihn gilt es zu entschl\u00fcsseln.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollen im folgenden De Santis\u2019 Roman in \u00e4hnlicher Weise entsymbolisieren. Nach kurzem Inhaltsabriss werden dem Leser, der sich unvermittelt in der Rolle Dupins wiederfindet, acht \u201eBerichte\u201c genannte Bausteine des Buches vorgelegt, gewisserma\u00dfen Beschreibungen des Tatorts, der Tat selbst und der darin verwickelten Personen. Danach werden wir als z\u00fcnftige armchair detectives das Ger\u00fcst eines Lesemodells bauen. Genau darum n\u00e4mlich geht es in \u201eDie sechste Laterne\u201c \u2013 und auch darum, dass der Versuch, den Text zur G\u00e4nze auslesen zu wollen, zum Scheitern verurteilt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Scheiternm\u00fcssen sollte der Leser dieser Seiten am eigenen Leib erleben, indem er, gest\u00e4rkt und gleichzeitig geblendet durch das \u201eLesemodell\u201c, De Santis\u2019 Text selbst liest. Glaubt er ihn hernach verstanden zu haben, ist entweder er gescheitert \u2013 oder das Buch. Wohlan.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie sechste Laterne\u201c f\u00fchrt uns durch das Leben des Italieners Silvio Balestri, der, von Architektur besessen, nach Amerika auswandert (in Europa w\u00fctet der Erste Weltkrieg), sich dort in einem Architektenb\u00fcro aus dem Kopistenkeller bis in die Chefetage hocharbeitet, ein Projekt namens \u201eZikkurat\u201c verwirklichen m\u00f6chte, hinter dem sich nichts Geringeres als ein neuer Turm zu Babel verbirgt, scheitert, schlie\u00dflich seine Sprache verliert, als Legende der theoretischen Architektur stirbt. Auf der \u00dcberfahrt in die Neue Welt lernt Balestri seine erste Frau kennen und heiratet sie. Nicht aus Liebe, sondern weil die Konstellation der Umst\u00e4nde nichts anderes zul\u00e4sst. Die Frau verschwindet eines Tages, taucht nach Jahren wieder auf, verschwindet abermals und wird schlie\u00dflich tot aufgefunden. Das ist, neben anderen merkw\u00fcrdigen Begebenheiten, der Kern des \u201eKriminals\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1. Bericht: ein seltsames Museum in New York City<\/strong><br \/>Bald nach seiner Ankunft in New York, unmittelbar nach einem ersten, negativ endenden Vorstellungsgespr\u00e4ch, entdeckt Balestri das Museum der Herrn Caylus. Es enth\u00e4lt ausschlie\u00dflich Modelle von Bauwerken, die nicht realisiert wurden. <em>\u201eDie Geb\u00e4ude dieser Sammlung haben eins gemeinsam: Es sind einzigartige Originale. Hier ist nur Platz f\u00fcr all jenes, was scheiterte, was vergessen wurde.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. Bericht: ein zweiter Turm zu Babel<\/strong>\u201eZikkurat\u201c, Balestris vision\u00e4res Projekt eines \u00dcber-Wolkenkratzers, bedeutet die Wiederkehr von Babel, nat\u00fcrlich. Die gro\u00dfe Sprachverwirrung, das Scheitern unmittelbarer Kommunikation als Strafe f\u00fcr den Frevel, sich mit Gott auf eine Stufe zu stellen. Dies ist die erste Interpretation, Balestri nennt sie <em>\u201edie Bestrafung des Menschen f\u00fcr seinen hybriden Ehrgeiz\u201c<\/em>. Der Architekt freundet sich zun\u00e4chst mit einer zweiten Interpretation an, der \u201elinguistischen\u201c, bei der \u201eZikkurat\u201c von <em>\u201edieser Sprachverwirrung (ausgeht), um die einzelnen Sprachen in der einen, reinen der Architektur wieder zu vereinen.\u201c <\/em>Letzlich jedoch gewinnt eine dritte Interpretation des Babel-Mythos die Oberhand: \u201eZikkurat\u201c als <em>\u201edas Bem\u00fchen, etwas zu schaffen, von dem man wusste, dass es unm\u00f6glich war, um auf der Erde eine Spur dieses utopischen Wunsches zu hinterlassen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. Bericht: ein Dichter namens Kafka<\/strong><br \/>Man muss nicht einmal wissen, dass \u201eOskar Pollak\u201c, Balestris Freund und intellektueller Widerpart der fr\u00fchen Jahre, im wirklichen Leben auch ein Freund Franz Kafkas war, um die schm\u00e4chtige und