{"id":17521,"date":"2007-03-16T07:18:03","date_gmt":"2007-03-16T07:18:03","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/03\/unkritische-ausgabe\/"},"modified":"2022-06-05T14:29:53","modified_gmt":"2022-06-05T12:29:53","slug":"unkritische-ausgabe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/03\/unkritische-ausgabe\/","title":{"rendered":"Unkritische Ausgabe"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/krA.jpg\" alt=\"krA.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Krimi und Germanistik, das ist schon eine traurige Beziehung. Zu sagen haben sich die beiden Partner wenig. Spricht der Krimi, versteht ihn die Germanistik nicht, kommt die Germanistik ins Plaudern, h\u00e4lt sich der Krimi entsetzt die Ohren zu. Ganz schlimm wird es, wenn die Germanistik ihre ehelichen Pflichten zu erf\u00fcllen trachtet. Denn auch Krimis sind Literatur, sorry, und ab und an sollte man sie schon in der Missionarsstellung begl\u00fccken. Mit Fruchtbarkeit ist eh kaum zu rechnen, wie das Winterheft 2006\/07 der \u201eKritischen Ausgabe\u201c mit dem Schwerpunkt \u201eVerbrechen\u201c abschreckend zeigt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Bereits der einf\u00fchrende Aufsatz von Ingo Piess, der uns den Krimi als <em>\u201eein herrlich niederes Bed\u00fcrfnis\u201c<\/em> schmackhaft machen will, b\u00fcndelt das komplette germanistische Elend. Die <em>\u201ekrimiverschlingende Masse\u201c<\/em>, expliziert Piess k\u00fchn, setze sich aus <em>\u201eAngeh\u00f6rigen des Mittelstandes in eher langweiligem, aber eben gesichertem Berufsleben\u201c<\/em> zusammen. Als einzigen Beleg f\u00fcr diese putzige These pr\u00e4sentiert Piess ein Zitat von &#8211; Ernst Bloch. Aktueller geht es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im weiteren serviert der Autor die bekannte Melange aus oberfl\u00e4chlicher Genretypologie (\u201eAction Novel\u201c und R\u00e4tselroman, mehr scheint es hier nicht zu geben) und in ihrer Ahnungslosigkeit geradezu waghalsige Erkenntnisse: <em>\u201eDer Detektiv agiert nicht nur wegen seiner tollen Eigenschaften, sonden auch wegen seiner totalen Unabh\u00e4ngigkeit von \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen v\u00f6llig lebensfern.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Lebensfern; genau. Wer derma\u00dfen anachronistisch verallgemeinert, f\u00e4nde sich in einem Agatha-Christie-Forum gut aufgehoben, ist in einer \u201ewissenschaftlichen Publikation\u201c aber fehl am Platze.<\/p>\n\n\n\n<p>Als \u201egute Krimis\u201c lobt Piess <em>\u201eden psychologischen bzw. gesellschaftskritischen Krimi\u201c. <\/em>Und, man ist schlie\u00dflich Kenner, nennt Namen: <em>\u201eDostojewskis Schuld und S\u00fchne, Capotes Kaltbl\u00fctig und Handcarved Coffins (&#8230;) sowie Fontanes Unterm Birnbaum.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Soll man nun lachen? Nein, dazu ist die ganze Chose denn doch zu traurig. Am Ende seines \u201eEssays\u201c pl\u00e4diert Piess n\u00e4mlich f\u00fcr den status quo in Sachen Krimiregeln, keine Experimente also, denn: <em>\u201eW\u00fcrde man versuchen, diese Regeln zu durchbrechen, w\u00fcrde man dem Krimi eine Kunstfertigkeit aufb\u00fcrden, die er nicht braucht. Das Triviale ist diesem Genre einfach angemessener.