{"id":17573,"date":"2011-10-05T08:24:06","date_gmt":"2011-10-05T08:24:06","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/10\/dominique-manotti-einschlaegig-bekannt\/"},"modified":"2022-06-16T01:18:06","modified_gmt":"2022-06-15T23:18:06","slug":"dominique-manotti-einschlaegig-bekannt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/10\/dominique-manotti-einschlaegig-bekannt\/","title":{"rendered":"Dominique Manotti: Einschl\u00e4gig bekannt"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"190\" height=\"302\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/manotti_bekannt.jpg\" alt=\"manotti_bekannt.jpg\"\/> Jetzt, wo auch der Gerichtsmedizinerthriller so allm\u00e4hlich den Weg allen Hypes geht, w\u00e4re es an der Zeit f\u00fcr einen Werbeslogan. &#8222;Dominique Manotti! Die Frau, die das Skalpell durch die noch warme Leiche der franz\u00f6sischen Gesellschaft zieht! Achtung, es kann zu \u00dcbelkeit erregender Gasentwicklung kommen!&#8220; Das lassen wir dann in Leuchtschrift \u00fcber alle Prachtstra\u00dfen und \u2013pl\u00e4tze dieser Welt glitzern, von der Pariser Innenstadt, die weit entfernt von den Banlieues vor sich hin tr\u00e4umt bis zur New Yorker Wallstreet, wo gerade die Verarschten des amerikanischen Traumes aufzuwachen beginnen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nach der kriminellen Arbeitswelt (&#8222;Letzte Schicht&#8220;) und der korrupten Politik (&#8222;Roter Glamour&#8220;) liegen nun die Polizeiorgane auf dem Schneidetisch. Wiewohl: Zu trennen ist das alles nicht, die hohen Herren mit ihren marionetten Gesten dirigieren im Hintergrund, der Bodensatz kr\u00fcmmt sich weiterhin, alles geh\u00f6rt zusammen. Ein Polizeirevier in einer Pariser Banlieue, halb Ghetto, halb Slum, der t\u00e4gliche Kampf gegen die Verbrechen, aber blo\u00df nicht gegen die in den eigenen Reihen. Polizisten als Zuh\u00e4lter, Polizisten als Totschl\u00e4ger, Polizisten als Wegschauer, Polizisten als Brandstifter, Helfershelfer, M\u00f6rder. Und die Chefin vom Ganzen, effizient \/ ehrgeizig \/ eloquent, eifrig um das Erreichen der gesetzten Planziele bem\u00fcht: den Augiasstall der Emigranten, der Eingeb\u00fcrgerten, der Sans Papiers ausmisten. Ein Schelm, der dabei an jenen kleinen Mann in den hohen Schuhen denkt, der das Schw\u00e4ngern kesser Schlagers\u00e4ngerinnen zum Wahlkampfargument erhoben hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande agierend, aber mittendrin: Noria Ghozali, die wir in &#8222;Roter Glamour&#8220; kennen lernten, wo sie eine Berufsanf\u00e4ngerin war. Nun, zwanzig Jahre sp\u00e4ter, ist sie selbst ziemlich weit oben und begibt sich in die Niederungen des Alltags, um den kriminellen Kollegen samt Anf\u00fchrerin das Handwerk zu legen. Was, wir verraten nicht zuviel, nur sehr unbefriedigend gelingt. Aber da ist sie wieder: die n\u00fcchterne T\u00e4tigkeit des Sezierens, eine v\u00f6llig illusionslose Besch\u00e4ftigung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei brennt die Autorin, man kennt es von ihr nicht anders. Sie brennt in scharfen S\u00e4tzen, harten Szenen, sie beobachtet, ordnet, das Werten \u00fcberl\u00e4sst sie den nachfolgenden Instanzen, den Leserinnen und Lesern also. Manotti ist das, was man &#8222;engagiert&#8220; nennt, eine gute alte franz\u00f6sische Tradition (wir h\u00e4tten doch nicht nur das Baguette von den Franzosen \u00fcbernommen sollen) seit Zolas Zeiten. Schwarz \/ wei\u00df wird das trotzdem nicht. Alles spielt ineinander: die Machtgeilheit trifft den Rassismus, permanente Unterv\u00f6gelung und permanente \u00dcberforderung ergeben in einer biochemischen Verbindung sozialen Sprengstoff.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja doch, Manotti seziert eine Leiche, aber die Leiche glaubt sich noch quietschfidel, wie das gek\u00f6pfte Huhn, das \u00fcber den H\u00fchnerhof rennt. Die Leiche spricht sogar \u2013 und nicht nur Franz\u00f6sisch, auch Deutsch und Englisch und Spanisch und Griechisch. Manottis Personal ist von jener exakten Schemenhaftigkeit, die das immer wieder f\u00fcr &#8222;gelungene Kriminalromane&#8220; vorgebrachte Argument der psychologischen Fassbarkeit ad absurdum f\u00fchrt. Noria Ghozali zwischen dem Angekommensein und dem Umherirren, ein junger Polizist zwischen Pflichteifer und Gewissensbissen, ein anderer zwischen dem T\u00e4tersein und dem Opfersein. Bei Manotti wird eben nichts zurechtgebogen, was von Natur aus krumm ist. Sie schneidet sich durch den aufb\u00e4umenden K\u00f6rper einer Gesellschaft, die von ihrem Ableben noch nichts wei\u00df. Es stinkt, aber wir k\u00f6nnen uns nicht die Nasen zuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Dominique Manotti: Einschl\u00e4gig bekannt. <br \/>Argument \/ Ariadne 2011 <br \/>(Bien connue des services de police. 2010. Deutsch von Andrea Stephani). <br \/>250 Seiten. 12,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt, wo auch der Gerichtsmedizinerthriller so allm\u00e4hlich den Weg allen Hypes geht, w\u00e4re es an der Zeit f\u00fcr einen Werbeslogan. &#8222;Dominique Manotti! Die Frau, die das Skalpell durch die noch warme Leiche der franz\u00f6sischen Gesellschaft zieht! 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