an\u00e4mische Gestalt des Prager Versicherungsmathematikers an jeder Ecke des Romans zu sichten. \u201eAmerika oder Der Verschollene\u201c, \u201eDas Schloss\u201c begleiten uns auf Schritt und Tritt, verleiten uns zu der voreiligen Feststellung, De Santis\u2019 Roman sei \u201eirgendwie kafkaesk\u201c (etwas, das immer dann behauptet wird, wenn man einen Text nicht versteht, es aber nicht zugeben m\u00f6chte). Halten wir nur fest: Ja, Kafka ist zu sehen. In welcher Funktion, das wird sich noch zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4. Bericht: das Geb\u00e4ude der Architektenfirma Moran, Morley &amp; Mactran<\/strong><br \/>Nat\u00fcrlich ganz offensichtlich \u201ekafkaesk\u201c. Hier beginnt, im Wortsinne, Balestris Aufstieg, durch eine bizarre Welt aus Intrigen und sonderbaren Kommunikationsformen, tristester Arbeit und abenteuerlicher Werksspionage.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>5. Bericht: Jack der Schornsteinfeger<\/strong><br \/>Eigentlich eine Witzfigur aus dem Radio, eine Spielzeugpuppe. <em>\u201eJack schlich sich nachts heimlich durch den Kamin zu Familien, die Probleme hatten. Sehen aber konnten ihn nur die Kinder. Nie erkl\u00e4rte er jemandem, warum er tat, was er tat, und ob er ein Au\u00dferirdischer oder ein Sterblicher war. Jack l\u00f6ste das Problem und verschwand.\u201c <\/em> Im Roman ist Jack der Schornsteinfeger der Spitzname des Boten des Clubs.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>6. Bericht: der Club<\/strong><br \/>Eines Tages sucht Jack der Schornsteinfeger Balestri auf und stellt sich als Vertreter des \u201eClubs der sechs Laternen\u201c vor. Dessen Zielsetzung erkl\u00e4rt Jack wie folgt:<br \/><em>\u201eAb einer gewissen H\u00f6he regieren wir. Egal, in welchem Land. Die Hochh\u00e4user sind bedeutsame Symbole, und wir haben daf\u00fcr zu sorgen, dass sie die richtigen Botschaften aussenden.\u201c<\/em>Balestri fragt nach: \u201eUnd was sind das f\u00fcr Botschaften?\u201c<br \/>Jack antwortet: <em>\u201eDass es keine gibt. Keine Botschaft. Keine Bedeutung. Nichts.\u201c<\/em><br \/>Jack fordert Balestri auf, nicht weiter nach der Person zu suchen, die bei Moran, Morley &amp; Mactran offensichtlich ihr Wissen auch der Konkurrenz zur Verf\u00fcgung stellt. <em>\u201eWir wollen gar nicht, dass innovatives Wissen nur einem Unternehmen geh\u00f6rt\u201c, <\/em>f\u00fchrt Jack weiter aus und: <em>\u201eUnsere wirklichen Feinde sind die Fahnentr\u00e4ger der Bedeutung.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>7. Bericht: der Name des Clubs<\/strong><br \/>Warum \u201eClub der sechs Laternen\u201c? Mactran, der wir seine beiden Gesellschafter, ebenfalls Mitglied des Clubs ist, erz\u00e4hlt, bei der Gr\u00fcndungsversammlung h\u00e4tten sieben Bronzelampen im Raum gehangen, welche an \u201eDie sieben Leuchter der Baukunst\u201c erinnerten: Opfer, Wahrheit, Macht, versinnbildlichte Sch\u00f6nheit, Leben, Ged\u00e4chtnis, Gehorsam. Es brannten aber nur sechs von diesen Laternen, die sechste brannte nicht: das Ged\u00e4chtnis. Daher der Name des Clubs. Und daher der Name des Buches: Die sechste Laterne. Oder: Das Ged\u00e4chtnis. Oder: Die Erinnerung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>8. Bericht: Kriminalroman<\/strong><br \/>Einem Liebhaber von Mord, Totschlag und der sauberen \u201eAusermittlung\u201c des Falles wird schwerlich klarzumachen sein, warum es sich bei \u201eDie sechste Laterne\u201c um einen Kriminalroman handelt, da ganz offensichtlich das Vorhaben, uns auf \u00fcbliche Genreart zu unterhalten, an seiner Unvollst\u00e4ndigkeit scheitert. Die Morde sind m\u00f6glicherweise keine Morde \u2013 ein T\u00e4ter wird nicht ermittelt \u2013 das Spionagethema verl\u00e4uft im Sande \u2013 der \u201eClub\u201c ist ein K\u00e4fig mit zahnlosen Tigern.