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist die Arroganz eines \u201eWissenschaftlers\u201c, der seine eigene Kunstfertigkeit nicht an den Krimi zu verschwenden gedenkt und folglich sehr trivial vor sich hin schwadroniert. Wozu Krimis lesen, wenn man dar\u00fcber schreiben kann? Ein wenig Elizabeth George zitiert, auch mal Jacques Berndorf namentlich erw\u00e4hnt, ansonsten wie \u00fcblich die theoretischen Standardwerke von Alewyn \u00fcber Nusser bis Van Dine quergelesen \u2013 \u201eWissenschaft\u201c, wie man sie h\u00f6chstens unteren Semestern gn\u00e4dig durchgehen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das \u00c4rgerliche nimmt kein Ende. Es folgt das erste aus einer Reihe von kurzen Interviews, das Opfer hei\u00dft hier Norbert Horst, und der d\u00fcrfte sich mehrfach die Frage gestellt haben, wer ihm da die Fragen stellt. Wirklich eine Redakteurin der \u201eKritischen Ausgabe\u201c, oder doch die freie Mitarbeiterin einer xbeliebigen Illustrierten? Wie sind Sie zum Krimi gekommen&#8230;wessen Krimis lesen Sie selbst gerne&#8230;kein Wort \u00fcber die Sprache Norbert Horsts, w\u00e4re ja auch noch sch\u00f6ner in einer \u201eZeitschrift f\u00fcr Germanistik und Literatur\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00fcrzen wir ab. So ziemlich alles in diesem \u201eSchwerpunkt Verbrechen\u201c ist, wenn es um \u201eKrimi\u201c geht, kenntnislos, desinteressiert und wahllos zusammengeschustert. Die ebenfalls in diesen Schwerpunkt gepackten Aufs\u00e4tze \u00fcber Toni Morrison, Orwells \u201e1984\u201c oder \u201eDie Geschichte der Pornografie\u201c nehme ich von meiner Kritik aus, sie interessieren mich an dieser Stelle nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Friedrich D\u00fcrrenmatts Kriminalromane werden aus <em>\u201esystemtheoretischer Sicht\u201c <\/em>gesehen, denn, wir h\u00e4tten es nicht vermutet,<em> \u201eD\u00fcrrenmatts OEuvre ist interpretationsf\u00e4hig und interpretationsbed\u00fcrftig\u201c<\/em> und, conclusio drei Seiten sp\u00e4ter, <em>\u201eD\u00fcrrenmatts Kriminalgeschichten sind also (&#8230;) systemtheoretisch dechiffrierbar, und zwar als Sozial- wie auch Symbolsystem.\u201c <\/em>Das ist jeder Einkaufszettel auch, nebenbei. Der Autor Oliver Ruf <em>(\u201elehrt in Trier Neuere deutsche Literaturwissenschaft\u201c) <\/em>setzt noch eins drauf: <em>\u201eD\u00fcrrenmatt vollzieht dabei die \u00dcberwindung des klassischen Kriminalromans (&#8230;)\u201c<\/em>. Auf welcher Grundlage diese Erkenntnis beruht, bleibt auch hier im Dunkeln. \u00dcber Kriminalliteratur, ob klassisch oder nicht, erfahren wir n\u00e4mlich nichts, es wird starkgeb\u00e4rdig behauptet, ein Bezugssystem ist nicht in Sicht, wie auch. Dazu m\u00fcsste der Autor schlie\u00dflich Krimis gelesen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Wiedergabe des Offensichtlichen ist Stephan Mawick zufrieden, der <em>\u201eRollenkonflikte in Astrid Paprottas Roman \u201aMimikry\u2019\u201c <\/em>untersucht. Was er feststellt, ist ja nicht verkehrt, wenn man die simplen Fakten m\u00fchsam aus den teilweise bizarr m\u00e4andernden S\u00e4tzen destilliert hat. Ja, Birgit \u201eBiggi\u201c Benz identifiziert sich ir-gend-wie mit Kommissarin Ina Henkel. Und? Wenigstens <em>\u201e\u00fcberrascht die Ermittlerin Ina Henkel den Rezipienten durch ihre psychische wie physische Verletzlichkeit\u201c<\/em>. \u00dcberrascht? Wir stellen