{"id":17518,"date":"2007-03-15T07:19:27","date_gmt":"2007-03-15T07:19:27","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/03\/michael-gruber-das-totenfeld\/"},"modified":"2022-06-05T23:39:23","modified_gmt":"2022-06-05T21:39:23","slug":"michael-gruber-das-totenfeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/03\/michael-gruber-das-totenfeld\/","title":{"rendered":"Michael Gruber: Das Totenfeld"},"content":{"rendered":"\n<p>Gro\u00dfartiges Buch. Wohl hat man es w\u00e4hrend der Lekt\u00fcre mehrmals gegen die Wand geworfen. Ist aber immer wieder reum\u00fctig aufgestanden, hat es aufgehoben, abgestaubt und weitergelesen.<br \/>Tatort Miami. Der sudanesische Erd\u00f6lh\u00e4ndler Jassir al-Muwalid st\u00fcrzt aus dem Fenster eines Hotels in die Eisenspitzen eines Zauns. Im Zimmer des Toten findet Ermittler Jimmy Paz die junge Emmylou Dideroff vor, vieles deutet auf sie als T\u00e4terin hin, doch sie selbst scheint geistig verwirrt und hat Heiligenerscheinungen. Auch die Psychologin Lorna Wise, die Emmylous Geisteszustand untersuchen soll, wird mehr in den Fall verwickelt, als ihr lieb ist. W\u00e4hrend Paz allm\u00e4hlich an der Schuld Dideroffs zweifelt, geheimdienstlichen Aktivit\u00e4ten auf die Spur kommt und selbst ins Visier h\u00f6herer M\u00e4chte ger\u00e4t, schreibt die komische Heilige Emmylou ihren ebenso ausf\u00fchrlichen wie bizarren Lebenslauf.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Gruber entwickelt seine Geschichte alternierend aus den Perspektiven der drei ProtagonistInen. Ein \u00fcbliches Verfahren, doch kultiviert Gruber diese Technik mit dem n\u00f6tigen Respekt vor ihren M\u00f6glichkeiten. Jede der drei Sichtweisen hat ihre eigene Sprache. Paz, eine unausgegorene Mischung aus Macho und Mutters\u00f6hnchen, wird uns mit seinem Tun und Denken in der Vergangenheitsform geschildert, Wise, wissenschaftsgl\u00e4ubig und hypochondrisch, dagegen im direkten Pr\u00e4sens. Beide in der 3. Person Singular, nur Emmylou Dideroff, die ja ihr Leben aufschreibt, redet als \u201eIch\u201c. Das ergibt drei Sprachebenen, die sich, je verwickelter die Geschichte wird, als \u00e4u\u00dferst hilfreich erweisen, denn jede von ihnen charakterisiert die Personen \u00fcber das Mitgeteilte hinaus und relativiert gleichzeitig diese Informationen.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders wichtig wird dies bei Emmylous Geschichte. Sie ist \u2013 und hier wird das Buch erstmals gegen die Wand geworfen \u2013 v\u00f6llig unglaubw\u00fcrdig und so abgehoben, dass es fast schon harmlos wirkt. Wir erfahren Schreckliches aus ihrer Jugend (der vergewaltigende Stiefvater, die lieblose Mutter, der kleindealende Freund, das bigotte Kleinstadtmilieu), werden Zeugen quasi im Vor\u00fcbergehen ver\u00fcbter Verbrechen Emmylous, begleiten sie in eine obskure Siedlung amerikanischer Nazis und Waffenh\u00e4ndler, auf den Babystrich, schlie\u00dflich in die Obhut der \u201eGemeinschaft der Schwestern vom Blute Christi\u201c, eines im 19. Jahrhundert in Frankreich gegr\u00fcndeten Nonnenordens, der seine Mitglieder in die Kriegsgebiete schickt und daher gro\u00dfe Opfer in Kauf nehmen muss. Jedem Kapitel des Romans ist ein Ausschnitt aus der Geschichte dieses Ordens vorangestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam erhellt sich aus Emmylous Erinnerungen ihr Verh\u00e4ltnis zum get\u00f6teten Sudanesen. Die Nonne machte im Sudan eine vom Milit\u00e4r terrorisierte ethnische Minderheit wehrhaft und zog mit ihr erfolgreich in den Krieg gegen die Peiniger. Dass sie dabei Kenntnis von riesigen Erd\u00f6lvorkommen erhielt, r\u00fcckte sie in den Fokus des zwielichtigen und brutalen al-Muwalid. Er nahm sie gefangen, folterte sie, doch Emmylou konnte fliehen \u2013 und in Miami trifft man sich wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch diese Schilderungen erscheinen zun\u00e4chst \u00e4rgerlich, weil v\u00f6llig \u00fcberzogen. Emmylous Kampf gegen das sudanesische Milit\u00e4r wird wie eine heiliger, von \u00fcbernat\u00fcrlichen Kr\u00e4ften initiierter Kreuzzug geschildert, fast glaubt man die englischen Posaunen zu h\u00f6ren, das Ganze kippt bedenklich in Richtung billige Groteske. Noch mal an die Wand, den Schmarren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Geschichte von Paz und Wise, die sich im Verlauf der Handlung n\u00e4herkommen, wendet sich bedenklich ins Spirituelle. Voodoo und andere karibische Zaubertricks werden ausgiebig geschildert, f\u00fcr die Handlung, scheint es, ohne Belang. Die steuert zielstrebig zum gro\u00dfen Showdown und ins zuckers\u00fc\u00dfe Happyend.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch man wirft das Buch schon l\u00e4ngst nicht mehr gegen die Wand. Die penetrant \u00fcber die Schrecken der Wirklichkeit geworfenen Trostt\u00fccher aus Religion und Aberglauben machen Sinn, sie verdecken wohl die Einzelheiten des Grauens, konturieren es aber daf\u00fcr umso mehr in seiner Gesamtheit. Die Wirklichkeit, sagt uns Gruber, ist so unertr\u00e4glich, dass man sie auf Gut und B\u00f6se reduzieren muss. Religion tut genau das. Sie l\u00e4sst uns \u00fcberleben, indem sie die Realit\u00e4t ins \u00dcberschau- und Erkl\u00e4rbare, eben ins Harmlose verzerrt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas Totenfeld\u201c ist ein spannender, sprachlich und kompositorisch erheblich \u00fcber dem Durchschnitt rangierender Roman, der nicht vereinfacht, aber aufzeigt, wie abh\u00e4ngig wir von simplen Strickmustern des Welterkl\u00e4rens sind. Am Ende ist alles Illusion, so wie das windelweiche Gl\u00fcck von Paz und Wise. Das ist nicht tr\u00f6stlich. Es ist ein l\u00e4cherlicher und existentieller Kampf gegen die Verzweiflung.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Michael Gruber: Das Totenfeld. <br \/>Zsolnay 2007 (Original: \u201eValley of Bones\u201c, 2005, deutsch von Silvia Morawetz). <br \/>557 Seiten. 24,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gro\u00dfartiges Buch. Wohl hat man es w\u00e4hrend der Lekt\u00fcre mehrmals gegen die Wand geworfen. Ist aber immer wieder reum\u00fctig aufgestanden, hat es aufgehoben, abgestaubt und weitergelesen.Tatort Miami. Der sudanesische Erd\u00f6lh\u00e4ndler Jassir al-Muwalid st\u00fcrzt aus dem Fenster eines Hotels in die Eisenspitzen eines Zauns. 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