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem Dupin alle Berichte gelesen hat, sucht er das ihnen Gemeinsame, die Basis dessen, was sich an Wohnraum in den Himmel der Erkenntnis bauen l\u00e4sst. Er wird rasch f\u00fcndig und notiert: \u201eScheitern\u201c. Das Museum des Herrn Caylus ist der Ort, an dem sich das Scheitern manifestiert, Babel Sinnbild f\u00fcr das Scheitern schlechthin. Balestri, der \u201eZikkurat\u201c unabl\u00e4ssig in seinen Gedanken erbaut, auf Papier skizziert, scheitert an der Umsetzung. Von Zikkurat zeugt nur ein riesiges Loch in der Erde, ein Loch, das niemals ein Fundament sehen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Dupin besch\u00e4ftigt sich mit Kafka, dem Allgegenw\u00e4rtigen. Ist Kafka ein Gescheiterter? F\u00fchrt ihn De Santis in die Geschichte ein, um uns genau das in seinen Anspielungen zu suggerieren? Dupin zweifelt. Kafka selbst betrachtete sich als gescheitert, er w\u00fcnschte keine postumen Ver\u00f6ffentlichungen, dieser Wunsch wurde ihm nicht erf\u00fcllt. Die Frage des Zeitpunktes. War Kafka gescheitert, als er \u201eDas Schloss\u201c in seinem Kopf hatte, es immer wie aus seinem Ged\u00e4chtnis zerrte, weiter an ihm arbeitete? Oder war Kafka gescheitert, als er \u201eDas Schloss\u201c zu Papier gebracht hatte? Oder f\u00fcrchtete er, gescheitert zu sein, wenn das \u201eSchloss\u201c ver\u00f6ffentlicht sein w\u00fcrde? \u201eZikkurat\u201c. All die sch\u00f6nen Ideen Balestris scheitern schon in dem Moment, in dem er sie in Sprache ausgie\u00dft. Als Theoretiker wird Balestri angefeindet, aber vor allem bewundert, gefeiert. Verstehen tut man ihn nicht, ganz im Gegenteil. Als Praktiker scheitert Balestri noch einmal, denn \u201eZikkurat\u201c kann nur gebaut werden, wenn es nicht gebaut wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Scheitern ist somit, denkt Dupin, nicht dem Umstand der Nichtvollendung geschuldet, sondern dem Umstand der Verwirklichung. Balestris \u201eZikkurat\u201c befindet sich in einem Zwischenreich. Nicht mehr blo\u00dfes Gedankenspiel, noch nicht in den Himmel ragendes Monument. Es ist der Zustand einer Idee zwischen ihrem blo\u00dfen Vorhandensein als Idee und ihrer (sprach-)architektonischen Verfestigung. \u201eZikkurat\u201c ist \u2013 wie Kafkas Werk \u2013 ein Gedankengebilde, das man soeben in Sprache gegossen hat, und die Sprache muss instabil sein, noch nicht erstarrt. Babel. In Babel verwirrte sich die Sprache, als man sie in einem Turm manifestierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gesch\u00e4ftsgeb\u00e4ude von Moran, Morley &amp; Mactran ist ein solcher babylonischer Turm, in dem Sprache, so sie einmal fest geworden, man mit ihr kommuniziert, nur noch f\u00fcr Verwirrung sorgt. Das Gesch\u00e4ft indes, die Realisierung von Ideen, funktioniert, die Firma floriert, denn das ist die raue Wirklichkeit. Der Mensch profitiert immer nur vom Scheitern seiner Ideen und verhungert, wenn sie nicht scheitern. In diesem Geb\u00e4ude nun sehen wir Franz Kafka umherirren, es ist nicht \u201edas Schloss\u201c aus seinem gleichnamigen Roman, es ist dieser Roman als Verwirklichung von Ideen selbst. Kafka ist postum gescheitert, weil seine Sprache zu Schrift erstarrt ist, seine Ideen zu Wirklichkeit, zu Produkten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dupin fasst vorl\u00e4ufig zusammen. Pablo De Santis erz\u00e4hlt in \u201eDie sechste Laterne\u201c von jenem merkw\u00fcrdigen Schwebezustand zwischen den Ideen im Kopf und den Ideen in Stein und auf Papier. Er betrachtet seinen Helden, entgegen der landl\u00e4ufigen Meinung, nicht deshalb als gescheitert, weil er seine Ideen nicht verwirklicht. Balestri ist ein Opfer des Manifesten, des Deutbaren, das, weil es deutbar geworden ist, seine Bedeutung verloren hat. Jetzt widmet sich Dupin dem \u201eClub der sechs Laternen\u201c und erinnert sich, dass dieser alle Bedeutung leugnet. Aber warum? Weil, als man den Club gr\u00fcndete, etwas fehlte: die Erinnerung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erinnerung, folgert Dupin, ist der Zustand des Unfertigen. An den Eiffelturm kann man sich nicht erinnern, weil es ihn als Monument gibt. An Kafkas \u201eSchloss\u201c ebenso wenig, es liegt in jeder Buchhandlung aus. Erinnerung ist der Zustand, in dem die Worte, die man den Ideen \u00fcbersch\u00fcttet, wenn sie noch im Kopf sind, noch ihre Vieldeutigkeit bewahrt haben. Weil jedes Sicherinnern nichts weiter ist als das Modellieren an den Gedanken, ein st\u00e4ndiger, niemals abgeschlossener Prozess, nichts, was sich \u2013 wie der Eiffelturm, wie Kafkas Werk \u2013 einfach so besichtigen und bewohnen lie\u00dfe, indem man es betritt.