{"id":17512,"date":"2007-03-12T07:39:13","date_gmt":"2007-03-12T07:39:13","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/03\/helga-riedel-einer-muss-tot\/"},"modified":"2022-06-06T22:17:41","modified_gmt":"2022-06-06T20:17:41","slug":"helga-riedel-einer-muss-tot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/03\/helga-riedel-einer-muss-tot\/","title":{"rendered":"Helga Riedel: Einer mu\u00df tot"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/buchkiste_riedel.jpg\" alt=\"buchkiste_riedel.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Man kann den deutschen sogenannten Soziokrimi als eine notwendige Sondierung der Genrem\u00f6glichkeiten historisch einordnen, initiiert von den schwedischen Vorbildern Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6, Reflex auch des allgemeinen Zeitgeistes (links, gesellschaftskritisch, an Soziologie interessiert), spannungsm\u00e4\u00dfig im Nanobereich, sprachlich von einer bisweilen kaum noch zu ertragenden H\u00f6lzern-, ja Albernheit. Auf den ersten Blick passt Helga Riedels Deb\u00fctkrimi von 1983 perfekt in dieses Muster. Auf den zweiten offenbart er sich als die Zerst\u00f6rung dieses Musters mit seinen eigenen Mitteln.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Geschichte, in wenige S\u00e4tze gedr\u00e4ngt: Anna Wildenbruch, 41 und gelernte Lehrerin, leidet am Helfersyndrom typischer achtziger-Jahre-Gutmenschen. Sie hat Mitleid mit einigen Asylbewerbern, die es aufs schleswigholsteinische Land verschlagen hat, ohne Arbeit, ohne Sprach- und Kulturkenntnisse. Sie entschlie\u00dft sich, zwei T\u00fcrken Deutschunterricht zu erteilen, lernt einen dritten kennen, Achmet, man schl\u00e4ft miteinander, doch irgendwie verliert Anna die Kontrolle \u00fcber die Situation, ganz so sehr \u201einvolvieren\u201c wollte sie sich eigentlich nicht \u2013 zu sp\u00e4t. Anna und Achmet heiraten, Anna hasst Achmet pl\u00f6tzlich, Achmet wird erschlagen, Anna gesteht die Tat, ihr Freund Broder, versoffener und zynischer Journalist, gesteht sie ebenso. Wer wars? Uninteressant, ungekl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Clou dabei ist nun, dass Riedel in der Figur der Anna s\u00e4mtliche Widerspr\u00fcche der Zeit und ihres Engagements b\u00fcndelt. Sie, die eigentlich \u201enur in der Sprache wirklich zu Hause\u201c, sprich reichlich naiv und weltfremd ist, verk\u00f6rpert die inzwischen legend\u00e4re Studienr\u00e4tin, die sich in einer \u201eFrauengruppe\u201c einige Asylbewerber vorf\u00fchren l\u00e4sst und entscheidet, sie mittels Sprachunterricht \u201ezu integrieren\u201c. F\u00fcr die Menschen interessiert sie sich nicht wirklich. Das Engagement ist ein Reflex auf den dernier cry der geistig-politischen Ausrichtung und dient der eigenen \u201eSelbstfindung\u201c, f\u00fcllt die Leere eines ereignislosen Lebens und von aufgeschnappten Floskeln nur notd\u00fcrftig durchbluteten Gehirns.<\/p>\n\n\n\n<p>Das v\u00f6llig Eigene von \u201eEiner mu\u00df tot\u201c ergibt sich aus seinen Formalien. Im ersten Kapitel lernen wir Anna aus der Perspektive des namenlosen Kommissars, der sie verh\u00f6rt, kennen. Er stilisiert sie beinahe zu einer Heiligen, zu einem sensiblen, \u00e4therischen Wesen, das nicht l\u00fcgen kann. Die Geschichte Annas und Achmets wird in soziologisch erl\u00e4uternder Sprache erz\u00e4hlt, doch weil sich Inhalt und Sprachgestus so offensichtlich konterkarieren, stellt das eine das andere blo\u00df. Die Sprache selbst diskreditiert Anna, die Engagierte, zur Spie\u00dferin, die mit ihren eigenen Attit\u00fcden nicht zurecht kommt und letztlich daran zerbricht. Und so wie Anna charakterisiert wird in ihrem politisch korrekten Analysieren, diskreditiert sie die Sprache des \u201eSoziokrimis\u201c. Das Ganze ist in jeder Hinsicht angemessen, an entscheidenden Stellen ins Parodistische abschweifend, die Sprache wird zum Gegenstand der Handlung, verk\u00f6rpert sie doch das ganze Elend einer moralisch rigiden, letzlich aber eben doch zutiefst egoistischen Geisteshaltung.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit \u201eEiner mu\u00df tot\u201c deb\u00fctierte Riedel in der legend\u00e4ren \u201erororo-thriller\u201c-Reihe (wo also, entgegen einer weiteren Legende, Irene Rodrian doch nicht so ganz allein unter M\u00e4nnern war), zwei weitere Krimis folgten (\u201eWiederg\u00e4nger\u201c, 1984 und \u201eAusgesetzt\u201c, 1985, beide 1985 mit dem \u201eDeutschen Krimipreis\u201c ausgezeichnet) \u2013 und dann war Schluss. Nach einem schweren Unfall verstummte Helga Riedel, \u00fcber ihr weiteres Schicksal ist \u00f6ffentlich nichts bekannt. Sehr betr\u00fcblich.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Helga Riedel: Einer mu\u00df tot. <br \/>Reinbek bei Hamburg 1983. 156 Seiten<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann den deutschen sogenannten Soziokrimi als eine notwendige Sondierung der Genrem\u00f6glichkeiten historisch einordnen, initiiert von den schwedischen Vorbildern Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6, Reflex auch des allgemeinen Zeitgeistes (links, gesellschaftskritisch, an Soziologie interessiert), spannungsm\u00e4\u00dfig im Nanobereich, sprachlich von einer bisweilen kaum noch zu ertragenden H\u00f6lzern-, ja Albernheit. 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