{"id":17533,"date":"2007-03-19T07:29:28","date_gmt":"2007-03-19T07:29:28","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/03\/das-dumme-an-krimis\/"},"modified":"2022-06-16T01:41:15","modified_gmt":"2022-06-15T23:41:15","slug":"das-dumme-an-krimis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/03\/das-dumme-an-krimis\/","title":{"rendered":"Das Dumme an Krimis"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/k_krimis.gif\" alt=\"k_krimis.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Entschuldigung, dass ich so lange nix hab von mir h\u00f6ren lassen. Aber hier im Finanzamt geht um diese Jahreszeit die Post ab. Einkommenssteuererkl\u00e4rung. Jeden Tag sitzen zwanzig Leutchen auf dem (nat\u00fcrlich ungepolsterten) Besucherstuhl, reichen mir ihre Formulare und wollen \u2013 so-fort bitte! \u2013 wissen, mit welcher R\u00fcckerstattung Sie rechnen d\u00fcrfen. Unangenehm, dieser Publikumsverkehr. Aber dabei ist mir etwas ganz Seltsames aufgefallen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Gestern zum Beispiel. Ein Herr Senftleben, Lohnabh\u00e4ngiger, au\u00dfer bei den Werbungskosten kann so einer nicht beschei\u00dfen. Ob ich ihm denn sagen k\u00f6nne, wieviel&#8230;na, war nicht schwer. Ein wenig auf dem Taschenrechner rumgetippt \u2013 398,20 Euro, guter Mann. Er hat einen Zettel aus seiner Jackentasche gezogen und abgelesen: 179,83 Euro, das sei bei seiner Rechnung rausgekommen, sagt er, sichtlich betr\u00fcbt. Na, sag ich, da freuen Sie sich doch mal, guter Mann! Aber, und das war eben das Seltsame, er hat sich gar nicht richtig freuen k\u00f6nnen. Leute gibt\u2019s, dachte ich mir sp\u00e4ter, und pl\u00f6tzlich ist es mir wie Schuppen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Krimis n\u00e4mlich. Ich meine: Da ist es doch genauso. Du liest endlich, wer der M\u00f6rder war und denkst dir: Mein Gott, was bin ich bl\u00f6d. H\u00e4tte ich doch wirklich selber draufkommen k\u00f6nnen. Dass dir deine Bl\u00f6dheit die Spannung bis zum Schluss erhalten hat, spielt keine Rolle. Anders ist es, wenn du schon ab Seite 29 den richtigen T\u00e4ter in Verdacht hast und dir ab Seite 65 sicher bist: Der Kellner wars! Am Ende kriegst du die Best\u00e4tigung \u2013 und bist auch nicht zufrieden, weil du zwar jetzt wei\u00dft, was f\u00fcr ein kluges Kerlchen du bist (man k\u00f6nnte glatt selber mal einen Krimi schreiben), aber von Spannung nat\u00fcrlich keine Rede sein konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann es also keinem recht machen bei den Kriminalromanen. Entweder bist du der Depp, aber hast wenigstens dein Spannungsmaximum, oder du bist schlau und langweilst dich. Bei der Steuererkl\u00e4rung genauso. Der Herr Senftleben hat sich \u00fcber das zus\u00e4tzliche Geld nicht freuen k\u00f6nnen, weil er falsch gerechnet hat und als Idiot dagestanden ist. Die Frau W\u00fcrgess vorgestern hat weniger gekriegt als vorausberechnet, aber der hat man richtig angemerkt, wie sich die Spannung gel\u00f6st hat, ein Honigkuchenpferd auf Dope kann nicht seliger l\u00e4cheln als die Frau W\u00fcrgess. Und der Herr Knechtl vorvorgestern, der seine R\u00fcckverg\u00fctung auf den Cent genau ausgerechnet hat, na, der hat sich vielleicht als toller Bursch gef\u00fchlt, aber dabei ziemlich gelangweilt ausgesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zum Krimi. Das Lesen von einem solchen ist also immer irgendwie ein Minuserlebnis, wenn ich das mal so wissenschaftlich formulieren darf. Spannend ist\u2019s nur f\u00fcr die Bl\u00f6den, gesteigertes Selbstwertgef\u00fchl wird mit Langeweile teuer erkauft. Gibt es einen Ausweg? Der Krimi, bei dem der Detektiv die L\u00f6sung aus der Tasche zieht und wo man nicht wei\u00df, wie sie da eigentlich reingekommen ist, kanns ja nicht sein. Da f\u00fchlt man sich einfach nur verarscht. Krimis, bei denen der M\u00f6rder schon auf der ersten Seite bekanntgegeben wird und in denen es fortan nur noch ums \u201ePsychologische\u201c geht oder \u201edie Gesellschaftskritik\u201c, sind was f\u00fcr Intellektuelle, die eigentlich gar keine richtige Spannung wollen und eigentlich auch gar keine Krimis zu lesen w\u00fcnschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht sollte ich mal den Herr dpr an dieses Thema setzen, der schreibt ja mit Vorliebe \u00fcber solches Ged\u00f6ns. Der Kriminalroman als naturgesetzlich unvermeidliche Beeintr\u00e4chtigung der Lebensqualit\u00e4t. Spannung hei\u00dft Nichtwissen, aber Wissenwollen, wer wei\u00df, der empfindet keine Spannung, wer keine Spannung empfindet, langweilt sich. Oder: Strunzdummheit als Motor einer ertr\u00e4glichen Existenz. Oder: Wer Krimis liest, sollte mal zum Nervenarzt gehen. Ach, ich seh den Herrn dpr vor meinem geistigen Auge schon wacker formulieren!<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht sollte man sich ein Beispiel an dem Herrn Torfmann nehmen, der war vorige Woche hier. So ein dauerdepressiver Typ, hat seinen Antrag abgegeben und gemurmelt: \u201eAlles Zeitverschwendung, ich krieg ja eh nix zur\u00fcck.\u201c Hab ich kurz dr\u00fcbergeschaut und gesagt: \u201eDa haben Sie v\u00f6llig Recht, Herr Torfmann.\u201c Und er hat gel\u00e4chelt. \u201eWusst ichs doch, danke sch\u00f6n.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Also: Wenn Sie n\u00e4chstens einen Krimi lesen, rechnen Sie am besten mit dem Schlimmsten. Und freuen Sie sich, wenn es eintrifft.<\/p>\n\n\n\n<p>Freundlichst<br \/>Ihr K.<\/p>\n\n\n\n<p><em>(Herr K. arbeitet als Sachbearbeiter bei der Oberfinanzdirektion Oberursel. Wenn es ihm seine Zeit erlaubt, nutzt er die Mittagspausen zu fundierter Krimierkl\u00e4rung. Oder liest zum 400. Mal \u201eMord im Orientexpress\u201c)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entschuldigung, dass ich so lange nix hab von mir h\u00f6ren lassen. Aber hier im Finanzamt geht um diese Jahreszeit die Post ab. Einkommenssteuererkl\u00e4rung. Jeden Tag sitzen zwanzig Leutchen auf dem (nat\u00fcrlich ungepolsterten) Besucherstuhl, reichen mir ihre Formulare und wollen \u2013 so-fort bitte! \u2013 wissen, mit welcher R\u00fcckerstattung Sie rechnen d\u00fcrfen. Unangenehm, dieser Publikumsverkehr. 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