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeder literarische Text, schlie\u00dft Dupin, ist, wie alle Architektur, ein Bauwerk, das man in seine eigenen Erinnerungen ziehen muss, um ihm Bedeutung zu verleihen. Was dabei herauskommen kann, hat Modellcharakter und ist fl\u00fcchtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Dupin erinnert sich darin, ein Detektiv zu sein, dem es um die Aufkl\u00e4rung von Verbrechen zu tun ist, und pl\u00f6tzlich wei\u00df er, dass die Aufkl\u00e4rung von Verbrechen und das Erstarren von Sprache eins sind: Scheitern. Sobald er die Verbrechen, die in \u201eDie sechste Laterne\u201c zur Sprache kommen, aufkl\u00e4rt, hat er das fl\u00fcchtige Modell, als das De Santis diese Verbrechen vorweist, unzul\u00e4ssig manifestiert. Wenn er Balestri des Mordes an seiner Frau bezichtigt (oder Caylus; Dupin pl\u00e4diert eher f\u00fcr Caylus), hat er die Idee des Romans verraten. Er hat einen Turm gebaut, der f\u00fcr die Unm\u00f6glichkeit einer L\u00f6sung steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dupin ketzert: Kriminalromanen, die mit L\u00f6sungen aufwarten, fehlt die Erinnerung. Sie sind gescheitert, weil sie von der Wirklichkeit drau\u00dfen f\u00fcr gelungen gehalten, f\u00fcr abgeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dupin legt schnell den Stift aus der Hand: Er muss jetzt aufh\u00f6ren, solange seine Idee von \u201eDie sechste Laterne\u201c sich noch wie frisch in die Form gegossener Beton bearbeiten l\u00e4sst. Er muss seine Idee zu einem Teil der Erinnerung machen, so wie Kafkas nachgelassene Werke in Kafka ruhen, weil sie f\u00fcr ihn nicht Buch geworden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachschrift: Die Geschichte, die Edgar Poe in \u201eMarie Roget\u201c erz\u00e4hlt, basiert auf einem authentischen Fall, der zum Zeitpunkt der Niederschrift noch ungel\u00f6st war. Poe lie\u00df Dupin den Fall l\u00f6sen, Dupin war erfolgreich \u2013 die Wirklichkeit jedoch sah anders aus, dort war nicht der von Dupin \u00fcberf\u00fchrte geheime Liebhaber der M\u00f6rder, nein, Marie Roget, die in Wirklichkeit Marie Rogers hie\u00df, starb an den Folgen einer Abtreibung. Ihr Schicksal war, als sich Dupin damit besch\u00e4ftigte, eine Idee, und diese Idee starb in dem Moment, als ihr Schicksal Wirklichkeit war.<\/p>\n\n\n\n<p>Lesen, erkennen wir, ist das Zerst\u00f6ren von erstarrter Sprache. Die R\u00fcckverwandlung von faktischer Wirklichkeit zu Ideen, die wir im Ged\u00e4chtnis behalten, um uns immer wieder aufs Neue an sie zu erinnern. Bis die T\u00fcrme des Faktischen unter ihrem Eigengewicht eingest\u00fcrzt sind und nur noch als labile Modelle des Unvollendbaren in uns existieren.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Pablo De Santis: Die sechste Laterne. <br \/>Unionsverlag 2007 <br \/>(Original: \u201eLa sexte l\u00e1mpera\u201c, deutsch von Claudia Wuttke). <br \/>247 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer an dieser Stelle eine Rezension von Pablo De Santis\u2019 \u201eDie sechste Laterne\u201c erwartet, wird entt\u00e4uscht. Eine Rezension ist ein Bauwerk, mit, so steht zu hoffen, tragf\u00e4higem Fundament, mehreren logisch hochgezogenen Etagen und einem Dachboden mit schiefen W\u00e4nden, auf dem gerade Platz ist f\u00fcr die Crux des Ganzen, einen euphorischen oder wohlwollenden oder vernichtenden Satz. 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