{"id":17527,"date":"2011-09-19T09:30:11","date_gmt":"2011-09-19T09:30:11","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/09\/was-ist-krimi-zettelwirtschaft-1\/"},"modified":"2022-06-16T01:43:23","modified_gmt":"2022-06-15T23:43:23","slug":"was-ist-krimi-zettelwirtschaft-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/09\/was-ist-krimi-zettelwirtschaft-1\/","title":{"rendered":"Was ist Krimi? Zettelwirtschaft 1"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Man verzettelt so vor sich hin. Zettel f\u00fcr Zettel auf Facebook, ab jetzt auch geb\u00fcndelt im Blog. Voil\u00e0, der erste Packen Notizen, Ged\u00e4chtnisst\u00fctzen f\u00fcr den Autor, Korsett des Anfangs. <\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Zettel 1:<\/strong> Am Anfang steht nicht der Inhalt, sondern die Form. Aus &#8222;Verbrechensliteratur&#8220; wird &#8222;Spannungsliteratur&#8220;, ein Reflex auf den sich konstituierenden Markt, der seinerseits ein Reflex auf die gesellschaftlichen Bedingungen ist. Es beginnt mit MORAL und endet mit KREUZWORTR\u00c4TSEL. Spannend, diese Entwicklung an ausgew\u00e4hlten, aber nicht willk\u00fcrlichen Beispielen nachzuvollziehen<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 2:<\/strong> Erstes Kapitel: Wie der Krimi die Verwerfungen und dialektischen Labyrinthe des 19. Jahrhunderts widerspiegelt und ertr\u00e4glich macht. \u2192<a href=\"http:\/\/krimikulturarchiv.wordpress.com\/2009\/07\/01\/dieter-paul-rudolph-poes-jahrhundert\/\">Referenztext <\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Gleich also ein harter Brocken. Das Bild im Kopf: Poes Auguste Dupin liest die Zeitung und verwandelt die Illusion eines Mediums in die Illusion eines anderen Mediums<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 3:<\/strong> Die historische Linie der Entwicklung von Krimi als Inszenierungen eines Krimis. Das Heute als eine Kakophonie von NOIRs, die auf verschiedenen B\u00fchnen zur gleichen Zeit inszeniert werden, eigenen Gesetzen folgen und doch einander bedingen, beeinflussen etc., nach einer Synchronisation schreien (Wie l\u00f6sen wir die Eurokrise, wie b\u00e4ndigen wir das Bankenwesen, wie reagieren wir auf die Riots und Proteste?), nach dem ewigen und tr\u00f6stlichen Gut und B\u00f6se, dem allm\u00e4chtigen Sherlock Holmes. Glanz und Elend von Kriminalliteratur eben: Trivialisierung bedeutet Beherrschung, indem man die \u00c4ngste der Deduktionsmaschine \u00fcberantwortet. Heute haben wir eine Reihe von WHODUNITs (wer ist schuld?), die immer auf uns selbst als T\u00e4ter zur\u00fcckweisen. R\u00fcckgriff auf die Anf\u00e4nge. \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/06\/crime-school-das-partywissen-4.php\">Dieser Text von 2007 <\/a>m\u00fcsste eingebunden werden, siehe Poe und sein 19. Jahrhundert, siehe Gut und B\u00f6se.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 4:<\/strong> Ein Text \u00fcber Kriminalliteratur ist eine Bildergalerie. Das erste: Dupin sitzt in seinem Zimmer und liest die Zeitungen, die \u00fcber den Mord an Marie Roget berichten. Das zweite, passend zum heutigen Datum: Ein Flugzeug knallt in einen Turm, riesiger Feuerball, Ahs und Ohs aus dem Off. Die Erfindung des Krimis als Gedankenspiel und die Erfindung der Wirklichkeit aus dem Gedankenspiel Krimi heraus. Etwas wird vollendet, indem es in seinen Ursprung zur\u00fcckl\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist unsinnig, zwischen Wirklichkeit und Literatur unterscheiden zu wollen. Beide werden erschaffen und formuliert, gelesen und ausgelegt. Eine nicht wahrgenommene Wirklichkeit existiert ebenso wenig wie ein ungelesenes Buch. Der 11.09.2001 ist ein Kriminalroman, den man seit Jahren rezensiert. Poes &#8222;Marie Roget&#8220; eine Wirklichkeit, die von A. Dupin erschaffen wurde, indem er las.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht um SINN als mathematische Gr\u00f6\u00dfe. Berechenbar, formelhaft. Krimi ist Mathematik, Mathematik ist der verzweifelte Versuch, eine Geisteswissenschaft zu einer Naturwissenschaft zu machen. Nur weil PI = 3,14 ist, steckt dahinter kein Naturgesetz, sondern PI ist die Konstante eines k\u00fcnstlichen (Geistes-) Modells namens perfekter Kreis, wie ihn die Natur nicht hervorbringt und wenn doch, dann als Ausnahme von der Regel.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist alles verflucht theoretisch und wird mir die H\u00e4lfte der eh schon sp\u00e4rlichen Leserschaft vergraulen. Mit konkreten Beispielen f\u00fcttern, so dass jeder sofort merkt: Der Typ schreibt hier tats\u00e4chlich \u00fcber Krimis und kehrt nicht nur sein Gehirn aus (macht er doch, aber das Schreiben \u00fcber Krimis ist wie das Schreiben von Krimis. Mathematik. Aus der Geistes- soll eine Naturwissenschaft werden).