uns Herrn Mawick vor, wie er eine B\u00e4ckerei betritt und dort v\u00f6llig \u00fcberraschenderweise Brot kaufen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Genug. Weder m\u00f6chte ich so genau wissen, <em>\u201edass der Krimi eigentlich von der Grausamkeit und Gewaltt\u00e4tigkeit der Sexualit\u00e4t spricht\u201c<\/em>, noch ob der interviewte Kriminalbiologe <em>\u201eAngst vor dem Tod\u201c<\/em> hat oder der Verfasser von Leverkusen-Krimis <em>\u201eder Markt ist ges\u00e4ttigt\u201c<\/em> klagt. Ich bin bedient. \u00dcberreich beschenkt mit einer Ladung aus fundiertem Nichtwissen, beinahe schon fach\u00fcblicher Arroganz und Ignoranz sowie, es stand zu bef\u00fcrchten, jener aufgedunsenen Sprachh\u00fclsigkeit einer Seminargermanistik, die das desavouiert, was sie doch eigentlich mit ihrer Arbeit f\u00f6rdern sollte: Sprache und Literatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, ich werfe jetzt nicht s\u00e4mtliche germanistische Besch\u00e4ftigung mit Kriminalliteratur in einen Topf. Es gibt Anzeichen f\u00fcr eine ernsthafte und unvoreingenommene Arbeit mit dem Genre, das ist wichtig und sch\u00f6n. Anstrengungen wie die der \u201eKritischen Ausgabe\u201c jedoch sind ein R\u00fcckfall in alte Zeiten einer St\u00e4ndegermanistik, die sich ausschlie\u00dflich dem literarischen Adel mit Ernst widmete, einem Adel, den sie, versteht sich, selbst geschaffen hatte. Daher zum Schluss ein paar W\u00fcnsche an die Zunft:<\/p>\n\n\n\n<p>1. Bitte, lest m\u00f6glichst viele Kriminalromane, bevor ihr \u00fcber Kriminalliteratur schreibt! Lest querbeet, lest nicht nur die \u201edeutschen Klassiker von ETA Hoffmann bis Fontane\u201c!<br \/>2. Scheut euch nicht vor dem \u201eTrivialen\u201c! Auch h\u00f6here Literatur enth\u00e4lt Elemente des Trivialen, das ist nicht verwerflich, nein, das ist Literatur.<br \/>3. Ersetzt die Sprache, in der ihr eure Leistungsnachweise von der Proseminararbeit \u00fcber den M.A. bis zum Dr. phil angefertigt habt, endlich durch eine andere, exaktere, weniger im Bedeutungsschwangeren und Hohlerdigen herumstochernde! Nicht nur die Leser werden es euch danken, auch die AutorInnen, \u00fcber die ihr schreibt.<br \/>4. \u00dcbernehmt nicht gedankenlos die Genretypologien fr\u00fcherer Forschergenerationen! Es gibt inzwischen mehr als \u201eDetektivgeschichte\u201c und \u201eR\u00e4tselkrimi\u201c! Lest unvoreingenommen! Staunt!<br \/>5. Besch\u00e4ftigt euch ernsthaft mit der Geschichte der (nicht nur deutschsprachigen) Kriminalliteratur. Hier findet ihr ein fruchtbares Feld, das beackert werden muss, bevor man irgendwelche \u201eSystemtheorien\u201c in die Landschaft setzt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Kritische Ausgabe. Zeitschrift f\u00fcr Germanistik und Literatur. \n10. Jahrgang, Winter 2006\/07. 166 Seiten. 3,50 \u20ac \n(\u2192<a href=\"http:\/\/kritische-ausgabe.de\/\">hier<\/a> zu beziehen)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krimi und Germanistik, das ist schon eine traurige Beziehung. Zu sagen haben sich die beiden Partner wenig. Spricht der Krimi, versteht ihn die Germanistik nicht, kommt die Germanistik ins Plaudern, h\u00e4lt sich der Krimi entsetzt die Ohren zu. Ganz schlimm wird es, wenn die Germanistik ihre ehelichen Pflichten zu erf\u00fcllen trachtet. 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