{"id":17557,"date":"2007-03-29T08:01:43","date_gmt":"2007-03-29T08:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/03\/susanne-goga-tod-in-blau\/"},"modified":"2022-06-16T02:03:14","modified_gmt":"2022-06-16T00:03:14","slug":"susanne-goga-tod-in-blau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/03\/susanne-goga-tod-in-blau\/","title":{"rendered":"Susanne Goga: Tod in Blau"},"content":{"rendered":"\n<p>Roaring Twenties. Berlin. Die Weimarer Republik, ein labiles Konstrukt, an dem die Extreme r\u00fctteln. Turbulente Zeit. Die nach dem turbulenten Krimi verlangt? Nicht unbedingt. Obwohl: Vielleicht h\u00e4tte etwas mehr Turbulenz Susanne Gogas \u201eTod in Blau\u201c vor der Mittelm\u00e4\u00dfigkeit retten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dieser nach \u201eLeo Berlin\u201c zweite Fall f\u00fcr Kommissar Leo Wechsler spielt also im Berlin des Jahres 1922, mitten in der Wirtschaftskrise, mitten im rumorenden politischen Sektierertum, mitten in der Armut der sogenannten \u201ekleinen Leute\u201c. Ein Angestellter in einem Konfektionsgesch\u00e4ft und augenscheinlich Anh\u00e4nger deutschnationaler Theorien wird tot aus dem Landwehrkanal gezogen. Die Spur f\u00fchrt zur \u201eAsgard-Gesellschaft\u201c, wo sich ehemalige Offiziere der geschlagenen Armee in Dolchsto\u00df- und Rachelegenden suhlen. Dann geschieht ein zweiter Mord, und auch er f\u00fchrt zur \u201eAsgard-Gesellschaft\u201c. Der Maler Arnold Wagner wird in seinem Atelier get\u00f6tet, ein Bild gestohlen \u2013 und ein kleiner Junge wei\u00df mehr, als f\u00fcr ihn gut ist.<\/p>\n\n\n\n<p>So entwickelt sich gemach ein typischer Polizeikrimi mit, wie man sagt, zeitgeschichtlichem Kolorit. Susanne Goga hat recherchiert, sie klebt uns ein Bild jener merkw\u00fcrdig nerv\u00f6sen Epoche deutscher Vergangenheit zusammen, Klebstoff ist nat\u00fcrlich \u201eder Fall\u201c. Wir steigen in die Niederungen des erb\u00e4rmlichen Alltagslebens einer von der Krise gebeutelten Bev\u00f6lkerung, sehen, wie sich aus Arroganz und Dummheit jenes Pfl\u00e4nzlein entwickelt, das ein Jahrzehnt sp\u00e4ter \u00fcber das ganze Land wuchern wird, man gew\u00e4hrt uns zudem ein Einblick in die Kunst der Zwanziger Jahre, denn dieser Arnold Wagner malt \u201eprovokante Bilder\u201c, ist eine Art George Grosz. Auch Kommissar Wechsler hat Probleme: mit der in einen Schieber verliebten Schwester, missg\u00fcnstigen Kollegen und, nat\u00fcrlich, mit sich selbst. Er verliebt sich in eine Buchh\u00e4ndlerin, die ein Geheimnis hat, was sonst.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, das ist alles nicht schlecht gemacht. Sondern routiniert, vorhersehbar, eine Geschichtsstunde f\u00fcr LeserInnen, die mit Andeutungen und Signalen zufrieden sind. Denn das ist der Schwachpunkt: An keiner Stelle dieses Romans schwindet der Verdacht, er spiele vor einer k\u00fcnstlichen, aus historischen Versatzst\u00fccken zusammengebauten Kulisse. Die gro\u00dfen Themen der Zeit werden sauber abgehakt, ihren Geist sp\u00fcrt man dennoch nicht. Es gibt sehr viel Armut in den Berliner Hinterh\u00f6fen, die Reaktion\u00e4re formieren sich, die Kunst widmet sich den H\u00e4\u00dflichen \u2013 dass das alles zusammenh\u00e4ngt, sich durchdringt: das darzustellen, dazu reichen die Mittel Susanne Gogas nicht aus. Weder die kompositorischen noch die sprachlichen. Beides ist h\u00f6chst bieder, h\u00f6chst durchschnittlich, etwas Inspiration von den Literaten der Zwanziger h\u00e4tte gutgetan.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleibt nur festzustellen: Wer Krimis einfach so wegliest, kann an \u201eTod in Blau\u201c durchaus seine ged\u00e4mpfte Freude haben. Wer von Kriminalromanen, zumal \u201ehistorischen\u201c, ein wenig mehr erwartet, wird nur oberfl\u00e4chlich bedient.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Susanne Goga: Tod in Blau. <br \/>dtv 2007. 298 Seiten. 14,50 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roaring Twenties. Berlin. Die Weimarer Republik, ein labiles Konstrukt, an dem die Extreme r\u00fctteln. Turbulente Zeit. Die nach dem turbulenten Krimi verlangt? Nicht unbedingt. 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