{"id":17540,"date":"2007-03-21T08:09:28","date_gmt":"2007-03-21T08:09:28","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/03\/rache-und-inseln\/"},"modified":"2022-06-09T21:27:04","modified_gmt":"2022-06-09T19:27:04","slug":"rache-und-inseln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/03\/rache-und-inseln\/","title":{"rendered":"Rache und Inseln"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/dreikrimis.jpg\" alt=\"dreikrimis.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Drei Krimis in der Schnellkritik. Nummer eins und Nummer zwei haben nicht nur den Verlag, sondern auch das Thema gemein. Nummer zwei und drei sind Inselromane und stammen von \u201eMonopolisten\u201c. Und alle drei handeln von Rache.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Vor Zighunderten von Jahren haben die Schweizer ein bisschen Freiheitskrieg gemacht, einen R\u00fctlischwur geleistet; seitdem leben sie auf einer Insel der Seeligen und lassen es, auch in ihren Krimis, eher geruhsam angehen. So wie Ernst Sol\u00e8r, dessen Polizeiheld Staub jetzt seine zweite Ermittlung gl\u00fccklich hinter sich gebracht hat. \u201eStaub im Wasser\u201c erz\u00e4hlt von dubiosen Finanzgebaren und einem Rachefeldzug, bei dem drei Treuh\u00e4nder buchst\u00e4blich ihre K\u00f6pfe verlieren und ein vierter vielleicht auch noch, wenn Hauptmann Fred Staub den T\u00e4ter nicht rechtzeitig fasst. Stoff f\u00fcr Turbulenzen. Doch, siehe oben, Sol\u00e8r schreibt seine Geschichte ohne \u00fcberfl\u00fcssigen Aktionismus, sein Ermittlerteam dr\u00e4ngt sich nicht in den Vordergrund und auch der Blick hinter die Kulissen der legend\u00e4ren Schweizer Finanzlandschaft ist eher lakonisch als entlarvend. Ein wenig Humor w\u00fcrzt den kurzweiligen Text, der seine Aufgabe, gut und spannend zu unterhalten, zur Zufriedenheit erf\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Kilometer n\u00f6rdlicher hatte Verlagskollege J\u00f3gvan Isaksen eine verbl\u00fcffend \u00e4hnliche Plotidee. Auch in \u201eOption F\u00e4r\u00f6er\u201c geht es um betr\u00fcgerische Anlageberater und Rache, sterben die Schuldigen wie Fliegen, aber, ach, wie hektisch das alles. Protagonist Martinsson, Journalist, erinnert ein klein wenig an Malets Nestor Burma: hartgesotten und moralisch nicht ganz astrein, immer mit dem rechten Riecher und den unglaublichsten Zuf\u00e4llen auf seiner Seite. Nur: Lag die Kunst Malets darin, uns bei Gelegenheit der Burmaschen Kapriolen Paris aus dem Blickwinkel seines zynisch-resignierten Helden zu zeigen, so enth\u00e4lt uns Isaksen \u201esein\u201c F\u00e4r\u00f6er weitgehend vor. Dort scheint man sich mit Vorliebe in \u201eBierclubs\u201c zu pr\u00fcgeln oder Fernsehpredigern zu huldigen. Kein Wunder, dass Isaksen seinen Fall bis nach Italien ausdehnt, Vatikan, Geheimlogen, Mafia werden bem\u00fcht und auch ein Abstecher ins Schweizer Bankenparadies darf nicht fehlen. \u00dcberzeugen kann das alles dennoch nicht. Das \u201eAlleinstellungsmerkmal F\u00e4r\u00f6er\u201c wird verspielt, Schauplatz k\u00f6nnte auch ein g\u00e4nzlich anderer sein. Schade. Hoffen wir auf den dritten Fall.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Gran Canaria ist eine Insel. Und Jos\u00e9 Luis Correa dort \u2013 wie Isaksen auf F\u00e4r\u00f6er \u2013 Monopolist in Sachen Krimi. Ricardo Blancos zweiter Fall beginnt wie der tausendste Serienmordaufguss \u2013 brave B\u00fcrger werden, in Reizw\u00e4sche gekleidet, tot aufgefunden. Doch ganz schnell entwickelt sich ein origineller, so gar nicht nach Klischee schmeckender Krimi. Correas Geheimnis: Er kann schreiben. Unaufdringlich, h\u00e4ufig nur mit wenigen S\u00e4tzen gelingt ihm ein Soziogramm seiner Heimat, werden Figuren vom erfolglosen Vertreter \u00fcber den alten Mann im Angesicht des Todes bis zur traumatisierten Anw\u00e4ltin skizziert, Typen halt in einer normalverqueren Welt. Der Fall selbst ist auf erschreckende Weise logisch und aktuell: Frauen als anscheinend seelenlose, beliebig zu gebrauchende Lustobjekte. Correas Kunst \u2013 und es ist eine \u2013 besteht darin, das bekannte Schema des Detektivromans glaubw\u00fcrdig und intelligent mit Leben zu f\u00fcllen. Da wird geprotzt und r\u00e4sonniert, rasch \u00fcberblickt und genau betrachtet \u2013 assoziativ eins aus dem anderen, eine Gesellschaft zwischen Massentourismus und gestrandeten Bootsfl\u00fcchtlingen. Fl\u00fcssig mit Widerhaken. Gibt\u2019s nicht? Gibt\u2019s. Spannend obendrein.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Ernst Sol\u00e8r: Staub im Wasser. <br \/>Grafit 2007. 222 Seiten. 8,50 Euro<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">J\u00f3gvan Isaksen: Option F\u00e4r\u00f6er. <br \/>Grafit 2007 (Original \u201eGr\u00e1ur Oktober\u201c, 1994, deutsch von Christel Hildebrandt). <br \/>256 Seiten. 8,95 Euro<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jos\u00e9 Luis Correa: Tod im April. <br \/>Unionsverlag (metro) 2007 (Original \u201eMuerte en abril\u201c, 2004, deutsch von Verena Kilchling). <br \/>252 Seiten. 9,90 Euro<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drei Krimis in der Schnellkritik. Nummer eins und Nummer zwei haben nicht nur den Verlag, sondern auch das Thema gemein. Nummer zwei und drei sind Inselromane und stammen von \u201eMonopolisten\u201c. 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