<\/p>\n\n\n\n<p>Was lese ich gerade? Sandro Veronesis &#8222;XY&#8220;, einen &#8222;Kriminalroman&#8220; (ich liebe G\u00e4nsef\u00fc\u00dfchen), in dem das Verbrechen sich so v\u00f6llig der Deduktion entzieht (also im Sinne des Krimis sinnlos wird), dass es sofort einen Sinn bekommt. Hier schlie\u00dft sich ein Kreis. Dupin liest Veronesi (erstes Bild, vorl\u00e4ufig formulieren, erster Satz, vielleicht: &#8222;Mit Poe beginnt die Kriminalliteratur, mit Veronesi k\u00f6nnte sie enden.&#8220;)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 5:<\/strong> Mit Edgar Poe beginnt die Kriminalliteratur und mit Sandro Veronesi k\u00f6nnte sie enden. Beide Behauptungen sind falsch, aber die am wenigsten falschen, wenn wir die Arme ausbreiten, um &#8222;Krimi&#8220; zu fassen, ohne ihn zu erdr\u00fccken oder ins Leere zu greifen. Mit Poe beginnt das Spiel, weil er ein Objekt findet, mit dem zu spielen sich lohnt: seinen kombinatorischen Verstand. Veronese macht das Spielzeug kaputt, aber das Spiel geht weiter.<br \/>&#8230;. Jetzt muss \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/09\/authentisch.php\">&#8222;Marie Roget&#8220; <\/a>ins \u00e4h Spiel gebracht werden:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 6:<\/strong> Die Individualisierung des Mordes und seine Anonymisierung. Gro\u00dfes Thema, krimirelevant in jeder Beziehung. Vielleicht DIE Wasserscheide der Zukunft. Bei den Feierlichkeiten zum 10. Jahrestag von NineEleven werden die Namen der ca. 3000 Ermordeten verlesen. Wer verliest die Namen der Ermordeten am, sagen wir, 11.9.1972 bei einem gew\u00f6hnlichen Fl\u00e4chenbombardement in Vietnam?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 7:<\/strong> Wie alle Literatur ist auch der Krimi in jeder Hinsicht ambivalent. Ein Trost- und Emp\u00f6rungsmittel, Beruhigungs- und Aufputschtablette, Hammer und Amboss. Wo aber alles alles sein kann, hebt sich alles auf und nichts \u00e4ndert sich. \u00dcber den Krimi als manisch-depressive Kunst in der Zwangsjacke der Gewohnheit (Tippfehler eben: &#8222;Aufputz&#8220; statt &#8222;Aufputsch&#8220;, passt auch).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 8<\/strong>: Steht &#8222;Krimi&#8220; f\u00fcr &#8222;Fortschritt&#8220;? Sind alle Verst\u00f6\u00dfe gegen die Regeln von &#8222;Krimi&#8220; Indizien f\u00fcr die Abkehr von der Fortschrittsgl\u00e4ubigkeit? Zu einfach. &#8222;Fortschritt&#8220; ist ein dialektisches Minenfeld. Fortschreiten, erkunden, ermitteln, bew\u00e4ltigen. Einerseits. Aus einem dunklen Wald fl\u00fcchten: andererseits. Da &#8222;Fortschritt&#8220; &#8222;endlos&#8220; impliziert, steht am Ende des herk\u00f6mmlichen Krimis Stillstand.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Off-topic-Zettel:<\/strong> FDP wieder bei 5%. Plump-durchsichtige Kampagnien finden also weiterhin ihre bereitwilligen Schafe wie \u2013 topic on \u2013 plump-durchsichtige Krimis. Sich winterabends auf dem Sofa l\u00fcmmeln, Grog trinken und an verst\u00fcmmelten Leichnamen delektieren, dem n\u00e4chsten &#8222;Krimidinner&#8220; entgegenfiebern. Entzivilisierter Candlelight-Sadismus. Wer sich mit &#8222;Krimi&#8220; auseinandersetzt, kriecht in die banalsten Abgr\u00fcnde der Menschheit. R\u00f6sler goes R\u00f6giokrimi.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 9: <\/strong>Vage Idee f\u00fcr eine Gliederung. Jedem Kapitel eine Bildbeschreibung voranstellen, den jeweiligen Zustand von &#8222;Krimi&#8220; mit einem Gem\u00e4lde \/ einer Kunstrichtung erfassen. Dass mit Turner begonnen werden muss: einleuchtend. Dass irgendwann \u2013 und zwar dominierend! \u2013 auch der r\u00f6hrende Hirsch \/ die glut\u00e4ugige Spanierin \/ der stigmatisiert grinsende Jesus in viel \u00d6l und Kitsch auftaucht: versteht sich. Dazwischen viele M\u00f6glichkeiten. Als &#8222;Krimi&#8220; so wie eine Zeichnung von Hartfield oder Grosz, oder n\u00fcchtern realistisch oder kubistisch oder abstrakt oder knallbunte Popart. Problem: So gut kenne ich mich in der Kunstgeschichte auch wieder nicht aus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 10:<\/strong> Lesen hei\u00dft Sinnstiftung. Krimi ist Sinnstiftung (sammeln \/ ordnen \/ bewerten). Einen Krimi lesen: Sich selber Sinn stiften, indem man anderen beim Sinnstiften zuschaut. Stichworte: Lesemodelle (wir lesen nicht nur B\u00fccher, sondern auch in Gesichtern, Gesten, Abl\u00e4ufen), fr\u00fchkindliche Weltaneignung, der Krimi als ritualisierte Wiederholung dieser Ur-Sinnstiftung<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man verzettelt so vor sich hin. Zettel f\u00fcr Zettel auf Facebook, ab jetzt auch geb\u00fcndelt im Blog. 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