{"id":17571,"date":"2007-04-05T07:27:59","date_gmt":"2007-04-05T07:27:59","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/04\/anne-perry-das-dunkle-labyrinth\/"},"modified":"2022-06-16T01:20:41","modified_gmt":"2022-06-15T23:20:41","slug":"anne-perry-das-dunkle-labyrinth","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/04\/anne-perry-das-dunkle-labyrinth\/","title":{"rendered":"Anne Perry: Das dunkle Labyrinth"},"content":{"rendered":"\n<p>Bitte keine historischen Kriminalromane mehr, die \u201ehervorragend recherchiert\u201c sind! Keine Potemkinschen D\u00f6rfer mit Baumaterialien aus Geschichtsb\u00fcchern, keine \u201eAusfl\u00fcge in die Vergangenheit!\u201c Mag ja alles lehrreich sein. Aber eben doch nur Vergangenheit aus zweiter Hand. Gebt uns Originale \u2013 oder aktuelle Krimis, die sich nicht in Faktenhuberei ersch\u00f6pfen. Gebt uns, zum Beispiel, Anne Perry.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nach einigen beruflichen und privaten Desastern ist Inspector William Monk bei der Londoner Flusspolizei gelandet, wo man ihn argw\u00f6hnisch be\u00e4ugt. W\u00e4hrend einer Dienstfahrt auf der Themse wird er Zeuge, wie die junge Mary Havilland von einer Br\u00fccke ins Wasser st\u00fcrzt und ertrinkt. Mit ihr stirbt Toby, Verlobter des Opfers und j\u00fcngerer Bruder des Bauunternehmers Alan Argyll. Hat er Mary vom Selbstmord abhalten wollen und wurde von ihr mit in den Tod gerissen? Vieles spricht daf\u00fcr, denn Marys Vater, Ingenieur in Argylls Unternehmen, hat selbst erst vor kurzem Selbstvermord ver\u00fcbt, nachdem seine Warnungen vor den Gefahren beim Bau eines neuen Abwassersystems f\u00fcr London verlacht, in den Wind geschlagen wurden. Mary hatte sich in den Kopf gesetzt, ihren Vater zu rehabilitieren \u2013 und ist damit vielleicht einer unangenehmen Wahrheit gef\u00e4hrlich nahe gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir befinden uns im London des Jahres 1864. Die Stadt ist noch geschw\u00e4cht von einer Typhusepidemie, das neue Abwassersystem wird dringend ben\u00f6tigt, koste es, was es wolle. Doch die neuen Maschinen graben sich ohne R\u00fccksicht auf geologische Gegebenheiten durch die Erde, die Arbeiter verrichten ihr Tagwerk auf einem Pulverfass, ganz zu schweigen von denen, die im Dunkeln der Kanalisation ihr Leben fristen. William Monk, der weder bei Mary noch ihrem Vater an die Selbstmordtheorie glaubt, ger\u00e4t in eine unbekannte, bedrohliche, immer auch schmutzige und armselige Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das klingt nun alles sehr nach Charles Dickens, und tats\u00e4chlich f\u00fchrt uns Anne Perry in die Herrenh\u00e4user ebenso wie in die Elendsquartiere Londons, macht uns bekannt mit den Hungernden, den Invaliden, den Eltern- und Heimatlosen, den Gesch\u00e4ftemachern und Gutsituierten. Aber das ist doch nur die Kulisse, w\u00e4re, g\u00e4be es sonst nichts als die \u00fcblichen pittoresken Genrebildchen, bestenfalls ein netter Dickens-Abklatsch, ein weiterer Versuch, uns die Vergangenheit aus Druckerschw\u00e4rze und Papier nachzubauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer indes Perry kennt, wei\u00df, dass ihr Thema ein anderes ist: die Situation der Frauen im Viktorianischen Zeitalter, ihre N\u00f6te, ihre Forderungen, ihr Unterdr\u00fccktsein. Auch \u201eDas dunkle Labyrinth\u201c wartet folglich mit den Spielarten weiblicher Existenz auf: Frauen zwischen Familie und Beruf, ihrer Rolle zwischen P\u00fcppchen und Arbeitsmaschine, Frauen als Anh\u00e4ngsel und Abh\u00e4ngige. Es gibt starke Frauen wie Hester Monk, die auf eigene Faust Nachforschungen \u00fcber das Schicksal Marys anstellt, es gibt schwache wie Alan Argylls Angetraute Jenny, Marys Schwester. Um all diese Frauen geht es, und hier liegt auch der Schl\u00fcssel zur Kl\u00e4rung der tragischen Umst\u00e4nde zweier Todesf\u00e4lle.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie immer erz\u00e4hlt Anne Perry ihre Geschichte sehr gem\u00e4chlich, mit vielen, manchmal vielleicht zu vielen Wiederholungen. Aber sie schafft es damit, ein stimmiges Bild jener Zeit zu malen, ohne dabei Historie als blo\u00dfe Kulisse aus Fakten und Klischees zu missbrauchen. Sie analysiert Zust\u00e4nde \u2013 die der Frauen, die des Fortschritts allgemein \u2013 und verbindet diese Analyse mit einem Kriminalfall typisch englischer Machart. Die Leser wissen nat\u00fcrlich sofort, wer hinter allem steckt \u2013 und werden am Ende angenehm entt\u00e4uscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Historische Kriminalromane, dies das Fazit, k\u00f6nnen funktionieren, wenn sie Szenarien schaffen, die gesellschaftliche Stimmungslagen in all ihrer Komplexheit unter die Lupe nehmen und abseits von Geschichtstourismus erz\u00e4hlen. Anne Perry beherrscht diese Kunst.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Anne Perry: Das dunkle Labyrinth. \nGoldmann 2007 \n(Original: \u201eDark Assassin\u201c, 2006, deutsch von Peter Pfaffinger). \n447 Seiten. 12 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bitte keine historischen Kriminalromane mehr, die \u201ehervorragend recherchiert\u201c sind! 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